Bei jedem Menschen, der einen Knall hat, fragt man ja nach der Kindheit“, sagt Ursula Blaschke, „das muss man doch bei Künstlern auch.“ Sie tut es, seit 25 Jahren schon, als einzige Museumsdirektorin der Welt. Kindheits- und Jugendwerke von Pablo Picasso, August Macke, Paul Klee oder Joseph Beuys hängen in dem 750 Jahre alten Fachwerkhaus im westfälischen Halle. Einwohner: 20 000. Doch wenn Blaschke erzählt, wie sie zu ihren Exponaten gekommen ist, wird es schnell sehr international.
„Die Kindheitsbilder bedeutender Künstler hängen meistens im Schlafzimmer der Erben“, weiß sie aus Erfahrung, „das ist dann ein Kampf, sie zu bekommen.“ Da war etwa diese Reise nach Bern, zu Felix Klee. Blaschke hatte sich angemeldet, Klees Frau Livia öffnete, sie rief in die Wohnung: „Felixlein, hier ist die Frau aus Halle in Westfalen.“ Er rief zurück: „Schmeiß sie raus, sie ist eine Lügnerin, Halle liegt an der Saale.“ Also flog Blaschke raus: „Es regnete, und ich war so traurig.“ Später reiste sie ein zweites Mal nach Bern und brachte eigene Bilder mit, denn bevor sie das Museum gründete, malte sie selbst und leitete eine Kunstschule in Bielefeld. Klee habe gerufen: „Frau Kollegin, Sie können ja was!“ Dann habe sich eine Freundschaft zu den Klees entwickelt, Felix sei fünfmal nach Halle gekommen und habe dem Museum viele Bilder von sich selbst und seinem Vater geschenkt.
So war es fast immer. Blaschke überwand Widerstände, obwohl der damalige Kultusminister in Nordrhein-Westfalen, den sie um Unterstützung für die Gründung gebeten hatte, sie warnte: „Sie gehen damit unter die Erde. Hier ist kein Boden für so was.“ Werke, die sie nicht geschenkt bekam, kaufte Blaschke von Geld, das aus der Auflösung ihrer eigenen Kunstsammlung stammte, oder tauschte sie ein gegen Gemälde aus dieser Sammlung. 1,3 Millionen Mark hat sie investiert. Aber jetzt sucht sie Sponsoren; Zuschüsse bekommt sie nur in geringer Höhe von der Stadt, „vom Land im Augenblick gar nichts“.
„Ich bin Klofrau, darf ich trotzdem reinkommen?“
Temperament hat sie mehr als genug. So plante Blaschke in den Neunzigern eine Ausstellung über „Otto Dix und die Bibel“, und es fehlte ihr der „Heilige Christophorus“ von Dix - er hängt im Vatikan und war noch nie verliehen worden. Sie aber wollte ihn haben, und so fragte sie in Rom an. Eines Tages klingelte das Telefon, und ihre Mitarbeiterin reichte ihr den Hörer: „Da ist ein Ausländer aus dem Vatikan, der will Sie sprechen.“
Am Apparat war der Nuntius, bei dem Blaschke angefragt hatte, er teilte ihr mit, dass er sich für die Verleihung des Bildes eingesetzt, aber keine Erlaubnis bekommen habe. „Da habe ich ihm geantwortet: ,Dann fahren Sie zur Hölle!’, und einfach aufgelegt.“ Kurz darauf habe der Nuntius abermals angerufen und ihr mitgeteilt: „Ich möchte in den Himmel kommen und werde weiter für Sie kämpfen.“ Schließlich hat sie das Bild tatsächlich bekommen. In einer riesigen Klimakiste wurde es angeliefert.
Das Museum ist interessant für Kunstkenner, aber auch für Leute, die mit Malerei sonst nichts am Hut haben. Hunderte Grundschulklassen waren da und eine Frau, die scheu fragte: „Ich bin Klofrau, darf ich trotzdem reinkommen?“ Und die ins Gästebuch schrieb: „Ich habe hier Flügel bekommen.“ Denn die Kunst wird menschlich in Halle. Rührend ist es, zu sehen, wie der zwölfjährige August Macke sämtliche Karikaturen von Lehrern und Schülern mit karierter oder gestreifter Kleidung versah, weil der Kunstlehrer den Kindern gesagt hatte: „Erst lernt ihr Karos und Linien, und dann fangen wir mit Kunst an.“
Kirchplatz 3, 33790 Halle (Westfalen); museum-halle.de