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Frauen in Nepal : Samjhu wartet in der Küche

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Einmal im Jahr gibt es in Nepal das Fest der Frauen, bei dem sie den Gott Shiva um ein langes Leben für den Ehemann bitten. Bild: Milda Drüke

Nepal ist für viele ein Sehnsuchtsort. Der hinduistische Alltag bleibt den Reisenden aber gewöhnlich verborgen – genauso wie das archaische Leben der Frauen im Dienste des Mannes.

          Ich war nicht vorbereitet auf meine erste Mahlzeit in Kathmandu. Ich kannte Samjhu und Puspa. Sie haben im westlichen Ausland studiert, in den Niederlanden und Australien. Samjhu ist Bauingenieurin, Puspa Hotelfachmann und Exporteur von Artefakten und Pashmina-Schals. Bei ihrem Besuch in Deutschland saßen wir zusammen am Tisch, aßen gemeinsam und plauderten. Fünf Monate sollte ich nun das Leben mit ihnen, ihrem fünfjährigen Sohn Babu und Mamu, Samjhus achtzigjähriger Mutter, teilen.

          Ich sitze am Tisch, mit Puspa und Babu. Samjhu bringt ein Tablett, sie häuft aus Schüsseln Reis und Linsen auf unsere Teller, stellt Schälchen mit Chili und Joghurt daneben, geht in die Küche zurück. Puspa ermuntert mich: „Iss nur. In Nepal essen Frauen und Männer nicht gemeinsam.“ Frauen warten in der Küche. Sie essen, was übrig bleibt. Für mich gilt diese Regel nicht. „Du bist unser Gast, wir respektieren deine westliche Tradition.“ Samjhu erkundigt sich, ob wir nachnehmen möchten. Sie schaut mich an: „Die Regel heißt: Der Mann isst vor der Frau.“ Sie zuckt mit den Achseln, lächelt. „Bin dran gewöhnt. Ist meine Kultur. Ich denke nicht weiter drüber nach.“

          In Deutschland hatten die beiden ihre hinduistischen Werte unseren westlichen kommentarlos untergeordnet und so niemanden durch das Beharren auf den eigenen in Verlegenheit gebracht. Nun ist es an mir, die andere Kultur als ihre Realität zu begreifen, zu akzeptieren. Zu der gehört auch: Samjhu fragt Puspa, ob sie das Haus verlassen darf, um zur Arbeit in ihre Behörde zu fahren. „Das macht das Leben kompliziert“, sagt Samjhu, und sie frage nicht mehr: „Darf ich?“ Nach acht Ehejahren sage sie nur, es sei Zeit für sie zu gehen, und dann warte sie, bis er nickt. Ist Samjhu mit mir allein, nennt sie Puspa beim Namen. Warum spricht sie ihn nie so an? „Eine Ehefrau darf den Namen ihres Mannes nicht aussprechen.“ Sie darf sagen „paditev“ – göttlicher Ehemann. „Vermeide ich“, sagt Samjhu. Stattdessen rufe sie „Honey“ oder „Love“. „Aber nur, wenn niemand in der Nähe ist.“

          Und Puspa, fühlt er sich wie ein Gott? „Nein. Vor dem Gesetz sind Frauen und Männer gleich. Es ist die Tradition, die verlangt, dass Frauen ihrem Ehemann mit größtem Respekt begegnen.“

          Auf dem Rücksitz von Puspas Motorrad begleite ich ihn überallhin, wo er beruflich zu tun hat, und erfahre vieles, wovon er zu Hause nicht spricht. „Als kleiner Junge habe ich meine Mutter angeschaut und gedacht: Das ist ungerecht, wie sie behandelt wird, das geschieht ihr nur, weil sie eine Frau ist. Ich habe gegrübelt, mein Herz hat sich aufgelehnt. Aber dann, dann habe ich die Tradition als meine Realität akzeptiert. Meine Mutter hat sie mir vorgelebt, sie bestand auf ihr. Auch Samjhu legt Wert auf sie.“

          Die Regel sagt: Die Frau unterwirft sich ihrem Mann. Also kniet auch Samjhu vor Puspa.

          „Götter verzeihen, aber Ahnen, die können nachtragend sein“

          Ihre Ehe wurde arrangiert. Samjhus Eltern schenkten Puspa ihre Tochter als Jungfrau im Hochzeitsritual Kanyaadan. Puspa: „Es ist meine Pflicht, sie glücklich zu machen.“ Samjhu: „Er war der Prinz, auf den ich gewartet habe, und ist es bis heute.“ Gemeinsam sehen wir ihr Hochzeitsvideo an. Die Gäste schluchzen. Samjhu schluchzt. In Nepal endet eine hinduistische Hochzeit mit der Zeit des Weinens. Nach drei Tagen rituellen Feierns mit dreihundert Gästen sitzen sie im Fond einer Limousine und fahren heim. Dort wartet Puspas Mutter. Sie wird dem Haushalt und Samjhu vorstehen. Samjhu hat ihre Schwiegermutter noch nie gesehen. Ihr roter Schleier fällt über ihr todtrauriges Gesicht. Puspa schaut hilflos und bedrückt.

          Wenn Frauen das Haus verlassen wollen, müssen sie ihren Ehemann fragen. Eine der Regeln, die befolgt werden müssen, damit die Ahnen glücklich sind.

          Samjhu spricht über Regeln, die ihren Alltag bestimmen, nur, wenn er mir sonst unverständlich bliebe. So auch an diesem heißen, staubigen Tag. Puspa stellt ein Tablett mit drei Gläsern Lassi neben mir ab, nimmt ein Glas, reicht mir das zweite, setzt sich, streckt die Beine aus. Samjhu ist Minuten zuvor von der Arbeit nach Hause gekommen, erzählt von dem Bus, der nicht fuhr. Eine Dreiviertelstunde zu Fuß war sie unterwegs, ist erschöpft, lehnt abseits von uns am Computerschrank. Ich stehe auf und bringe ihr ein Glas. Sie winkt ab: „Ich habe meine Tage.“ Und? „Du bist verunreinigt, wenn ich dir das Glas abnehme.“ „Deshalb“, sagt Puspa, habe er Samjhu kein Glas reichen können. Sie würde jedoch ohnehin nicht trinken, solange sie beide auf demselben Teppich stehen. Flüssiges übertrage Samjhus Unreinheit direkt auf ihn. Samjhu zuckt mit den Schultern: „Ich halte mich an die Regeln, damit meine Ahnen glücklich sind. Ich habe Angst, sie zu verärgern.“ Puspa ergänzt: „Götter verzeihen, aber Ahnen, die können nachtragend sein.“

          Mädchen bluten, Jungen nicht

          Babu lehnt sich an Puspa. Die Eltern erzählen, dass Samjhu ihre Tage hat, ihre Kleidung darf die von Puspa nicht streifen. Ganz gleich, wie lange sie blutet, das Berührungsverbot gilt vier Tage. Dann betritt sie die Küche nicht, berührt keine Speisen, die andere essen werden. Jetzt bekocht Puspa die Familie.

          Puspa fährt Babu in die Montessori-Schule, holt ihn wieder ab. Er kauft ein. Samjhu soll nicht schwer schleppen müssen. Als sie allein mit mir ist, kommt sie auf unser Gespräch zurück, erzählt vom Entsetzen, mit dem ihre Menstruation begann. Sie ist dreizehn. Das erste Blut mehr erahnt als entdeckt, wird sie hastig in einen stockdunklen Raum geschoben, die Tür hinter ihr zugeschlagen. Sie weiß nicht, was mit ihrem Körper passiert, weiß nur: Mädchen bluten, Jungen nicht. Neun Tage und neun Nächte sieht sie keines Menschen Gesicht. Hört keine Stimme, die zu ihr spricht. Die Magd schiebt Essen und den Kübel für die Notdurft schweigend durch eine Klappe in der Wand. Das Letzte, was sie in ihrer Finsternis gehört hat, war, sie solle unter keinen Umständen versuchen, einen Blick aus den mit Brettern verrammelten Fenstern zu erzwingen. Vater oder Bruder könnten vorbeigehen und ihr in die Augen sehen. „Was daran so schlimm gewesen wäre?“, wiederholt sie meine Frage und antwortet: „Ihr Schicksal, mich heiraten zu müssen.“

          Rot zu tragen ist das Privileg einer Ehefrau.

          Samjhu erzählt unbeteiligt, beklagt sich nicht. „Heute werden Frauen nur noch fünf Tage eingesperrt“, endet sie.

          „Ich bemühe mich. Weh tut es trotzdem.“

          Mein westlicher Blick hebt hervor, was Samjhu nicht hervorheben würde. Was sie von sich aus erwähnt, sind Stromausfälle, knappes Kerosin, Pflichtbesuche, die sie den Ahnen zuliebe machen muss.

          Meiner Gegenwart liegt eine stillschweigende Übereinkunft zugrunde: Ich mische mich nicht besserwissend in ihr Leben ein. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Tappe ich in ein Fettnäpfchen, ignorieren Puspa und Samjhu es, kritisieren mich nie. Lässt mich etwas sprachlos zurück, suche ich eine Gelegenheit, Samjhu zu fragen, was sie fühlt. Die Antwort ist immer die gleiche: „Denke ich nicht drüber nach. Ist meine Kultur. Bin ich gewohnt.“

          Mamu im weißen Witwen-Sari

          An dem Morgen, als Puspa ihr einen roten Punkt auf die Stirn drückt und eine Blüte auf den Scheitel legt, sehe ich Samjhu vor ihm auf die Knie gehen, ihre Stirn auf seine Füße legen, bis er etwas sagt, das sie aufstehen lässt. Samjhu lacht: „Auf diese Weise habe ich meinen Respekt zu zeigen. Er beherrscht mich.“ Puspa: „Das sagt sie.“ Samjhu: „Die Regel sagt: Die Frau unterwirft sich ihrem Mann.“

          Samjhu rennt los; sie muss den Bus ihrer Behörde erwischen. Puspa erklärt: „Auch ich muss meine Stirn auf Füße legen. Auf die meiner Mutter. Würde sie mir in der Stadt begegnen, müsste ich das auf dem Gehweg tun.“ Auch seinen älteren Bruder muss er so begrüßen. „Bei ihm fühle ich mich erniedrigt. Meine Familie fragt allein ihn um Rat. Nur weil er der Erstgeborene ist.“ Er versuche jeden Tag, sich selbst zu überzeugen: Seine zurückgesetzte Rolle hat nur mit der Kultur zu tun, nicht mit ihm. „Ich bemühe mich. Weh tut es trotzdem.“

          Zweiundsiebzig Ehejahre

          Demonstranten blockieren die Stadt. Samjhu ruft an. Der Behörden-Bus fährt nicht, kann Puspa sie mit dem Motorrad abholen? Er braust sofort los. Holpert mit ihr auf dem Rücksitz querfeldein nach Hause. Verschwitzt und staubverkrustet kommen beide zur Tür herein. Puspa geht gleich unter die Dusche. Samjhu fährt sich mit den Händen durch die verklebten Haare. Mit jeder Bewegung klirren an beiden Armen ihre roten Glasreifen. Sie trägt sie, um Puspas Leben zu verlängern. Wie alle Hindu-Ehefrauen in Kathmandu. Samjhu wickelt sich ein Tuch um den Kopf, seufzt und wünscht, heute wäre nicht Donnerstag. Warum? „Donnerstags darf ich meine Haare nicht waschen, das könnte Puspas Leben verkürzen.“ Aus ebendiesem Grund kaufen sie und andere Hindu-Ehefrauen montags keine Kleidung ein. Und jeden ersten Montag im Monat fasten sie für das lange Leben des Ehemannes.

          Mamu, Samjhus Mutter, hat in zweiundsiebzig Ehejahren diese und weitere Regeln befolgt. Vor zwei Monaten ist sie Witwe geworden und aus ihrem drei Tagesreisen entfernten Dorf zu Samjhu und Puspa gezogen. Mamu wohnt und schläft auf dem Bett in der Küche. Das Laken ist so weiß wie ihr Witwen-Sari. Den wird sie ein Jahr tragen müssen, wird nie wieder einen roter Farbe anlegen dürfen. Ein Jahr, in dem sie die Wohnung nicht verlässt. Warum? Im Gedränge auf der Straße könnte sie die Kleidung eines Passanten berühren und ihn verunreinigen. Sollte sie einen Arztbesuch machen müssen, ginge ihr ein Verwandter voraus; in die Hände klatschend, um vor der Witwe zu warnen. Davon abgesehen: Einer Witwe ansichtig werden ist schlechtes Omen.

          Nachricht vom kritischen Gesundheitszustand des Vaters

          Mamus Ehe war arrangiert. Im Alter von acht Jahren schaukelt sie in einer Sänfte vier Tage der Residenz ihres Zukünftigen entgegen. Er ist einen Tag älter als sie. Der Sänfte voraus beugen sich zweiundzwanzig Träger unter ihrer Mitgift. Mamus Mutter, die im gleichen Alter verheiratet wurde, besteht darauf, die Braut soll den Eltern drei Tage nach der Eheschließung zurückgebracht werden. Die Eheleute erst dann zusammenleben, wenn sie elf sind. Aber die Kinder sind sich von Herzen zugetan. Er will bei ihr bleiben, sie zu ihren Eltern begleiten. Das wird ihm verwehrt. Er rennt ihrer Sänfte nach, und als Mamus Wächter ihm endgültig den Weg versperren, klettert er auf einen Baum, ruft ihren Namen, winkt und winkt. Mamu ist es verboten, aus der Sänfte zu schauen. Bis eine Biegung ihr die Sicht auf den Ehemann nimmt, lugt sie durch einen Spalt im Vorhang und lässt ihn nicht aus den Augen. „Drei Jahre habe ich mich auf ihn gefreut.“

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          Sie stammen aus wohlhabenden Familien. „Mein Mann musste nie für unser Auskommen arbeiten.“ Ich sehe Fotos, auf denen sie neben ihrem Mann auf dem Lehmboden sitzt. Ein großer, sehr gut aussehender Mann, eine schöne, sehr anmutige Frau. Sie essen gemeinsam.

          Als sie Witwe wird, nimmt Puspa sie gegen die vorherrschende Tradition bei sich auf. „Aus Mitgefühl“, sagt Samjhu, die in ihr Dorf reiste, als die Nachricht vom kritischen Gesundheitszustand des Vaters kam. Samjhu und Puspa berichten vom Brauch, dem eine Witwe anheimfällt. Sie erzählen sachlich. Dennoch klingt aus ihren Worten Wärme und Mitgefühl.

          „Wir dürfen das Neue nicht beim Wachsen stören“

          Als Mamus Mann stirbt, umringt die Familie sie, tröstet. Aber schon drängen die Witwen im Dorf ins Haus. Sie wollen entfernen, was Mamu als Ehefrau ausweist: wollen die rote Farbe aus ihrem Scheitel waschen, wollen ihr den roten Sari ausziehen, die roten Glasarmreifen zerbrechen. Mamu weist sie zurück. Sie will die Farbe selbst entfernen, schlägt die Arme mit den roten Reifen selbst gegen die Lehmwand, legt ihrem Mann die zerbrochenen Ringe auf die Brust. Der Priester wählt aus unter den persönlichen Sachen: sein Bett, seine Tasse, seinen Teller, Kleidung, den Füller. Das alles wird in seiner Obhut bleiben. Auf diese Weise begleiten die Dinge den Toten auf seiner Reise, denn nichts Gewohntes soll ihm fehlen.

          Mamu sieht ihre Söhne den Leichnam zum Fluss hinuntertragen, wo sie ihn verbrennen werden. Die Witwe darf nicht zugegen sein. Sie muss ein Bad nehmen; der Tod des Mannes verunreinigt sie. Man hat ihr weißen Stoff gegeben; sie muss ihn zerfetzen, sich darin verhüllen. Dreizehn Tage darf niemand sie berühren. Dreizehn Tage wird sie allein in einer Kammer sitzen, sich ihr Haar nicht kämmen, nicht mit Öl einreiben dürfen, wird sich einmal am Tag Reis mit geklärter Butter kochen, wird auf dem nackten Lehmboden schlafen, denn die Regel sagt: „Die Witwe soll leiden.“

          Einmal im Jahr feiern Hindu-Frauen in Nepal Teej, das Fest der Frauen. Mit dem Ziel, im heiligsten Tempel Nepals, in Pashupatinath, Gott Shiva um ein langes Leben für den Ehemann zu bitten. Am Tag zuvor feiern sie Partys. Samjhu nimmt mich mit in das Haus des Literaturprofessors, Elternhaus ihrer besten Freundin. Überall tanzen Frauen in roten Saris; Rot zu tragen ist Privileg einer Ehefrau. Sie singen, essen gut und so viel sie können, denn ab Mitternacht müssen sie vierundzwanzig Stunden fasten. Eine Bankerin schwingt ihre Hüften: „Mein Mann erlaubt mir jetzt ausdrücklich, ich darf trinken, wenn ich morgen nach Pashupatinath gehe. Werde ich aber nicht. Ich folge der Tradition.“ Später sind sie sich einig: Der weiße Witwen-Sari sollte abgeschafft werden, ebenso die dreizehn Tage Unberührbarkeit. Erzwingen wollen sie von ihren Männern nichts. Das trenne voneinander. Die Gastgeberin, eine Frau um die siebzig ohne Ausbildung, sagt: „Wir dürfen das Neue nicht beim Wachsen stören.“

          „Unsere Kultur ist uns Orientierung und Heimat“

          Am nächsten Morgen legt Samjhu ihren roten Sari an, streift ein halbes Dutzend rote Glasarmreifen über jedes Handgelenk. Puspa sagt: „Trink, wenn du durstig bist. Ich erlaube es dir.“ Samjhu steckt keine Wasserflasche ein. Ich begleite sie zum heiligsten Tempel Nepals. Durch Pashupatinath kriecht eine rote Schlange. Tausende von Frauen in roten Saris. Ein Sari fällt in die Falten des anderen, so dicht stehen sie. Sie fasten seit Mitternacht. Sie brauchen Stunden, ehe sie vor dem Phallus stehen, der Shiva symbolisiert, und um ein langes Leben des Ehemannes flehen können. Später tanzen sie auf den Straßen. Durstig und staubig kommen Samjhu und ich zurück nach Hause. Vor Mitternacht darf sie nicht trinken. Um es ihr leichter zu machen, trinkt auch Puspa nichts. Zum ersten Mal höre ich die beiden laut miteinander sprechen. Puspa erklärt, warum sie streiten. Die Regel will: Der Ehemann bricht das Fasten der Frau in einem Ritual, indem sie seine Füße wäscht. „Das mache ich ja“, ruft Samjhu, „aber ich werde das Wasser nicht trinken.“ Da ein Ehemann als gottgleich gilt, weihen seine Füße das Wasser in der Schüssel. Die Ehefrau, die es trinkt, erfährt eine spirituelle Reinigung.

          Puspa und Samjhu

          Samjhu trinkt das Wasser nicht. Puspa akzeptiert es. Draußen wird es Tag. Im Hof fällt die Sonne auf eine Gruppe von Frauen in roten Saris. Sobald der Priester eintrifft, wird Samjhu sich zu ihnen gesellen. Für ein weiteres Ritual. Sollten die Frauen, während sie ihre Tage hatten, unwissentlich einen Mann berührt haben, wird ihr Vergehen durch das Ritual getilgt sein. Wir stehen auf dem Balkon. Samjhu zeigt auf die Älteste der Frauen: „Sie ist siebenundachtzig. Seit neunundsiebzig Jahren wäscht sie ihrem Mann jeden Morgen die Füße und trinkt das Wasser.“ Wir schweigen lange. Nach Puspas Fußwaschung war Samjhu vor Puspa auf die Knie gegangen, hatte ihre Stirn auf seine Füße gelegt. „Samjhu, darf ich dich noch einmal fragen, was fühlst du dann?“ Sie antwortet leise: „Ich fühle mich erniedrigt.“

          Inzwischen leben Samjhu, Puspa und Babu in San Francisco. Anfang November erzählt Samjhu am Telefon, sie trage jetzt Jeans, aber befolge auch in den Vereinigten Staaten ausnahmslos alle Regeln ihrer Tradition. „Unsere Kultur ist uns Orientierung und Heimat“, sagt sie

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