22.01.2007 · „Meine Freunde, zu Hilfe!“ Die ersten Worte seines Radioaufrufes von 1954 sind in Frankreich unvergessen. Abbé Pierre blieb von da an sein ganzes Leben ein sperriger Schutzpatron der Obdachlosen. „Gewissen und Inkarnation der Güte“ ist im Alter von 94 Jahren gestorben.
Von Michaela Wiegel, ParisFrankreich trauert um Abbé Pierre, der am Montagmorgen an einer Lungenentzündung im Pariser Militärkrankenhaus Val de Grâce starb. Staatspräsident Chirac bekundete seine Bestürzung über den Tod des 94 Jahre alten Armenpriesters, der noch als Greis für die Rechte der Obdachlosen und Bedürftigen eingetreten war.
Als Frankreichs „Gewissen und Inkarnation der Güte“ würdigte Präsident Chirac den Verstorbenen. Der frühere Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing forderte ein Staatsbegräbnis für den „großen Franzosen“. „Frankreich wird nicht mehr dasselbe sein ohne Abbé Pierre“, sagte Giscard. Sein ganzes Leben hatte sich Abbé Pierre für ein Prinzip eingesetzt, das jetzt vom französischen Parlament zum Gesetz erhoben werden soll: Das einklagbare Recht auf eine Wohnung. Der Berichterstatter des geplanten Gesetzestextes regte an, dem Gesetz den Namen Abbé Pierre zu geben.
Aufstand der Güte
„Meine Freunde, zu Hilfe! Eine Frau ist heute Nacht um drei Uhr erfroren auf dem Bürgersteig des Boulevard Sébastopol. Jede Nacht gibt es mehr als 2000 Obdachlose, in der Kälte, ohne Dach, ohne Brot, einige fast nackt.“ Mit diesen Worten begann Abbé Pierre im Februar 1954 seinen Radioaufruf, mit dem er seine Landsleute zur Nothilfe für die Obdachlosen mobilisierte. Die Franzosen spendeten Wolldecken, Kleidung, Essen und Geld. Der „Aufstand der Güte“ machte den Armenpater mit Baskenmütze und Pelerine berühmt.
Den Ausgeschlossenen und Notleidenden zu helfen war schon früh das Lebensziel von Henri Groués, so der bürgerliche Name des Abbé Pierre. Im Jahr 1912 wurde er in einer wohlhabenden Lyoner Seidenfabrikanten-Familie geboren. Sein Erbteil verteilte er an Bedürftige in seiner Heimatstadt Lyon. Im Alter von 19 Jahren trat er in den Kapuzinerorden ein. Aus gesundheitlichen Gründen nahm er Abschied vom Mönchsleben und wurde 1938 zum Priester geweiht. Während des Krieges nahm er als Vikar im Untergrund den Namen Abbé Pierre an. Als Mitglied der Résistance half er Verfolgten bei der Flucht in die Schweiz. Nach dem Krieg ließ sich Abbé Pierre für die christlich-demokratischen Volksrepublikaner (MRP) in die Nationalversammlung wählen. Die Gemeinschaft „Emmaus“, die inzwischen mehr als zehntausend Mitglieder hat, entstand in dieser Zeit. In mehr als 37 Ländern ist die Bruderschaft der „Gefährten von Emmaus“ vertreten. Es begann mit der Begegnung Abbé Pierres mit einem begnadigten Vatermörder, den er mit der Bitte gewann, andere Menschen in Not zu retten. „Mir fehlte nicht nur, wovon ich leben konnte, sondern vor allem, wofür ich leben sollte“, erinnert sich der erste Gefährte von Emmaus.
Schutzpatron der Obdachlosen
Auch wenn sich viele der Mächtigen vor ihm verneigten, blieb Abbé Pierre bis ins hohe Alter ein sperriger Schutzpatron der Obdachlosen, der sich nicht mit Sonntagsreden begnügen wollte. Bei den Franzosen erfreute sich der gebrechlich wirkende Mann großer Beliebtheit, in allen Umfragen erreichte er einen Spitzenplatz. „Der Mythos des Abbé Pierre hat einen kostbaren Trumpf: Den Kopf des Abbé. Es ist ein schöner Kopf, im Zeichen der Heilsbotschaft: der gute Blick, der franziskanische Umhang, der Bart des Missionars, dazu die Winterjacke des Arbeiterpriesters und der Stab des Pilgers“, schrieb der französische Philosoph Roland Barthes über ihn.
Zu seinem Lebensende erregte Abbé Pierre mit Äußerungen Aufsehen, die wenig mit seinem Wirken für die Notleidenden zu tun hatten. So setzte er sich für den Holocaust-Leugner Roger Garaudy ein, einen Freund. In seinem Buch „Mein Gott . . . warum?“ plädierte Abbé Pierre für die Priesterehe. Er gestand in dem in Gesprächsform geführten Buch auch ein, selbst gegen das Keuschheitsgebot verstoßen zu haben. Der Kirchenkritik nicht genug, forderte er die Priesterweihe für Frauen. Angesichts der Aids-Epidemie in Afrika sprach er sich für die Benutzung von Präservativen aus. All das hatte keinen Bruch mit dem Vatikan zur Folge, alle Päpste seit Ende des Zweiten Weltkrieges empfingen ihn. Mit nachlassender Kraft war er sich gewiß, dass die von ihm begründete Abbé-Pierre-Stiftung seinen Kampf gegen die Armut fortsetzen würde. „Man darf sich nicht damit abfinden, ,Lobet den Herrn' zu singen. Auf der Erde gibt es noch zu viele Kinder, die weinen“, schrieb Abbé Pierre.