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Todestag von Franco : Gut, dass der Diktator in der anderen Welt ist

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Die Höchsttöchterliche: Carmen Franco Polo im Mai 2013 mit ihrer Tochter Carmen Martínez Bordiú Bild: Getty

Franco ist seit 40 Jahren tot, und Spanien nimmt davon kaum Notiz. Doch seine 89 Jahre alte Tochter spricht jetzt freimütig über den Vater.

          Der 40. Todestag von Francisco Franco Bahamonde am Donnerstag ist nah. Die spanischen Medien greifen mit vollen Händen in ihre Archive. Historiker veröffentlichen neue Biographien, die zumeist aber recht abgehangen sind. Anscheinend ist alles gesagt. Die Bevölkerung lässt der Jahrestag ziemlich kalt. Der demokratische Staat, der nach dem Diktator kam, hat die Familie großzügig behandelt. Nur manchmal werden Forderungen laut nach Enteignung eines Palastes oder der Entfernung der Gebeine des Diktators aus dem kolossalen Mausoleum im „Tal der Gefallenen“ am Escorial.

          Es scheint alles so lange her, dass der Generalissimus nicht einmal mehr als Vogelscheuche der Parteien im aufbrandenden Wahlkampf taugt. Das ist eigentlich ein gutes Zeichen. Doch noch lebt seine einzige Tochter. Carmen Franco Polo, Markgräfin von Villaverde, Erste Herzogin von Franco und Grandin von Spanien, ist 89 Jahre alt, klar und vital. Sie wohnt im vornehmen Salamanca-Viertel in Madrid zwischen Stilmöbeln und unter gut beleuchteten Porträts ihres Vaters und ihrer Mutter Maria del Carmen Polo. Gelegentlich sieht man sie in ihrer Kirche oder im Kaufhaus Corte Inglés. Und wenn es vor der amerikanischen Botschaft an der Calle de Serrano gerade eine Demonstration von Gewerkschaftern oder anderen fortschrittlichen Kräften gibt, macht sie um diese Ecke einen kleinen Bogen.

          „Zuerst kam immer Spanien“

          Die Zeitung „El Mundo“ hat sie zum Jahrestag nun besucht. In einem freimütigen Interview wich die „hijísima“, die „Höchsttöchterliche“, wie die Spanier sagen, keiner Frage der Journalistin María Eugenia Yagüe aus. Die Frau, die noch zu Lebzeiten des Vaters im Madrider Pardo-Palast ihre sieben Kinder zu Welt brachte, beklagt sich nicht über die vergangenen 40 Jahre. König Juan Carlos sei der Familie Franco immer „äußerst korrekt“ begegnet. Die politische Klasse sei respektvoll gewesen. Und die Spanier, die sie auf der Straße erkennen, seien liebenswürdig – „und sagen, sie würden gleich zu Hause ihren Müttern erzählen, dass sie mich gesehen haben“.

          Francisco Franco Bahamonde mit seiner Tochter Carmen Franco Polo im April 1938

          Vor sieben Jahren hatte Carmen Franco ein gut drei Jahrzehnte währendes Schweigen gebrochen und mit Hilfe zweier Historiker das Erinnerungsbuch „Franco – Mein Vater“ veröffentlicht. Es war ein freundliches Porträt, in dem sie ihn als „zärtlich und voller Zuneigung“ beschrieb. Nun fügte sie hinzu: „Zuerst kam aber immer Spanien, dann meine Mutter und ich an dritter Stelle.“ Folgerichtig hat sie auch unverändert den spanischen Personalausweis Nummer 3. Altkönig Juan Carlos hat die Nummer 10.

          Gespielt hat Franco mit seiner Tochter selten. Da waren die Staatsgeschäfte, und die Erziehung war ohnehin Frauensache. Er nahm seine Carmen dafür aber oft mit auf die Jagd. Die Leidenschaft dafür dauert an. Erst vor ein paar Tagen, berichtet sie, habe sie auf einer Jagd in Asturien drei stattliche Stück Wild geschossen. Franco hatte sich einen Sohn gewünscht. Aber er versuchte, sich das nicht anmerken zu lassen, und achtete zusammen mit der Mutter peinlich darauf, dass Carmen bis zur Hochzeit immer „sehr früh wieder zu Hause war, so zu einer Zeit, zu der die jungen Leute heute in die Diskothek gehen“.

          Die Enkel hätten dem Großvater nicht nur Freude bereitet

          Was würde der Vater nun sagen, wenn er das zeitgenössische Spanien mit all seinen innenpolitischen Raufereien sähe? „Ich glaube, er würde im Laufschritt in die andere Welt zurückrennen.“ Und wenn er sähe, was gerade in Katalonien passiert, wo die Separatisten sein einiges Spanien auseinanderbrechen wollen? „Was soll ich dazu sagen. Er ist besser in der anderen Welt aufgehoben.“ Francos letzte Tage waren qualvoll. Der Diktator war an Schläuche angeschlossen, und das Land wusste so gut wie er selbst, dass das Unvermeidliche nur hinausgezögert wurde. Hatte er Angst vor dem Tod? „Überhaupt nicht. Er sagte nur, weil er so litt: ,Wie schwer ist es, zu sterben.’“ Dass ihr Mann, ein Arzt, Franco im Todeskampf fotografierte und die Bilder an die Öffentlichkeit gelangten, hat Carmen ihm lange nicht verziehen.

          Die sieben Enkel, die sie in der Ehe mit dem Chirurgen Cristóbal Martínez Bordiú zur Welt brachte, hätten dem Großvater auch nicht immer nur Freude bereitet. Das gibt die Mutter unumwunden zu. Die Enkel verbringen zum Teil noch immer viel Zeit in den Diskotheken, die der Mutter versperrt waren. Sie lassen sich scheiden und heiraten wieder, was das erzkatholische Ehepaar Franco mit Missfallen betrachtet hätte. Sie schnupfen dies, schlucken das und rauchen jenes. Aber sie sind tüchtig beim Geldverdienen, vor allem im Immobilienhandel. Regelmäßig dementieren sie, dass die Familie ein Vermögen von mehreren hundert Millionen Euro habe.

          Vielleicht ist das auch gar nicht nötig. Denn allein die wegen ihrer proletarischen Liebschaften und radikalen Diäten berühmteste Enkelin Carmen Martínez Bordiú bekommt, wenn sie etwas braucht, 50.000 Euro für einen Auftritt in der Fernsehshow „Schaut mal her, wie ich tanze“.

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