Home
http://www.faz.net/-gun-77q37
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Gender-Design „Ich glaube nicht, dass Mädchen ein pinkes Gen haben“

Uta Brandes, Professorin für Gender-Design, erklärt, warum Männer Saftpressen wie Porsches entwerfen und was Frauen anders machen.

© JeongMee Yoon Vergrößern Für manche Mädchen ist schon die Kindheit erstaunlich rosig.

Frau Brandes, würden Sie sagen, dass Stehleuchten grundsätzlich ein Phallussymbol sind?

Nein. Grundsätzlich nicht. Ein Phallus ist ja auch etwas anders geformt. Aber über die Formensprache von Produkten lässt sich in bestimmten Bereichen schon sagen, dass alles, was aufrecht steht und in den Himmel ragt, eher männlich, und alles was gefäßförmig, intrauterin ist und nach innen geht, eher weiblich assoziiert ist. Doch auf jede Leuchte und jedes Sofa würde ich das nicht anwenden wollen.

Was stört Sie als Gender-Expertin besonders? Dass immer noch Männer unser Design bestimmen?

Das auch. Eine gute geschlechtliche Durchmischung würde für eine größere Vielfalt sorgen. Selbst Bereiche, die als typisch weiblich gelten, werden bis heute von Männern gestaltet. Küchengeräte zum Beispiel. Und mein Gefühl dabei ist oft, provokativ gesagt, eigentlich hätte sich der Designer lieber an einem Porsche und nicht an einer Saftpresse versucht. Darum versieht er eben die Saftpresse mit einem Turbo, der aus 17 Teilen besteht, die man nur schlecht wieder zusammensetzen kann. Ich habe so eine Saftpresse, die in der Ecke verstaubt, weil ich die vielen Teile nicht immer säubern will. Für mich ein typischer Fall, dem Mann fehlt die entsprechende Erfahrung.

Man kann einem Design also ansehen, ob es von einer Frau oder von einem Mann stammt?

Nicht so direkt. Einer schlicht weißen Kaffeetasse kann man es natürlich nicht ansehen. Bestimmte Merkmale und Funktionsweisen geben aber schon Hinweise. Hinzu kommt, dass Designerinnen oft von vornherein festgelegt werden. Nur ein Beispiel: Wenn Designerinnen überhaupt in der Automobilbranche tätig werden dürfen, dann ausschließlich an der Innengestaltung des Wagens. Für den Bereich „Colour and Trim“, Farbe und Verkleidung. Den Rest machen Männer. Das gilt übrigens für alle Automarken.

Auch die Frauenmode wird von Männern beherrscht.

Richtig. Das gilt auch für Profiköche. Dazu gibt es eine interessante These: In dem Moment, in dem ein Bereich, der lange als typisch weiblich galt, wie Nähen, Stricken, Kochen, professionalisiert wird, und der dann auch noch Erfolg hat, wird er gerne von Männern übernommen. Das Nähen und Kochen zu Hause, was weniger Anerkennung bringt, bleibt in Frauenhand. Zugleich muss man festhalten, dass es in den Geschlechtern noch sexuelle Präferenzen gibt. Mode zieht auffällig viele Schwule an.

23666317 © privat Vergrößern Uta Brandes ist Professorin für Gender und Design und für Designforschung an der Köln International School of Design.

Achten Sie selbst darauf, ob die Dinge, die Sie kaufen, von einer Frau entworfen wurden?

Ausdrücklich nicht, aber ich schaue Dinge natürlich automatisch unter der Geschlechterperspektive an. Und ich behaupte von mir, dass ich manchen Produkten ansehe, ob sie von einer Designerin sind. Im Alltagsleben erlebe ich es zudem oft, dass von Frauen gestaltete Dinge für mich funktionaler sind, weil sie meinen Erfahrungshorizont besser treffen.

Was ist so schlimm daran, wenn Mädchen niedliches, pinkfarbenes Design und Jungen eher kantiges, blaues bevorzugen?

Schlimm daran ist, dass die Gesellschaft Mädchen und Jungen anders bewertet. Alles, was niedlich süßlich, puschelig ist, wird auch später auf den weiblichen Lebenslauf übertragen. Und das Kernige, Harte, Entschlossene, Entscheidungsfreudige steht für Männer. Mädchen erfahren also schon früh weniger Anerkennung.

Mehr zum Thema

Die Klischees treffen aber oft zu: Viele Mädchen mögen Pink.

Das ist die Frage von Henne und Ei: Was war zuerst da? Gab es erst das Pink, das die Mädchen wollen, weil es zum Beispiel von den Firmen so gut vermarktet wird, oder haben Mädchen ein pinkes Gen in sich? Was ich persönlich nicht glaube. Wenn Sie heute in ein Kaufhaus gehen, dann sind Spielwarenabteilungen bereits nach Geschlechtern getrennt. In meiner längst nicht so pinkigen Kindheit gab es das noch nicht. Nur eine Anekdote: Vor einiger Zeit sah ich einen dreijährigen Jungen, der zur pinkfarbenen Seite der Spielwarenabteilung wollte, und sofort zog ihn die Mutter weg und sagte: Das ist nur für Mädchen. So etwas prägt.

Sie planen ein internationales Netzwerk, das sich mit Gender Design beschäftigt. Sind Ihnen Männer willkommen?

Für die erste Konferenz Ende März in New York, auf der wir auch eine Art Verein gründen wollen, habe ich zwar nur Frauen eingeladen, doch das heißt nicht, dass es ein weibliches Netzwerk werden soll. Das Thema Gender-Design liegt Frauen aber scheinbar näher, sie haben größere Probleme, im Design sichtbar zu werden. Das sehe ich selbst an mir: Ich kann Ihnen sofort mindestens 50 Namen von männlichen Designern runterrattern, bei Frauen muss ich nach fünf oder sechs schon überlegen. Deswegen ist die Gründung erst mal auf Frauen abgestellt, in der Hoffnung, dass sie erkennen, dass wir etwas machen müssen - und so sind die Reaktionen bislang auf meine Idee. Darüber hinaus sind uns alle Geschlechter willkommen, die unsere Ziele unterstützen.

Sie gründen ein „International Gender Design Network“. Gerade die englische Sprache ignoriert Frauen noch mehr als die deutsche. Im Deutschen kann ich Sie als Professorin anreden, im Englischen nicht. Ich muss zur Unterscheidung ein „weiblich“ hinzufügen. Übertreiben wir Deutschen es mit dem Gender nicht etwas?

Die Engländer behaupten, und sie haben unrecht damit, es sei geschlechtsneutral, „teacher“ oder „professor“ zu sagen. Im nächsten Satz werde ja dann unterschieden: „he“ oder „she“ macht etwas. Meiner Meinung nach müssten die Engländer weibliche Formen wie „teacheress“ oder „professoress“ einführen. In unserer Sprache haben wir diese Unterscheidung, und Sprache hat ja viel mit Bewusstsein zu tun. Lässt man das „-in“ von Professorin weg mit der Begründung, man meine damit nicht nur Männer, sondern Frauen seien natürlich auch „mitgemeint“, dann ist genau dieses „mitgemeint“ das Problem. Frauen müssen auch in der Sprache sichtbar sein.

Die Fragen stellte Peter-Philipp Schmitt.

Quelle: F.A.S.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gender Mainstreaming Das gute Recht der Eltern

Kinder sind seit Jahren die Versuchsobjekte der Gender-Theorie. Das wird von deren Befürwortern sorgsam vernebelt. Dabei ist Information über die Folgen des Gender-Mainstreaming auch bei der Kinderbetreuung und der Sexualerziehung das gute Recht der Eltern. Ein Kommentar Mehr Von Heike Schmoll

11.11.2014, 14:09 Uhr | Politik
Gendergerechte Sprache Sagen Sie bitte Profx. zu mir

Lann Hornscheidt hat eine Professur für Gender Studies, möchte gerne geschlechtsneutral angesprochen werden und liefert einen Vorschlag. Die Empörung, die Hornscheidt in den sozialen Medien entgegenschlägt, ist gigantisch. Mehr Von Antonia Baum

17.11.2014, 15:12 Uhr | Feuilleton
Schminktipps Wie gemalt

Ihr heimliches Vorbild ist Kim Kardashian: Beauty-Bloggerinnen mit Migrationshintergrund tragen dick auf. Aber auch deutsche Mädchen lieben sie inzwischen für ihre Schminkkünste. Mehr Von Meltem Toprak

23.11.2014, 17:49 Uhr | Stil
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.03.2013, 14:37 Uhr

Broadway Sting steigt auf die Bühne, um eigenes Musical zu retten

Sting wird jetzt Musical-Darsteller, Oscar Pistorius genießt als Häftling Vorzüge und Valerie Trierweiler fühlt sich von ihrem ehemaligen Lebensgefährten Hollande überwacht – der Smalltalk. Mehr 3

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden