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Leben wie vor 100 Jahren : Hosenträger gegen das schnelle Leben

  • -Aktualisiert am

Bild: Franziska Gilli

Weil ihm das moderne Leben zu hektisch ist, lebt Florian Schmitz wie zur Jahrhundertwende. Seine Kleider näht er selbst, zur Entspannung spielt er Klavier. Die Vorteile einer Waschmaschine weiß er aber zu schätzen. Ein Besuch.

          Es ist noch dunkel, kurz nach fünf. In seinem kahlen Zimmer mit dunklem Holzbett lehnt ein Landschaftsgemälde mit Goldrahmen an der Wand, schwere Gardinen lassen tagsüber wenig Licht herein. Florian Schmitz tritt an den Waschtisch neben dem Fenster. Auf der Anrichte stehen Kaisernatron und eine Holzzahnbürste, auf dem Tisch eine Porzellankaraffe mit Goldrand und eine Schale.

          Der Fünfundzwanzigjährige gießt das Wasser in die Schale und wäscht sich das Gesicht. Tags zuvor hat er das Wasser aus dem Hahn abgefüllt. „Wenn ich im Hof unten eine Pumpe hätte, würde ich mir das Wasser auch holen“, sagt er. Seine blonden Haare sind an den Seiten kurz rasiert, die längeren Haare auf dem Oberkopf kämmt er mit Seitenscheitel. Die Wangen seines blassen Gesichtes haben von der Arbeit im Freien leicht Farbe bekommen. Die Gesichtszüge sind fein, der Schnauzbart hat einen Rotstich.

          „Es ist eine Lebensweise“

          Das Leben um die Jahrhundertwende ist für Schmitz längst kein Hobby mehr. „Es ist eine Lebensweise.“ Der Rückschritt kam mit dem Fernsehgerät. Eine Reality-Soap schickte 20 Menschen auf einen Gutshof. Sie lebten mehrere Wochen wie um die Jahrhundertwende, mit klaren Rollen, einfachsten Mitteln, ohne Strom und Fernsehen. Da war der Kölner 14 Jahre alt, „im tierischen Entwicklungsstadium“, wie er sagt. Er erinnert sich noch genau an den Tag, an dem er mit dem schwarzen Mantel, einem Einreiher, in die Schule kam.

          Schmitz hatte sich von der Sendung inspirieren lassen. Seine Mitschüler standen vor Schulbeginn auf dem Pausenhof zusammen, als er zur Gruppe dazustoßen wollte. „Aber die sind weggegangen, als ich mit dem Mantel kam.“ Für seine Mitschüler war er fortan der Sonderling. Erst als sein Lehrer ihn ansprach, ob er nicht in einem Theaterstück den Butler spielen wolle, habe er seine Unsicherheit verloren. Auf der Bühne lebte er auf. „Da war ich auf irgendeine Weise jemand anders.“ Der Applaus bestätigte ihn in dem Wunsch, Schauspieler zu werden. „Auf der Bühne, da mag ich, dass sie mich angucken.“

          Aus neu mach alt: Wenn Schmitz sich waschen will, füllt er Leitungswasser in irdenes Geschirr ab, wie der moderne Mensch es aus Filmen über den jungen Goethe kennt

          Florian Schmitz geht in seinen schwarzen Lederpantoffeln in die Küche mit Mustertapete und Kirschholzboden. Die Zweizimmerwohnung liegt in einem Altbau aus dem Jahr 1905 mit Luftschutzkeller. Über der Küchenzeile steht auf einem Tuch die Aufschrift „Sich regen bringt Segen“. Die Details hat er gut ausgesucht, altes Inventar, Nähmaschine, klappernde Dosen, schwere Kerzenständer und sieben tickende Wanduhren. Er holt die Kaffeedose aus dem Regal, füllt die Bohnen in die Mühle. Einen Kohleofen gibt es nicht. Ein alter Herd mit Klappe muss es auch tun.

          Nachdem er das Wasser in den goldenen Kessel gefüllt und auf die Herdplatte gestellt hat, setzt er sich mit der Mühle auf einen alten Polsterstuhl und mahlt. Auf der Anrichte steht eine Würstchen-Konservendose, „Stramme Jungs“. Wegen seiner Ausbildung habe er kaum Zeit zum Kochen. „Es geht über Kartoffeln, Salat und Würstchen nicht großartig hinaus.“

          Nach der Schule begann Schmitz eine Schauspielausbildung bei der Theaterakademie in Köln, brach sie allerdings ab. Er wollte die Skripte lernen, auf der Bühne stehen. Doch kreativ sein und mit seiner Rolle experimentieren, das gefiel ihm nicht. Er bewarb sich auf mehrere Ausbildungsstellen. „Mir war wichtig, dass ich was mit den Händen machen kann.“ Im August 2012 begann er eine Ausbildung als Friedhofsgärtner.

          Schmitz erinnert sich an viele Gespräche zu seiner Berufswahl: „Sie fragen sich: Wie ist das, was arbeitet so ein Mensch eigentlich? Und dann komm ich damit raus: Friedhofsgärtner. ,Ja, das passt zu dir! Das passt so gut zu dir, hätte ich eigentlich vorher drauf kommen sollen’, sagen sie dann.“ Vor allem die Ruhe schätze er. „Allein schon der Arbeitsort, was ist da schnelllebig? Im Gegenteil, das ist der Ruheort schlechthin.“

          Das Klavier hilft beim Entspannen

          Wenn er doch einmal gestresst von der Arbeit kommt, setzt er sich ans Klavier. „Beim Spielen rekreiere ich mein Gemüt. Ich kann dabei irgendwas, irgendwelche Farben und Bilder und Gemälde entstehen lassen.“ Auf dem Klavier stehen Fotos von seinem Großvater und seinem verstorbenen Vater, ein selbstgemaltes Bild der Großmutter hängt daneben. Porträts von Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Wilhelm II. zieren die Wand über dem Klavier. „Das war damals so.“

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