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Internet-Hit : Flüchtling, Aktivist und YouTube-Star

„Wer sind diese Deutschen?“ fragt der Syrer Firas al-Shater – und begeistert damit das Netz. Bild: Screenshot YouTube

Firas al-Shater ist der erste Flüchtling mit einem YouTube-Kanal – in den vergangenen Tagen ist er zum Internetstar avanciert. Wer ist dieser Mann, der selbst die Herzen von Trollen und Ausländerfeinden erweicht?

          Viele Deutsche fragen sich, wer die ganzen Menschen sind, die derzeit aus Syrien und anderen Ländern fliehen und nach Deutschland strömen. Ärzte? Akademiker? Strenggläubige Muslime? Chauvinisten? Islamisten? Firas al-Shater fragt sich: Wer sind eigentlich diese Deutschen?

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft.

          Er ist ein syrischer Flüchtling, 26 Jahre alt, Filmemacher mit strubbeligem Bart und Ohrring – und seit kurzem Youtube-Star. Ein dreiminütiges Video, in dem er auf einem Sofa sitzt und launig die Deutschen erklärt, haben innerhalb weniger Tage mehr als eine Millionen Menschen bei Facebook angesehen, es wurde dort zehntausendfach geteilt.

          Während er dort sitzt und in ziemlich gutem Deutsch in die Kamera plaudert, werden Worte wie „Ohrwurm“, „Rentenversicherung“ und „erhöhtes Beförderungsentgelt“ in das Video eingeblendet. Die Antwort „ein Volk mit einer komplizierten Sprache“ wäre auf die Frage nach der Identität der Deutschen aber zu einfach gewesen, auch wenn Al Shatar offen zugibt: „Wenn ich es nicht gemusst hätte, hätte ich niemals Deutsch gelernt. Für so eine Sprache ist das Leben viel zu kurz!“

          Fast ausschließlich positive Reaktionen

          In seinem Video zeigt Al-Shater ein Experiment: Er hat sich mit verbundenen Augen und einem Schild auf den Alexanderplatz gestellt, auf dem steht: „Ich bin syrischer Flüchtling. Ich vertraue dir – vertraust du mir? Umarme mich!“ – und geschaut, was passiert.

          Das ist so lustig und entwaffnend, dass sich unter den Tausenden Kommentaren nur wenige negative oder gar ausländerfeindliche finden. Einige lauten sogar in etwa „Ich bin ja eigentlich gegen Flüchtlinge, aber dein Video ist wirklich super“.

          Wer ist dieser Mann, der es schafft, die allgemeine „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber...“-Rhetorik in ihr komplettes Gegenteil zu verkehren und das sonst von Trollen und Hasskommentaren überlaufende Netz zu erobern? Das wollen viele wissen. Die Medien belagern ihn inzwischen, nicht nur in Deutschland. Sogar die „Washington Post“ hat schon um ein Interview gebeten.

          In Damaskus gegen Assad demonstriert

          Firas al-Shater hat in Damaskus Schauspiel studiert, als der Arabische Frühling begann. Bei den Demonstrationen gegen das Regime von Baschar al-Assad war er sofort dabei, deshalb wurde er von der Universität geworfen.

          Da besorgte er sich eine Kamera, um der Welt zu zeigen, was in seiner Heimat los ist. Assads Geheimdienst verschleppte und folterte ihn. Eine Anklage gab es nicht. Seine Familie wusste nicht, ob er noch lebte, war krank vor Sorge. Sie fand ihn schließlich nach neun Monaten und kaufte ihn frei – eine Masche, an der das Regime gut verdient. Kurz darauf geriet er in die Fänge von islamistischen Kämpfern, die ihn verdächtigten, für das Regime zu filmen. Die waren weniger brutal als die Schergen Assads und ließen ihn nach einigen Tagen ziehen.

          Für ein Filmprojekt reiste al-Shater im Jahr 2013 nach Deutschland – und beschloss, nicht zurückzukehren. Er beantragte Asyl.

          Der Film, der ihn nach Deutschland brachte, heißt „Inside Syria“ und ist eine Mischung aus Dokumentarfilm und Komödie, die sich dem syrischen Bürgerkrieg mit tiefschwarzem Humor nähert. Es ist das Projekt des Kampagnenfilmers Jan Heilig, der beim Ausbruch des Arabischen Frühlings das Gefühl hatte, ein Stück Geschichte zu erleben, ähnlich dem Mauerfall. Das wollte er dokumentieren. Sein erster Partner starb in Syrien mit der Kamera in der Hand. Heilig suchte nach Ersatz und kam so mit al-Shater in Kontakt.

          Schwarzer Humor verbindet ihn mit seinem deutschen Partner

          Wenn die beiden erzählen, wie Firas al-Shater, kaum den Fängen des Regimes entkommen, von Islamisten aufgegriffen wurde, dann lachen sie. Der schwarze Humor scheint sie zu einen. „Er ist manchmal das einzige, was bleibt, wenn man Videos sieht, die einen nicht mehr schlafen lassen“, sagt Heilig.

          „Was passiert ist, ist passiert. Ich will nicht an die Vergangenheit denken, sondern Leute zum Lachen bringen“, sagt al-Shater.

          Sein Alltag in Berlin bietet ihm genug Anlässe, seinen schwarzen Humor zu pflegen. Etwa, wenn er hört, wie Pegida-Anhänger darüber klagen, wie viel Geld Flüchtlinge in Deutschland bekämen – und er dann die frierenden und müden Syrer, Afghanen und Iraker sieht, die vor dem Lageso Schlange stehen für Taschengeld oder einen Notschlafplatz.

          Ungewisse Zukunft in Deutschland

          Firas al-Shater muss nicht zum Lageso. Er darf hier wohnen und arbeiten, hat sich für ein Filmstudium beworben. Seine Zukunft ist trotzdem ungewiss: In einem halben Jahr läuft seine Aufenthaltsgenehmigung aus, er muss eine neue beantragen.

          Statt sich von der Ungewissheit herunterziehen zu lassen, wird er lieber kreativ, wie mit dem Video vom Alexanderplatz. Das fand Jan Heilig so lustig, dass die beiden beschlossen, es zu einer kleinen Webserie auszubauen.

          Zehn dreiminütige Folgen auf Deutsch mit arabischen Untertiteln soll es geben zur Frage wie die Deutschen ticken und wie ein Flüchtling sie und aktuelle politische Themen im Land erlebt.

          In der öffentlichen Wahrnehmung, scheint es, waren die Flüchtlinge eine Zeitlang schutzbedürftige Familien, dann plötzlich schwer integrierbare junge Männer.

          Wie ticken die Deutschen?

          So widersprüchlich kann ein Syrer auch die Deutschen leicht sehen. In seinem ersten Video blendete Firas al-Shater eine Pegida- und eine „Refugees-Welcome“-Demo ein.

          Die meisten Deutschen befinden sich irgendwo zwischen dieses Extremen. Sie sind zurückhaltend, gehen nicht so schnell auf Fremde zu, findet al-Shater. Bei seinem kleinen Projekt auf dem Alexanderplatz stand er ziemlich lange allein da.

          Doch siehe da: Am Ende des Videos umarmen viele Passanten den syrischen Flüchtling mit den verbundenen Augen und ausgebreiteten Armen wie verrückt. „Wenn die Deutschen etwas machen, dann machen sie es richtig“, sagt al-Shater. Deshalb, glaubt er, wird die Integration auch klappen.

          Quelle: FAZ.NET

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