Es ist nur eine Frage von Zentimetern, wenn es für Alexander Eisner gefährlich wird. Wenn er ihr zu nahe kommt, im Büro, gemeinsam über Pläne gebeugt, wenn er ihren verführerischen Geruch wahrnimmt. Dann knistert es, als hätte man ein paar Volt in seinen Schädel gejagt. Dann weiß er wieder, wie es war: aufregend, grenzenlos. Vier Jahre ist es her, dass der 38 Jahre alte Architekt auf die Frau seines Herzens traf. In einer Kölner Kneipe. Er fand sie anziehend, mochte ihren Querkopf - sie seine Unabhängigkeit, das Unkonventionelle. Beide liebten den Sex, die Gespräche. Dass er sich in eine vergebene Frau verguckt hatte, wusste der Single anfangs nicht, später war es ihm egal; ohnehin dachte er, das ginge nicht mehr lange gut mit ihr und dem anderen.
Zu unharmonisch erschien ihm das Paar, das Hunderte Kilometer voneinander entfernt eine Fernbeziehung führte. „Ich hatte von Anfang an das Gefühl, wir gehören zusammen“, sagt Alexander, der eigentlich anders heißt. Sie habe sich sehr auf ihn eingelassen, phasenweise sogar bei ihm gewohnt. „Wir waren richtig pärchenmäßig unterwegs. Ich dachte, die oder keine.“ Aber plötzlich zog sein Nebenbuhler nach Köln, mit seiner Lebensgefährtin zusammen. Alexander, lebenslustig, unterhaltsam, gutmütig, ein Bär von einem Mann, saß plötzlich in der Geliebtenfalle.
Mein Geliebter: In vielen Ohren klingt das rauh, gurrend und verführerisch. Doch die Konstellation endet oft im Verhängnis. Weil Lügen und ein schlechtes Gewissen die treuen Begleiter einer Dreiecksaffäre sind, weil jemand betrogen wird und immer einer zu kurz kommt. Manchmal sogar alle drei.
Mehr Frauen als Männer sind untreu
Warum geraten auch Männer in diese Geliebtenrolle? Sie hatten doch jahrelang Frauen gepachtet. Ist es mangelndes Selbstwertgefühl? Oder tappt einer gerade so hinein? Es gibt keine zuverlässigen Zahlen darüber, wie viele Menschen in Deutschland solche Dreiecksbeziehungen unterhalten. Laut einer Statistik der Gesellschaft für Erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung sollen drei Millionen Frauen als Geliebte leben.
Wie es bei den Männern aussieht, weiß kein Mensch. Aber es gibt Untersuchungen, die eine Entwicklung verraten: Die Zahl der Frauen, die schon mal untreu gewesen sind, ist in den letzten Jahren gestiegen. Sie haben gar die Männer überholt. Das ergibt sich aus einer großangelegten Studie der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung von 2008. Danach sind 38,9 Prozent der Frauen und 37,1 Prozent der Männer schon mal fremdgegangen. Der häufigste Grund auf beiden Seiten: sexuelle Unzufriedenheit, hat Ragnar Beer herausgefunden. Er ist Psychologe an der Uni Göttingen und Begründer des Projekts „Theratalk“, das Eheberatung, Paartherapie und Partnerschaftstests online anbietet.
Es scheint also, als herrsche zumindest auf dem Feld der One-Night-Stands eine gewisse Waffengleichheit. Aber was passiert, wenn die Beziehung Monate, gar Jahre dauert, Gefühle ins Spiel kommen? Dann wendet sich das Blatt, auch für die männlichen Geliebten: „Der moderne Mann buddelt, hofft und verzehrt sich genauso. Sie wollen ja gute Liebhaber sein, geben sich viel Mühe, vielleicht auch, um ihren Selbstwert zu steigern“, so Beer.
Die große Angst vor dem Ende
Dass die Männer weniger ausdauernd sind, glaubt der Partnerschaftsforscher nicht. Überhaupt zeichnet Beer ein Bild, das wenig mit den klassischen Playboys und Draufgängern zu tun hat: „Die Coolen sind in der Minderzahl.“ Männer suchen heutzutage ebenso nach festen und zuverlässigen Bindungen wie Frauen. Beer sagt: „Gesellschaftlich ins Hintertreffen geraten, stehen sie oft als Blöde da.“ Weil Mädchen aufgeholt haben, fleißig sind, oft die besseren Schulnoten haben, im Studium erfolgreich sind. Dazu gelten sie als kommunikativer, sozial kompetenter. Das muss wettgemacht werden.
Alexander, einst ein Hallodri, hängt in der Warteschleife: hoffen, sich gedulden, vertröstet werden. Seit Jahren traut er sich nicht mehr, seinen Geburtstag zu feiern, aus Angst, Eingeweihte und Nichteingeweihte könnten ins Gespräch kommen und alles könnte auffliegen; kleine Geschenke an seine Liebste werden offiziell zu „Flohmarktschnäppchen“ umdeklariert. Das alles hängt wie Blei an ihm. Ratlos macht ihn, dass er den Ausstieg nicht findet. „Ich brauche einen Befreiungsschlag“, sagt er. Und schafft es dann doch nicht. Tausendfach hat er die Sätze geprobt: „Ich gebe dir jetzt einen Monat, du musst dich entscheiden“, morgens, mittags, nachts. Aber noch jedes Mal sind ihm die Worte auf der Zunge verdorrt.
Kein Wunder, denn die größte Angst ist die vor dem Ende, weiß Silvia Fauck. Sie betreibt zwei Liebeskummerpraxen in Berlin und Hamburg. Auch wenn Männer nicht dafür bekannt sind, ausufernd über ihre Probleme zu reden, melden sie sich doch immer häufiger bei ihr. „Da kommen mehr, als man als Frau denken würde.“ Gleichwohl stecken die Herren in einem Dilemma: „Von Anzug zu Anzug erzählt man sich keine Liebesprobleme“, beschreibt Fauck die Scham der Männer, sich bei Arbeitskollegen oder Freunden auszusprechen. „Da ist der Mann Held, Bestimmer und hat das Zepter in der Hand.“
Zu einer Beziehung gehören zwei
Wer nur der Zweitmann ist, hat es da doppelt und dreifach schwer, wird gern abgespeist mit dem Spruch: „Andere Väter haben auch schöne Töchter.“ Fauck hat ein Liebeskummerbuch für Männer geschrieben, darin ein Kapitel „Ich bin nur der Geliebte“. Sie bestätigt: „Wenn man nach sechs Monaten nichts gesagt hat, wurstelt es sich dahin und endet im Chaos. Einer bleibt auf der Strecke.“
Alexander weiß, dass er diesen Moment verpasst hat. Da ist die gemeinsame Firma, in der sie mittlerweile zu dritt sind: er, sie und ihr ahnungsloser Mann, mit dem er sich gut versteht; doch täglich wird er zerfressen von Gewissensbissen. Da ist die winzige Hoffnung, sie eines Tages doch noch ganz und gar für sich gewinnen zu können, auch wenn er nicht mehr daran glaubt. Und da ist der Wunsch, sich in eine andere Frau zu verlieben.
Liebe - ganz oder gar nicht. An diesem Grundgesetz der Romantik hat sich offenbar bis heute wenig geändert, trotz sexueller Revolution. Zu einer Beziehung gehören eben nur zwei. Drei sind einer zu viel, auch in der klassischen Literatur: Anna Karenina, Effi Briest oder Madame Bovary - alles verheiratete Frauen - waren erledigt, als bekannt wurde, dass sie sich im 19. Jahrhundert heimlich einen Liebhaber hielten.
Und heute? Wie thematisiert die Gegenwartsliteratur die männlichen Geliebten? „Als Typen sind das häufig Hybride aus Playboy, Snob, Dandy, Lebenskünstler, Gigolo und männlicher Muse“, sagt Christian Metz, Literaturwissenschaftler an der Goethe-Universität Frankfurt. Ein gutes Beispiel sei „Gut gegen Nordwind“, ein Roman des österreichischen Schriftstellers Daniel Glattauer, eine moderne Version des Briefromans à la Werther: Emmi und Leo lernen sich durch einen Tippfehler in der E-Mail-Adresse kennen. Aus dem zufälligen Wortwechsel entspinnt sich eine intensive Konversation, die Gefühle füreinander, erotische Anspielungen werden immer stärker. Beide können es nicht lassen, zu einem direkten Treffen kommt es jedoch nie. Kein Happy End, das hat viele Leser enttäuscht. Jetzt muss es einen zweiten Band des Romans geben. „Die Leser fordern und sehnen sich offenbar nach Entscheidung, im Sinne des romantischen Liebescodes“, glaubt Metz.
Robert Hansen, 48, Bildhauer aus Berlin, großherzig, humorvoll, bodenständig, surft seit zwei Jahren auf einer Welle des Glücks, seit ihm bei einer Ausstellung eine Frau begegnete, die ihn sofort faszinierte. Erotik, interessante Gespräche, alles vorhanden. „Da war ein geistig-seelischer Draht“, sagt er. Dabei strahlen braune Augen hinter zarten Brillengläsern.
Dass sie verheiratet ist, weit entfernt im Ruhrgebiet lebt, ein Kind hat, hielt ihn nicht ab. Ebenso wenig, dass sie von Anfang an klarstellte, sie sei keineswegs eine frustrierte Ehefrau und würde sich nicht trennen. Robert, der ebenfalls anders heißt, hat das akzeptiert. Er genießt die Zeit, die sie für ihn reserviert: das Stelldichein im Hotel, ein Kurztrip nach Rom, heimliche Telefonate, E-Mails. „Ich geh da mit kinderfrommer Unschuld ran“, gibt er zu, „auch wenn es im christlichen Sinn Sünde ist: Begehre nicht deines Nächsten Weib.“
Jüngere Lover
Das Internet hilft kräftig mit dabei. So entspinnt sich bei einer renommierten Online-Partnervermittlung eine heftige Diskussion über die Frage: Gibt es auch männliche Geliebte vergebener Frauen? Für die Antworten braucht man ein dickes Fell. „Angela“ schreibt: „Als Mann könnte ich mir gar nicht vorstellen, etwas mit einer vergebenen Frau anzufangen. Ich hätte keinen Respekt vor ihr, weniger als vor einer käuflichen Frau.“ „Frederica“ glaubt: „Gerade Männer, die nur unkomplizierten Sex abgreifen wollen, suchen so etwas geradezu. Da ist die vergebene Geliebte quasi die saubere Version der Prostituierten, noch dazu kostenlos. Ideal.“ Und „Bärbel“ kommentiert: „Natürlich gibt es das. Ich kenne einige vergebene Frauen, die schon lange einen ,Lover‘ haben. Oft ist er jünger und knackiger als der Partner. Und genauso macht er sich Hoffnungen, dass sich die Frau bald trennt. Warum sollte so etwas die Domäne der Männer sein?“
Trotz allem, so ein Liebesverhältnis kann lange, sehr lange gutgehen. Schließlich besteht der Gewinn darin, dass kein nervtötender Alltag die Beziehung belastet, die Erwartungen nicht erdrücken, mehr Lust als Frust herrscht. Probleme werden eher mal unter den Teppich gekehrt, schließlich will man die kostbaren Stunden nutzen und sich nicht die Laune verderben. Und das Geheimnisvolle, Schattenhafte, in dem beide ausleben können, was im normalen Leben zu kurz kommt, hat auch seinen Reiz. Alles scheint möglich, weil es sich nicht an der Wirklichkeit messen lassen muss. Im Idealfall nehmen sich beide das Beste aus zwei Welten.
Nichts auf Dauer
Liebeskummerexpertin Fauck ist trotzdem skeptisch: „Ich habe noch nie erlebt, dass das auf Dauer gutgegangen ist. Irgendwann will einer mehr. Dann brennt’s.“ Glaubt man der Statistik, dann verlässt nur jeder zehnte Ehemann seine Frau für eine Geliebte. Umgekehrt gilt vermutlich Ähnliches. Das legen jedenfalls die Ausflüchte nahe, die bei Frauen nicht anders sind als bei Männern: Die Kinder sind noch zu klein, das halten wir durch, ich kann ihn jetzt nicht hängenlassen.
Für Bildhauer Robert ist all das kein Problem. Er kommt bestens mit seiner Rolle als Langzeit-Lover zurecht, besser als seine Freunde. Einige geraten in Irritation, schließlich ist so mancher langjährig gebunden und wird plötzlich misstrauisch: „Was macht eigentlich meine Frau?“ Der Bildhauer schmunzelt. Seine Beziehung kann er sich noch sehr lange vorstellen. Auch wenn er keinen Zweifel am eigentlichen Ziel lässt: „Ich würde die Frau gerne für mich gewinnen. Aus Liebe.“
"Zu einer Beziehung gehören eben nur zwei[...]" ?
Ebiliane Santos (Ebiliane)
- 14.03.2013, 15:42 Uhr
Lächerlich
Michael Fitz (DeepestBlue)
- 13.03.2013, 14:54 Uhr
Der Artikel legt
Thomas Spaniel (Echnaton1970)
- 11.03.2013, 09:10 Uhr
Für mich ist das einfach nur "krank.
Herbert Ferstl (maltschik)
- 11.03.2013, 06:05 Uhr
Wortlaut des/der Geliebten
Brigitte Loga (laciccia)
- 10.03.2013, 23:14 Uhr