22.04.2005 · Keine Inszenierung, keine gecasteten Gäste und vor allem keine Tabus: Seit zehn Jahren hat Nacht-Talker Domian für alles Verständnis. Das einzigartige Format hat sich trotz aller Kritik durchgesetzt.
Von Katharina IskandarSeit zehn Jahren zeigt der WDR allnächtlich ein besonderes Fernsehspektakel. Menschen am Telefon berichten von ihren Sorgen und Nöten, offenbaren tief verborgene Ängste, manchmal weinend oder flehend, immer aber nah an der Verzweiflung. Die Schlaflosen, die Verzweifelten, die Einsamen und die Voyeure: man sieht sie vor sich, wie sie sich vor dem Gerät versammeln, um bei „Domian“ dem Kummer anderer zu lauschen.
Es ist, als säße man neben dem Pfarrer im Beichtstuhl. Die Sendung ist kein inszeniertes Produkt mit gecasteten Gästen. Die Schicksale, über die hier freimütig gesprochen wird, sind nicht Schein, sie sind Ereignis.
Anfangs Vierzigtausend Zuhörer
Da ist eine Mutter, deren Sohn auf der Rückfahrt von einem Nordseeurlaub aus dem fahrenden Reisebus fiel, weil er aus Versehen den Öffnungsknopf der Tür gedrückt hatte. Oder ein Mann, der an einer sehr seltenen Krankheit leidet, bei der sich das Muskelgewebe allmählich in Knochen verwandelt. Er sei so „versteinert“, daß er nur noch stehen könne, erzählte der Anrufer.
Fälle wie dieser sind schrecklich und viel zu persönlich, als daß man Tausende Anonyme an seinem Kummer teilhaben lassen möchte. Dennoch rufen die Menschen bei „Domian“ an, jeden Abend sind es etwa vierzigtausend Zuhörer, die mit dem Moderator sprechen wollen. Es sind Menschen, die keine Familie oder Freunde haben, mit denen sie reden können - oder wenn sie diese haben, nicht reden wollen.
Ein lebender Kummerkasten
Warum aber wenden sie sich ausgerechnet an Jürgen Domian, einen Nacht-Talker, der vor allem dadurch bekannt geworden ist, daß er „einfach über alles und mit jedem“ redet, wie er sagt? Vielleicht, weil er jemand ist, der zu regelmäßiger Stunde erreichbar ist, der zuhört und sich mit einfühlsamer Miene und verständnisvollem Kopfnicken mit den Problemen anderer auseinandersetzt.
Er ist fremd genug, um ihm bedenkenlos seine seelischen Schattenseiten zu offenbaren, und er ist vertraut genug, um seine Ratschläge anzunehmen. Es muß etwas dran sein an dieser schlicht klingenden Erklärung, denn seit zehn Jahren spielt sich das Szenario sechsmal in der Woche im Fernsehen und im Radio ab. Seit zehn Jahren ist Jürgen Domian ein lebender Kummerkasten. Dafür bekam er das Bundesverdienstkreuz.
Zum Fernseh-Phänomen geworden
Schon in der Startphase der Sendung, die am 4. April 1995 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, ließen sich rund vierzigtausend Zuschauer von dem damals einzigartigen Talk-Format anlocken. „Das war ein grandioser Erfolg“, sagt Jürgen Domian heute, der allein im vergangenen Jahr - dem bisher erfolgreichsten seiner Karriere - via Fernsehausstrahlung rund einhundertachtzigtausend Zuschauer erreichte. An den Samstagen, wenn ein Prominenter im Studio zu Gast ist, sind es sogar doppelt so viele.
Der siebenundvierzigjährige Kölner, der nach seinem Studium der Germanistik, Politik und Philosophie beim WDR zunächst als Redakteur arbeitete, ist zum Fernseh-Phänomen geworden. Ihn hat ein Format berühmt gemacht, an das sich in dieser Form kein anderer Sender heranwagt. Es gibt zwar Fliege, und es gab Ilona Christen. Und auch bei Johannes B. Kerner, Beckmann und Günther Jauch geht es regelmäßig um Einzelschicksale.
Nicht nur eine ethische Gratwanderung
Doch die Ein-Mann-Show von Domian ist anders. Sie provoziert, weil hier jeder zu Wort kommt, der sich als „hilfsbedürftig“ ausgibt: schwerkranke Menschen, Suizidgefährdete, traumatisierte Jugendliche oder - und das ist wahrscheinlich mit ein Grund dafür, weshalb die Sendung so spät noch von so vielen Menschen geschaut wird - Leute mit abartigen Neigungen, wie etwa Pädophile, denen die Sendung eine öffentliche Plattform für „ernsthafte Gespräche“ einräumt.
Jürgen Domian kennt die Kritik, die sich seit jeher gegen ihn richtet, und versucht ebenso lange schon, sich zu verteidigen. „Das Format war von Anfang an ein Minenfeld“, sagt er und meint damit nicht nur die Tatsache, daß er vorher nicht weiß, wer sich mit welchem Problem an ihn wendet. Er meint die rechtliche Grauzone, die er mit den Gesprächen beschreitet, etwa, wenn er sich mit Menschen unterhält, die Verhaltensweisen pflegen, die in Einzelfällen gegen die Menschenwürde verstoßen. Dann sei es nicht nur eine ethische Gratwanderung, sondern auch eine juristische, sagt Domian.
Viele Dankesbriefe als Beweis
Für Menschen, die schwer krank oder gar suizidgefährdet sind, sei ein Psychologe da, der die „schwierigen Fälle“ auffange oder nach dem Telefonat eine weitergehende Betreuung anbiete. „Wenn es um Sterben oder Tod geht, dann verweise ich meine Anrufer oft sogar an einen Pfarrer weiter, denn ich habe diesen klerikalen Hintergrund nicht, der Menschen in ihrer Trauer am besten helfen kann“, gibt der Moderator zu, der seine Sendung in erster Linie nur als eines sieht: als soziale Dienstleistung. „Immerhin“, meint er, „haben die Menschen ein Bedürfnis, über ihre Sorgen zu sprechen. Ich frage mich, warum es nicht noch mehr solcher Talksendungen gibt.“
Seine Stimme klingt müde, wenn er abermals erklären muß: „Ich mache keine Sendung für Voyeure.“ Statt dessen würden viele Zuhörer in den geschilderten Schicksalen der Anrufer ihre eigene Geschichte wiederfinden. „Sie nehmen meine Ratschläge an, ohne selbst mit mir gesprochen zu haben. Wenn ich einem Anrufer helfe, dann fühlen sich gleich zehn weitere durch meinen Rat bestärkt.“ Beweis dafür seien ihm die vielen Dankesbriefe von Zuhörern. Oft seien Vergewaltigungsopfer dabei, die sich erst nach der Sendung getraut hätten, ihren Peiniger anzuzeigen.
Anything goes im Äther
Die Idee für „Domian“ hat der Moderator gemeinsam mit dem WDR-Intendanten Fritz Pleitgen entwickelt. Jürgen Domian hatte zuvor schon eine kleinere Telefon-Talkshow am Nachmittag, die ähnlich ablief wie seine Nachtshow. Pleitgen wollte jedoch ein bimediales Format, das die Menschen vor dem Fernseher und vor dem Radio gleichermaßen erreichen kann. Das Konzept ging auf. Eine Show entstand, in der es „keine Tabus gibt“, sondern nur die persönlichen moralischen Vorstellungen des Moderators, der betont: „Ich gehe mit den Menschen fair und würdevoll um.“
Das tut er in der Tat, seit zehn Jahren schon und mit großem Erfolg. Doch werden seine Kritiker ihm weiterhin vorwerfen, daß er auch jenen Gehör verleiht, die sich vor einer informationsgierigen Öffentlichkeit entblößen und Bestätigung für Dinge suchen, die man moralisch nicht gutheißen kann: Anything goes im Äther. „Ich denke dann an die vielen dankbaren Briefe, die ich bekomme“, sagt der Moderator: „Wenn ich weiß, daß ich helfen konnte, dann ist das jedes Mal ein überwältigendes Gefühl.“ Der Nacht-Talker ist sich der Aufmerksamkeit, die er Nacht für Nacht von seiner Fangemeinde bekommt, bewußt. Auch der Verantwortung. Und so begibt er sich weiterhin auf den schwierigen Weg, Menschen zu helfen - oder an ihrem Gewissen zu rühren.