http://www.faz.net/-gum-73rjk

Fotos von Demenzkranken : „Sie sind ungeschminkt ehrlich“

  • Aktualisiert am

„Menschen mit Demenz sind die Punks des Alters.“ Bild: Michael Hagedorn

Michael Hagedorn begleitet demente Menschen mit der Kamera – mittlerweile sind dabei schon 40000 Fotos entstanden. Im Interview spricht Hagedorn über Würde, Freude und Ängste.

          Herr Hagedorn, Sie fotografieren Demenzpatienten und haben einmal gesagt, nirgends lernten Sie mehr über sich. Was haben Sie über sich gelernt?

          Menschen mit Demenz leben immer mehr im Hier und Jetzt. Sie schenken dem Augenblick mehr Bedeutung, und der ist oft sehr viel bunter und lebenswerter, als man denkt. Sie tun, was sie wollen, auch gegen alle Konventionen, und sind damit in höchstem Maße selbstbestimmt. Menschen mit Demenz sind die Punks des Alters. Diese Erfahrungen haben mich verändert.

          Warum fotografieren Sie Demenzkranke?

          Als ich vor sieben Jahren mit diesem Langzeitprojekt begann, wurde mir sehr schnell klar, dass ich in der Klischeefalle gesessen hatte, dass mein bisheriges Bild ganz und gar nicht mit dem übereinstimmte, was ich täglich erlebte: kein tristes Grau, sondern Farbe in allen Zwischentönen. Wir neigen zu Schubladendenken, und Menschen, die anders ticken, werden sofort pathologisiert.

          Wie sieht Ihrer Meinung das öffentliche Bild von Demenzkranken gerade aus?

          Wir haben geradezu eine Kultur des mitleidigen Gruselns statt des zugewandten Mitgefühls. Wenn sich dann noch von den Medien geschürte Horrorbilder dazugesellen, landen die Betroffenen sehr schnell am Rand der Gesellschaft. Bei Demenz ist das sehr ausgeprägt. In meiner Arbeit steht nicht die Krankheit im Vordergrund, sondern die Personen dahinter, die bis zum letzten Atemzug Persönlichkeiten bleiben. Ich spreche deshalb auch nicht von Demenzkranken, sondern von Menschen mit Demenz.

          Wie schwierig ist es, demente Menschen zu fotografieren?

          Ich empfinde es als leicht, weil sie sehr direkt sind. Sie verstellen sich nicht, sind ehrlich und geben sehr viel von sich preis. Das bedeutet für mich als Fotograf auch, dass ich sehr verantwortungsvoll mit dem Vertrauen der Leute umgehe.

          „Unser Ziel ist, das Thema Demenz im wahrsten Sinne mit neuen Bildern zu besetzen.“
          „Unser Ziel ist, das Thema Demenz im wahrsten Sinne mit neuen Bildern zu besetzen.“ : Bild: Michael Hagedorn

          In welchen Momenten legen Sie die Kamera weg?

          Ich fotografiere dann nicht, wenn ich das Gefühl habe, den Menschen nicht gerecht zu werden. Wenn ich jemanden als sehr ausgeglichene Person erlebe, die aber doch einmal traurig und niedergeschlagen dasitzt, dann möchte ich sie in dem Moment nicht aufnehmen. Ich muss auch kein Foto auf der Toilette machen, ich will niemanden despektierlich darstellen.

          Wie verhalten sich Demenzkranke vor der Kamera?

          Das hängt davon ab, wie weit die Demenz fortgeschritten ist. In einem späteren Stadium sind sie total uneitel. Und sie sind einfach, wie sie sind, ungeschminkt ehrlich.

          Wie reagieren die Demenzpatienten auf Ihre Bilder?

          Andere alte Menschen finden sich oft nicht so hübsch oder zu alt, um fotografiert zu werden. Menschen mit Demenz sagen mir oft: „Ich finde, ich sehe gut aus.“ Irgendwann passt das eigene Bild des Porträtierten dann nicht mehr mit der Person auf dem Foto zusammen, er erkennt sich nicht wieder. Beim Bilderschauen wird in der Regel viel gelacht.

          Sie zeigen Ihre Fotos in einer „Aktivierungskamapagne“, wie Sie es nennen. Warum?

          Weitere Themen

          Per Bulldozer ins Massengrab Video-Seite öffnen

          Tote IS-Kämpfer : Per Bulldozer ins Massengrab

          Das sogenannte Kalifat der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat im Irak und in Syrien bröckelt immer weiter. Das Schicksal der getöteten Kämpfer sorgt bei den Menschen vor Ort nicht für Mitleid: Im irakischen Dhuluijah sind die Verstorbenen mit Bulldozern in Massengräbern am Stadtrand verscharrt worden, nachdem die Leichen offen herumgelegen hatten.

          Topmeldungen

          Jamaika-Sondierung : Zwölf Themen, sie zu binden

          Jetzt wird es ernst: Am Nachmittag beginnen die Jamaika-Sondierungen in großer Runde, mit allen Parteien. Die zentralen Punkte für eine Einigung sind identifiziert – von den Bäumen runter sind die Unterhändler deshalb aber noch lange nicht.
          Auf den Zahn gefühlt: Fast alle Parteien leiden unter Phantomschmerzen

          Fraktur : Nervtötende Sondierung

          Die geplante Mesalliance aus Union, FDP und Grünen ist doch im Grunde ein einziger wunder Punkt.
          Ludwig Erhard (1897 bis 1977) sah in der Sozialen Marktwirtschaft nie ein in Stein gemeißeltes Dogma.

          Koalitionsverhandlungen : Mehr Ludwig Erhard wagen

          Schon zehn Jahre nach Einführung der Sozialen Marktwirtschaft forderte der legendäre Wirtschaftsminister Ludwig Erhard eine Weiterentwicklung. Geklappt hat das bis heute nicht. Ein Auftrag für die nächste Regierung!

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.