http://www.faz.net/-gum-73rjk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Best Ager - Für Senioren und Angehörige

Veröffentlicht: 25.10.2012, 10:04 Uhr

Fotos von Demenzkranken „Sie sind ungeschminkt ehrlich“

Michael Hagedorn begleitet demente Menschen mit der Kamera – mittlerweile sind dabei schon 40000 Fotos entstanden. Im Interview spricht Hagedorn über Würde, Freude und Ängste.

© Michael Hagedorn „Menschen mit Demenz sind die Punks des Alters.“

Herr Hagedorn, Sie fotografieren Demenzpatienten und haben einmal gesagt, nirgends lernten Sie mehr über sich. Was haben Sie über sich gelernt?

Menschen mit Demenz leben immer mehr im Hier und Jetzt. Sie schenken dem Augenblick mehr Bedeutung, und der ist oft sehr viel bunter und lebenswerter, als man denkt. Sie tun, was sie wollen, auch gegen alle Konventionen, und sind damit in höchstem Maße selbstbestimmt. Menschen mit Demenz sind die Punks des Alters. Diese Erfahrungen haben mich verändert.

Warum fotografieren Sie Demenzkranke?

Als ich vor sieben Jahren mit diesem Langzeitprojekt begann, wurde mir sehr schnell klar, dass ich in der Klischeefalle gesessen hatte, dass mein bisheriges Bild ganz und gar nicht mit dem übereinstimmte, was ich täglich erlebte: kein tristes Grau, sondern Farbe in allen Zwischentönen. Wir neigen zu Schubladendenken, und Menschen, die anders ticken, werden sofort pathologisiert.

Wie sieht Ihrer Meinung das öffentliche Bild von Demenzkranken gerade aus?

Wir haben geradezu eine Kultur des mitleidigen Gruselns statt des zugewandten Mitgefühls. Wenn sich dann noch von den Medien geschürte Horrorbilder dazugesellen, landen die Betroffenen sehr schnell am Rand der Gesellschaft. Bei Demenz ist das sehr ausgeprägt. In meiner Arbeit steht nicht die Krankheit im Vordergrund, sondern die Personen dahinter, die bis zum letzten Atemzug Persönlichkeiten bleiben. Ich spreche deshalb auch nicht von Demenzkranken, sondern von Menschen mit Demenz.

Wie schwierig ist es, demente Menschen zu fotografieren?

Ich empfinde es als leicht, weil sie sehr direkt sind. Sie verstellen sich nicht, sind ehrlich und geben sehr viel von sich preis. Das bedeutet für mich als Fotograf auch, dass ich sehr verantwortungsvoll mit dem Vertrauen der Leute umgehe.

21858908 © Michael Hagedorn Vergrößern „Unser Ziel ist, das Thema Demenz im wahrsten Sinne mit neuen Bildern zu besetzen.“

In welchen Momenten legen Sie die Kamera weg?

Ich fotografiere dann nicht, wenn ich das Gefühl habe, den Menschen nicht gerecht zu werden. Wenn ich jemanden als sehr ausgeglichene Person erlebe, die aber doch einmal traurig und niedergeschlagen dasitzt, dann möchte ich sie in dem Moment nicht aufnehmen. Ich muss auch kein Foto auf der Toilette machen, ich will niemanden despektierlich darstellen.

Wie verhalten sich Demenzkranke vor der Kamera?

Das hängt davon ab, wie weit die Demenz fortgeschritten ist. In einem späteren Stadium sind sie total uneitel. Und sie sind einfach, wie sie sind, ungeschminkt ehrlich.

Wie reagieren die Demenzpatienten auf Ihre Bilder?

Andere alte Menschen finden sich oft nicht so hübsch oder zu alt, um fotografiert zu werden. Menschen mit Demenz sagen mir oft: „Ich finde, ich sehe gut aus.“ Irgendwann passt das eigene Bild des Porträtierten dann nicht mehr mit der Person auf dem Foto zusammen, er erkennt sich nicht wieder. Beim Bilderschauen wird in der Regel viel gelacht.

Sie zeigen Ihre Fotos in einer „Aktivierungskamapagne“, wie Sie es nennen. Warum?

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Hilfe für Demenzkranke Mit Inge, Heidi und Bärbel kehren die Erinnerungen zurück

Besuch aus dem Altenheim: Wie das Puppenmuseum in Hanau in einem Projekt dementen Menschen die Kindheit ins Gedächtnis ruft. Mehr Von Luise Glaser-Lotz, Hanau

29.07.2016, 12:07 Uhr | Rhein-Main
Fast wie bei Harry Potter Die Welt jagt in Frankfurt den goldenen Schnatz

21 Nationalteams mit rund 350 Spielerinnen und Spielern haben in Frankfurt um den dritten Weltmeisterschaftstitel im Quidditch gekämpft. Das ungewöhnliche Spiel zieht verschiedenste Sportler an. Und auch Menschen, die eigentlich nichts mit Sport am Hut haben, klemmen sich die eher irdischen Plastikstangen zwischen die Beine. Mehr

25.07.2016, 21:10 Uhr | Sport
Expertin im Gespräch Amoktäter streben alle nach Grandiosität

Amokläufer sind empathielos und selbstverliebt – und kommen oft aus guten Elternhäusern. Die Kriminologin Britta Bannenberg über die psychopathologischen Züge der Täter. Mehr Von Karin Truscheit

25.07.2016, 19:06 Uhr | Gesellschaft
Afghanistan IS bekennt sich zu blutigem Anschlag in Kabul

Bei einem Anschlag auf friedliche Demonstranten in Kabul sind nach Regierungsangaben mehr als 80 Menschen getötet und mehr als 200 weitere verletzt worden. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat beansprucht die Tat für sich. Mehr

24.07.2016, 11:02 Uhr | Politik
Börsennotierte Baumwipfelpfade Wandern in den Wipfeln

Baumwipfelpfade sind der letzte Schrei. Es gibt sie sogar börsennotiert. Eine Begehung. Mehr Von Corinna Budras

29.07.2016, 14:27 Uhr | Finanzen

„Lindenstraße“ Schauspieler Georg Uecker ist HIV-positiv

Georg Uecker macht seine HIV-Infektion öffentlich, Bette Midler ist „total stolz“ über ihre neue Aufgabe und Kristen Stewart steht zu ihrer Homosexualität – der Smalltalk. Mehr 20

Frankfurter Allgemeine Stil auf Facebook
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden