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Fränkische Tingeltour Auf krummen Wegen durch die Provinz

31.07.2007 ·  Als Edmund Stoiber stürzte, war Gabriele Pauli für kurze Zeit ein Star. Das hat sich in der Zwischenzeit gründlich geändert. Jetzt will sie selbst CSU-Vorsitzende werden. Pascal Morché war einen Tag mit der Landrätin unterwegs.

Von Pascal Morché
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Und wir dachten schon, Gabriele Pauli hätte sich mit ihren schwarzen Lacklederhandschuhen endgültig aus der Öffentlichkeit verabschiedet. Aber der bizarre Auftritt in einem Lifestyle-Magazin soll dann wohl doch nicht ihr letzter gewesen sein: Seit die Fürther Landrätin ihre Kandidatur für den Parteivorsitz der CSU angekündigt hat, interessiert man sich endlich auch außerhalb ihres Landkreises wieder für sie. Heute zum Beispiel empfängt Gabriele Pauli eine Journalistin des Wiener Boulevardblatts „Kurier“ im Eiscafé „Maroni“ in Zirndorf. Da sitzt die „CSU-Rebellin“ nun im hübschen, leichten Sommerkleid. Ihr Fußkettchen blitzt in der Sonne um die Wette mit den drei Strasssteinchen, die sie sich diagonal auf die im French Style manikürten Nägel ihrer Ringfinger geklebt hat.

In diesem Outfit hat Pauli noch kurz zuvor die Vergrößerung des Wertstoffhofs im Nachbarort Veitsbronn-Siegelsdorf feiern können, doch jetzt beantwortet sie so grundsätzliche Fragen wie die nach ihrem Lieblingsschriftsteller und ihrer Lieblingsfarbe mit „Paulo Coelho“ und „Türkis“. Oder sie diktiert der Wiener Journalistin gleich richtig starke Sätze in den Spiralblock: „Früher ging man in die Politik, um sich zu bekennen; heute, um etwas zu bewegen.“ Oder: „Eine blutige Nase muss man riskieren, wenn man seinen Weg geht.“

Erst brachte sie Stoiber zu Fall, dann sich selbst

Gabriele Pauli, wir erinnern uns: Erst brachte sie Edmund Stoiber zu Fall, wenig später sich selbst mit jenen berühmten Modebildern, die so harmlos waren, dass Alice Schwarzer sie im „Spiegel“ „pornographisch“ nannte. Die kommt nie wieder, dachten wohl alle, und vor allem die Männer in der CSU-Parteizentrale an Münchens Nymphenburger Straße mögen es sich gewünscht haben. Doch jetzt ist die Fürther Landrätin Pauli wieder da, charmanter und frecher als zuvor. Ist da, wo eine Kamera, ein Mikrofon oder ein Spiralblock ihrer Worte harren: „Wenn ich über einen Graben springe, interessiert mich doch nur seine Breite, nicht aber seine Tiefe.“ Der Satz könnte auch vom Eso-Autor Coelho sein, stammt aber von Gabriele Pauli.

Zirndorf bei Fürth, das ist wahrhaft nicht der Nabel der Welt, aber es ist immer die Welt der Gabriele Pauli geblieben. Sie war sieben Jahre alt, als sie mit den Eltern von der Mosel hierherzog. Denen schien Zirndorf ideal, um ein Uhren- und Schmuckgeschäft zu eröffnen. Es wird noch heute von Paulis Mutter betrieben und erklärt wohl die Neigung der Landrätin, sich immer mit etwas zu viel glänzendem Geschmeide herauszuputzen. Gabriele Pauli, das ist auch eine Emanzipationsgeschichte aus der Provinz: Eine Madame Bovary bringt sich heute nicht mehr um, sondern wird Landrätin, fährt ein schweres italienisches Motorrad und stürzt den Ministerpräsidenten. Im Sinne der Literatur ist das natürlich nicht begrüßenswert; im Sinne von Gabriele Pauli schon. Bis 1980 führte sie einen kleinen Verlag für experimentelle fränkische Mundartdichtung, dann ließ sie sich in den vergangenen 17 Jahren mit steigender Zustimmung (zuletzt mehr als 65 Prozent) im ehemaligen SPD-Landkreis Fürth zur Landrätin wählen. Neben 47 CSU-Landräten ist sie in Bayern die einzige Frau in so einem Amt. Doch wer sie einen Tag in ihrem Landkreis begleitet, erfährt bald, dass Pauli mehr ist: Sie ist die Lady Di unter den 114000 Einwohnern ihres CSU-Reichs, die Lichtgestalt in der Provinz.

Alle sind hier stolz auf die Gaby

Tatsächlich wirkt Gabriele Pauli wenige Tage nach ihrem fünfzigsten Geburtstag jünger, frischer und vor allem freier als die meisten übergewichtigen Landfrauen zwischen dreißig und vierzig, denen man in dieser Gegend allerorten begegnet. Später drückt sie auch der SPD-Bürgermeister von Unterasbach beim Kirchweihauftakt herzlich an seine Brust, ohne dass er dafür Vorhaltungen von der eigenen Gattin fürchten müsste. Alle sind sie hier stolz auf die Gaby. Sie hat den Landkreis berühmt gemacht, dessen größter Gewerbesteuerzahler die Firma Playmobil ist.

Es ist ein schönes Land mit sanften Hügeln, durch das Pauli täglich in ihrer Audi-A8-Dienstlimousine gleitet. Obwohl ihr Landkreis von der Fläche her der kleinste in Bayern ist, hat das Auto nach acht Monaten schon 46000 Kilometer drauf. Gabriele Pauli sitzt im Fond des Wagens, umgeben von leeren Mineralwasserflaschen, mehreren Handtaschen zum Wechseln sowie Texten in Klarsichthüllen. Während ihre Fahrerin halsbrecherisch Mähdrescher und Traktoren überholt, greift die Landrätin zum Stabilo-Leuchtmarker. Der quietscht nun übers Papier, während der Audi die Kilometer frisst. Den Termin zur Fachtagung „Stärken stärken - ländliche Räume in der Metropolregion Nürnberg“ im Kongresscenter Bad Windsheim erreicht sie verspätet. Ihr Redebeitrag nennt sich „Statement“ zum Thema „verkehrliche Vernetzung“. Charmant erklärt sie das Zuspätkommen im dunklen Seminarraum: „Tschuldigung, so viel Mähdrescher auf der Straße!“

49 Kilometer Fahrt für einen Drei-Minuten-Auftritt

Ausschließlich Männer, allesamt in kurzärmeligen Hemden, machen sich bei schwülem Wetter darüber Gedanken, wie man „verkehrlich“ am besten von Marktredwitz nach Roth und von Bamberg nach Fürth und von Herrieden nach Neumarkt kommt. Pauli sagt, wie wichtig diese Tagung sei, sie begrüßt einheitliche Tarife von Bahn und Bus und nennt ewiges Umsteigen mühsam. Für dieses „Statement“ braucht sie circa drei Minuten - dafür ist sie 49 Kilometer gefahren. Während danach die Männer „Verkehrsverbünde“ und „Tarifharmonisierungsverluste“ er- örtern, spielt Pauli mit ihrem Hightech-Handy. Es ist lautlos gestellt, vibriert aber oft, und man merkt bald: Das Telefon ist Retter und Tröster bei manch stundenlanger Tagung, bei manch langweiligem Volksfest. Es ist Paulis Kontakt zur großen, weiten Außenwelt. Hier kommen die Anfragen für Interviews und Talkshow-Auftritte rein. Dass sie da nur zu gern „Jaaaa!“ zurückmailt, wer wollte es angesichts der Fotos eines neuen Neigetechnik-Triebwagens, die der alte Overheadprojektor an die Wand wirft, verübeln?

Danach geht's wieder 49 Kilometer zurück: Entlassungsfeier an einer Schule, die tatsächlich mal nicht den Namen eines Widerstandskämpfers trägt, sondern ganz banal „Realschule Zirndorf“ heißt. Die besten Schüler des Abschlussjahrgangs bekommen von Pauli Buchpreise überreicht. Die Landrätin spricht frei, flicht Binsen zu einem alle beglückenden Strauß bekannter Weisheiten: „Lassen Sie sich nicht beirren!“ „Es gibt keinen geraden Weg im Leben!“ „Die Note im Zeugnis ist später nicht das Entscheidende!“ Sie erwähnt kurz ihre eigene Tochter, die gerade Abitur gemacht hat, und wird vom Elternbeirat für ihr Engagement in Sachen Klassenzimmererweiterung gelobt.

Die Fähigkeit, vorzeitig zu verschwinden

Eine der größten Herausforderungen für Pauli: Wie verlässt man eine Veranstaltung, der man Glanz und Glamour verleiht und bei der man stets in der ersten Reihe plaziert wird, ohne unhöflich zu wirken? Gabriele Pauli hat diese Fähigkeit in den 17 Jahren ihrer landrätlichen Repräsentationsaufgaben perfektioniert. Einem Engel gleich, der seine Pflicht getan, entschwindet sie einfach; wie eine Florence Nightingale, die eben den einen Krankensaal auch mal verlassen muss, um zum anderen zu eilen. Doch vor dem nächsten Termin gönnt sich Gabriele Pauli eine Pause.

Für den Kirchweihauftakt in Unterasbach hat sie Kleid, Schmuck und Handtasche gewechselt. Ein heftiges Sommergewitter hat den Festplatz aufgeweicht, die Landrätin stakst vorsichtig ins Festzelt. Das ist noch fast leer. Am „Ehrentisch“ lobt der SPD-Bürgermeister die enorme Wohnqualität Unterasbachs und bemängelt, dass es „immer irgendwelche Menschen gibt, die sich aufregen, wenn man vor ihren Häusern einen Altglascontainer aufstellt“. Pauli nickt verständnisvoll, trinkt Wasser. Das Handy vibriert nicht. Schade. Wenig später, beim Bieranstich auf der Bühne, hält sie in der rechten Hand eine Maß und in der linken ein seltsames Blumengebinde. Paulis Körper ist voller Spannkraft. „Vor der Stoiber-Geschichte habe ich noch jede Woche Fitness gemacht“ - dabei strahlt die Frau so glückselig und bezaubernd, wie es sonst nur Weinköniginnen vermögen. Viele wollen sich danach mit ihr fotografieren lassen. Doch sie muss weiter, also schnell die Blumen in den Kofferraum.

„Kinder sind wichtiger als eine funktionierende Ehe“

Gabriele Pauli sagt Dinge wie: „Wichtig ist, dass Politiker echt bleiben.“ Oder, auf Horst Seehofer angesprochen: „Ich bin gegen doppelte Moral. Kinder sind wichtiger als eine funktionierende Ehe.“ Auf Nachfrage wird Pauli auch persönlicher und erzählt, dass sie jedwede Angst verloren habe, seit sie einmal in einem Hochseilgarten herumturnte. Beim fünfzigjährigen Jubiläum des Sportvereins Weismannsdorf-Regelsbach sitzt Pauli wieder in der ersten Reihe einer nach Bier, Schweiß und Schweinsbraten duftenden Halle. Sie ist Schirmherrin der Veranstaltung und wird über „die Wichtigkeit ehrenamtlicher Tätigkeiten“ im Sportverein sprechen, vom „großartigen Engagement“, von „Förderung auf allen Ebenen, die uns stets am Herzen liegen muss“.

Der Gesangverein hebt an, und es gibt einen Bocksbeutel aus der Hand des stark transpirierenden, schwergewichtigen ersten Vorstandes. Der Mann ist sehr stolz, dass „unsere“ berühmte Landrätin Pauli, „die wo man aus dem Fernsehen kennt“, den Weg aufs Sportgelände von Großweismannsdorf gefunden hat. Später, im Auto nach den Versatzstücken ihrer kleinen, hübschen Reden gefragt, sagt Pauli, sie kämen spontan und aus dem Herzen. Nur manchmal, bei Feuerwehrbällen, müsse sie aufpassen, dass sie sich nicht wiederhole. „Aber ich kann jederzeit mindestens zwanzig verschiedene Reden auf Feuerwehren halten.“ Zufrieden sei sie, erzählt Pauli auf dem Nachhauseweg. Dann fügt sie hinzu: „Zufriedenheit ist doch ein Zeichen von Reife.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.07.2007, Nr. 30 / Seite 43
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