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Kriegskinder : Die Unfähigkeit zu trauern

Im Krieg war sie noch ein Kind: Waltraud Hesse Bild: Frederike Helwig

Bomben, Flucht, Angst, verschwundene Väter und überforderte Mütter: Deutsche, die als Kinder den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, tragen einzigartige Geschichten in sich. Fotografin und Autorin Frederike Helwig hat ihnen zugehört.

          Was erzählt man von damals? Erzählt man überhaupt von damals? Das hat sich die Kriegsgeneration gefragt. Und die Kinder der Unterstützer, Mitläufer und Widerstandskämpfer haben ihre Eltern danach ausgefragt. Dabei ist in der deutschen Nachkriegsgeschichte eine Gruppe weitgehend übersehen worden, die zu jung war, schuldig zu werden, die aber dennoch litt unter dem Krieg und den Folgen.

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Fotografin Frederike Helwig und die Autorin Anne Waak wollten das ändern. Sie haben Menschen porträtiert, die Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre geboren wurden, also noch im Krieg aufwuchsen – und oft Bomben, Flucht, Angst, Hunger, Krankheit, Tod, verschwundene Väter und überforderte Mütter erleben mussten.

          Vielleicht ist es kein Wunder, dass Frederike Helwig, die 1968 geboren wurde, vor einigen Jahren auf die Idee zu diesem Projekt kam. Denn was sollte die Fotografin, die aus Hamburg stammt und schon die Hälfte ihres Lebens in London lebt, ihrem Sohn Gustav, der jetzt zehn Jahre alt ist, von früher erzählen? Daher lässt sie nun die Generation ihrer Eltern zurückschauen und berichten. „Wie gibt man die Geschichte weiter“, fragt sie, „damit es nicht so wirkt wie aus einem Steven-Spielberg-Film?“

          Unschuldig an den Taten der Erwachsenen: Brigitte Böhme. Kinder leiden unter Krieg, egal welcher Nation sie angehören.

          Also besuchten die Fotografin und die Autorin Dutzende „Kriegskinder“, unterhielten sich lange mit ihnen und machten Porträts. „Viele von ihnen waren glücklich, dass sie endlich mal darüber reden konnten“, sagt Helwig. „Denn die Unfähigkeit zu trauern, die Alexander Mitscherlich in den sechziger Jahren beschrieb, gibt es ja teilweise bis heute.“

          In den Bildern auf dieser Seite sieht man Zeitzeugen, die sich erinnern wollen, wie schmerzhaft es auch ist. Waltraud Hesse erzählt, wie ihre Mutter sie und ihre Geschwister auf der Flucht aus Verzweiflung mit einem Rasiermesser töten wollte; Wolf-Dieter Glatzel spricht über schlimme Erlebnisse mit betrunkenen russischen Soldaten; und Brigitte Böhme berichtet von einer schrecklichen Entdeckung an der Wilhelmsaue in Berlin.

          Vor allem in der unmittelbaren Nachkriegszeit konnten sie solche Erlebnisse gar nicht mitteilen: „Die Eltern hatten für ihre Kinder weder die Zeit noch vor allem den emotionalen Raum, um sich deren Gefühlswelt angemessen zu widmen und sie in ihrer Entwicklung kindgerecht zu unterstützen“, schreibt Alexandra Senfft in ihrem Vorwort zu dem Buch.

          Krieg, Angst und Entbehrung: Wolf-Dieter Glatzel erinnert sich.

          Die Fotografin ist sich sicher, dass ihre Fotos nicht missverstanden werden, dass niemand ihr vorwirft, sie wolle um die Deutschen einen Opfermythos aufbauen. Kinder leiden immer unter dem Krieg, egal welcher Nation sie angehören. Die Reaktionen auf die Fotos, das Buch und die Ausstellung in Berlin zeigen, dass man Schuld und Sühne heute nicht mehr gegeneinander aufrechnet. So druckte „M“, das Supplement der Zeitung „Le Monde“, ein zehnseitiges Dossier. Und die BBC berichtete ausführlich.

          Für Frederike Helwig war die Arbeit mit der Vergangenheit nicht ganz untypisch. Sie begann zwar in den frühen neunziger Jahren bei Magazinen wie „i-D“ und „The Face“ und hat seither für viele Zeitschriften als Modefotografin gearbeitet – unter anderem nahm sie für unser Februar-Heft die Dior-Chefdesignerin auf, und für diese Ausgabe hat sie Männermode fotografiert. „Aber ich habe mich nie als Modefotografin verstanden“, sagt sie, 2viel mehr als Porträtfotografin.“ Man sieht es.

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