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Peinliche Gesangseinlagen : Ich stimme das einfach mal an

Und keiner stimmte ein: der Brüsseler ZDF-Korrespondent Udo van Kampen singt allein auf weiter Flur. Bild: ZDF

Fußballer verspotten ihre unterlegenen Gegner, ein Fernsehjournalist gratuliert der Kanzlerin: Diese Woche bot gleich zwei denkwürdig schräge Gesangseinlagen. Eine kleine Hall of Fame des falschen Tons.

          Uns Udo

          Seit der Euro-Krise hört man aus Nachbarländern häufig die Klage, die Deutschen wollten, dass der ganze Kontinent nach ihrer Pfeife tanzt. Nun, sein Pressekorps jedenfalls tut es nicht. Am Donnerstag wollte ZDF-Korrespondent Udo van Kampen Angela Merkel bei einer Pressekonferenz in Brüssel mit einem Ständchen zum 60. gratulieren: „Deswegen stimme ich das einfach mal an, eins, zwei, drei.“ Doch keiner stieg in sein „Happy birthday to you, liebe Bundeskanzlerin“ ein. Vielleicht hatten die Kollegen noch Reste von Stolz. Als van Kampen fertig war, sagte Merkel: „Hätt’ ich mitsingen müssen, dann wär’s besser geworden.“ Und lächelte dabei so verbindlich, nachsichtig, eine Spur mitleidig, wie sie womöglich auch lächelt, wenn François Hollande bei einem Gipfel was Dummes vorschlägt.

          Brüssel : ZDF-Korrespondent bringt Merkel ein Ständchen

          Jogis Jungsband

          Im Fußball Weltmeister, beim Singen Kreisklasse: Mit ihrem schon jetzt legendären „Gaucho-Song“ gelang dem Sextett um Mario Götze und Miroslav Klose ein vollendetes Eigentor in der Nachspielzeit. Indem sie feststellen, dass „so“, nämlich gebückt, „der Gaucho“ gehe, lösten die Hobby-Anthropologen ein, was ihr großer Vorgänger Gerd Müller 1974 vorausgesungen hatte: „Dann macht es bumm.“ Erst kochte das Internet über, dann wurde unser einig Weltmeisterland von einem hässlichen Riss durchzogen: Wir sind halt doch nicht wir, sondern immer noch die einen und die anderen. Als erster WM-Song überhaupt hatte die Gaucho-Nummer den Entschuldigungsbrief eines DFB-Präsidenten zur Folge. Und vielleicht müssen am Ende noch einmal Udo Jürgens und das 1978er Team ihr „Buenos Días, Argentina“ schmettern.

          Quintett aus Brummern: Wohlrabe gab den Vorsänger, den Chor bildeten Kohl, Genscher, Brandt und Momper.
          Quintett aus Brummern: Wohlrabe gab den Vorsänger, den Chor bildeten Kohl, Genscher, Brandt und Momper. : Bild: IMAGO

          Campino Kauder

          Wie sehr sich die politischen Lager angenähert haben, demonstrierte die CDU bei ihrer Wahlparty am 22. September 2013. Bürgerliche Wahlsieger früherer Zeiten hätten die Nationalhymne angestimmt oder irgendwas von Heino. An diesem Abend aber griff Fraktionschef Volker Kauder zum Mikro und schmetterte - manche würden sagen: zerschmetterte - „Tage wie diese“ von den der Union nicht eben zugeneigten Toten Hosen. „An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit“, krähte er, während neben ihm Hermann Gröhe ausflippte und die Kanzlerin, ihre Miene eine Mischung aus Freude und Unglauben, mitklatschte. Die heftigste Kritik kam von den Toten Hosen selbst: Das „grausam vorgetragene Lied“, so die Stadionpunker, sei ihnen „wie ein Autounfall“ vorgekommen: „Nicht schön, aber man schaut trotzdem hin.“ Das Hinhören fällt deutlich schwerer. Ob uns die CDU bei ihrer Wahlparty 2017 wohl mit der „Internationalen“ überrascht?

          Pippi

          Heute verbindet man Andrea Nahles ja mit sozialpolitischen Wohltaten, für die Steuerzahler noch in Jahrzehnten zahlen werden. Aber sie kann auch anders, nämlich musikalisch, wenn wir den Begriff mal weit fassen. In einer Debatte des Bundestages 2013 ärgerte sich Nahles, damals noch in der Opposition, über die schwarz-gelbe Koalition. Deren Eigenlob erinnere sie an das Gute-Nacht-Lied, das sie ihrer Tochter häufig vorsinge, sagte sie und trällerte: „Da-da-di-da-daa. Ich mach’ mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt.“ Abgeordnete der CDU twitterten „#fremdschämen“, doch auf Youtube wurde der Auftritt ein Hit. Wie so oft erkannte nur eine Abgeordnete der Linken den wahren Skandal. Die Figur Pippi Langstrumpf stelle die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse in Frage: „Wenn, dann darf sich die Linke auf sie berufen.“

          From Sarah with Laugh

          Vielleicht lag es daran, dass Sarah Connor sonst auf Englisch singt. Oder daran, dass junge Menschen die Nationalhymne mit ihrem eigentümlichen Vokabular („Unterpfand“) nicht mehr kennen. Jedenfalls präsentierte das Popsternchen, als es am 31. März 2005 bei der Eröffnungsfeier der Münchner Allianz-Arena auftreten durfte, eine ganz eigene Version unserer Hymne: Statt „Blüh im Glanze dieses Glückes“ sang sie „Brüh im Lichte dieses Glückes“. Immerhin Ausdruck davon, dass Connor mit einer blühenden oder brütenden Phantasie gesegnet ist. Und wenn sie sich an der Aufgabe auch die Finger verblüht hat, sie ist in guter Gesellschaft: Hymnen-Patzer haben sich schon Shakira, Cyndi Lauper und Christina Aguilera geleistet. Womit die Sängerin, die in Delmenhorst aufgewachsen ist, gewissermaßen Weltniveau erreicht hat.

          Top of the heap

          Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin von NRW, mag nicht immer einen Landeshaushalt hinkriegen, der verfassungsgemäß ist; ihre persönliche Lockerheit freilich hat die SPD-Frau in große Popularität umgemünzt. Als sie am 13. Mai 2012 wiedergewählt worden war, trat sie mit einem Sänger und einem Gitarristen auf die Bühne, um den ultimativen Song aller zum Erfolg Entschlossenen zu singen: „New York, New York“. Kraft kenne den Text, kündigte der Sänger an – um selbst mit einem Fehler einzusteigen: „Start spreading the blues“ (statt „the news“). Kraft ist auf dem Youtube-Mitschnitt kaum zu hören, sie sah aber schnuckelig aus und glich so Wackler ihrer Band locker aus. Besonders apart: der gereckte Arm bei der Zeile „top of the heap“ – ganz oben.

          Schöneberger Sängerknaben

          Normalerweise werden Sänger ausgepfiffen, nachdem sie ihr Lied verhunzt haben. Am 10. November 1989 jedoch gellten Pfiffe über den Platz vorm Schöneberger Rathaus, bevor überhaupt der erste Ton erklungen war: Teile des Publikums mochten selbst in dieser historischen Stunde weder das Deutschlandlied hören noch seine Interpreten. Parlamentspräsident Wohlrabe gab den Vorsänger, den Chor bildeten Kohl, Genscher, Brandt, Momper: ein Quintett, das nur aus Brummern bestand. „Schlechter wurde das Deutschlandlied selten intoniert“, urteilte Momper, der damals Berlin regierte, über die „Schöneberger Sängerknaben, B-Mannschaft“. Ein Exemplar der Flexidisc mit der Darbietung, herausgebracht von der „taz“, ist aber im Deutschem Historischen Museum gelandet: späte Genugtuung für die Männerkombo, hier anzuhören.

          Quelle: F.A.S.

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