Seine Fußballspieler kehren torlos aus der kasachischen Steppe zurück, die Null-Medaillen-Ausbeute seiner Olympioniken sitzt immer noch bohrend im Hinterkopf, und die Wintersportsaison hat noch nicht begonnen – da hat Österreich seinen Sohn Felix Baumgartner nach seiner Rückkehr auf die Erde innig umarmt, wenn auch aus der Ferne. Bundespräsident, Bundeskanzler, Landeshauptfrau und Bürgermeister gratulierten und bekundeten Stolz auf den Mann, der vor 43 Jahren in Salzburg geboren wurde.
Die Politiker durften sicher sein, dass ihre Wähler wissen, wovon die Rede ist. Gut jeder dritte Österreicher hat sich den freien Fall aus dem nahezu luftleeren Raum im Fernsehen angeschaut. Nur drei Sendungen sind in der Geschichte des ORF von mehr Zuschauern gesehen worden, eine Wahlsendung 2002, das erste Interview mit dem Entführungsopfer Natascha Kampusch und die „Peter Alexander Show“.
Am Montag erschien auch kaum eine Zeitung, die nicht Baumgartners Bild auf der Titelseite getragen hätte. Die „Kronen-Zeitung“, das verbreitetste Boulevardblatt, machte sogar den „lieben Gott höchstpersönlich“ für den windfreien Aufstieg verantwortlich. Aus der Ferne grüßten auch Vater und Mutter des Helden dieser Geschichte, die ebenso wie Bruder und Freundin nach New Mexico gereist waren. Machtvoll ist die Werbemaschinerie angelaufen. Sie will nicht nur zum Trinken der herzschlagsteigernden Brause anregen, deren Hersteller das Unterfangen bezahlt hat, sondern auch zum Kauf originaler Leibchen und Kappen. Wer weiß, vielleicht kann Baumgartner auch als Werbeträger für das Bundesheer dienen, denn dort hat er als junger Mann gedient, natürlich unterm Fallschirm. Allerdings hielt es ihn dort kürzer als geplant. Er reparierte dann Motorräder und machte nebenher spektakuläre Absprünge, bis ihn „Red Bull“ vor fünfzehn Jahren als Werbeträger entdeckte und finanzierte.
Seither sprang er von Brücken, Wolkenkratzern oder der Christusstatue in Rio, ließ sich in eine tiefe Höhle fallen und segelte im freien Fall über den Ärmelkanal. Nun solle damit aber Schluss sein, tat er nach dem Stratosphärenfall kund; das habe er seiner Freundin versprochen. Ob er aber wieder in Österreich heimisch wird, ist offen, hat er doch bei anderer Gelegenheit gesagt: „Eigentlich bin ich in der Luft zu Hause.“
Zehn Fragen und zehn Antworten
Wie viele neue Weltrekorde hat Felix Baumgartner aufgestellt?
Baumgartner schaffte am Sonntag in der Luft fünf neue Weltrekorde:
- höchste bemannte Ballonfahrt: 39045 Meter, geplant waren 36576Meter, bisheriger Rekord 34668Meter, aufgestellt 1961 von Malcolm D. Ross und Victor E. Prather;
- höchster Absprung: 39045 Meter, geplant waren 36576 Meter, bisheriger Rekord 31332 Meter am 16. August 1960 von Joseph Kittinger;
- größte im freien Fall erreichte Geschwindigkeit: 1342,8 Stundenkilometer (Mach 1,24), geplant waren 1100 Stundenkilometer, bisheriger Rekord 988Stundenkilometer aufgestellt am 16. August 1960 von Joseph Kittinger;
- längster freier Fall (Höhenunterschied): 36529 Meter, geplant waren 34500 Meter, bisheriger Rekord 24500 Meter am 1.November 1962 von Jewgenij Nikolajewitsch Andrejew;
- längster freier Fall ohne Stabilisierungsfallschirme (Dauer): vier Minuten 20 Sekunden, Joseph Kittinger stellte am 16.August 1960 einen Rekord von vier Minuten 36 Sekunden auf, jedoch mit einem stabilisierenden Bremsschirm, der ihn langsamer fliegen ließ. Baumgartner blieb mit seiner Zeit trotzdem klar hinter seinen Erwartungen zurück: Geplant waren fünf Minuten und 35Sekunden.
Darüber hinaus hat der freie Fall des Österreichers auch medial etliche neue Rekorde auch in Deutschland aufgestellt.
Konnte Baumgartner spüren, als er die Schallmauer durchbrach?
Nein. Auch nach seiner Landung wusste er zunächst nicht, ob er die nötige Geschwindigkeit erreicht hatte. Die Daten in seinem Brustpack mussten erst ausgewertet werden. Schallwellen breiten sich normalerweise in der Luft mit einer Geschwindigkeit von etwa 1234Stundenkilometern aus. In der Stratosphäre, wo die Luft wesentlich kälter ist als am Boden, bewegt sich der Schall langsamer - ungefähr mit 1100Stundenkilometern, was in dieser Höhe dann Mach 1 entspricht. Baumgartner lag mit Mach 1,24 klar darüber, er war „überschallschnell“.
Warum war kein Knall zu hören?
Tatsächlich löste Felix Baumgartner einen Überschallknall aus, der aber nur in seiner direkten Umgebung zu hören war. Dass er den „Knall“ selbst nicht hörte, wie er nach seiner Landung bestätigte, ist klar: Er war ja schneller als der Schall.
Warum fiel Baumgartner nicht einfach senkrecht vom Himmel?
Selbst in der dünnen Luft der Stratosphäre wirken Kräfte. Trotzdem waren Experten wie der Missionsanalytiker der Europäischen Weltraumorganisation (Esa), Markus Landgraf, überrascht, wie schnell Baumgartner ins Trudeln kam. Genauso überrascht war Landgraf, wie schnell der Österreicher die Drehungen wieder ausgleichen konnte. Baumgartner selbst fürchtete besonders, dass ihn das Flachtrudeln, das unkontrollierte und immer schnellere rotieren, seine Rekorde kosten könnte. „Da die dünne Luft in der extremen Höhe keinen Widerstand bietet, kann ich das nicht stoppen“, glaubte er. Konnte er aber doch, mit den Armen, wie er berichtete, weil die Stratosphäre eben kein luftleerer Raum, kein Vakuum ist. Wäre ihm das nicht gelungen, und wäre er durch das Flachtrudeln länger als sechs Sekunden über 3,5 G (Beschleunigung im freien Fall) ausgesetzt gewesen, hätte ein G-Sensor automatisch seinen Bremsfallschirm ausgelöst.
Was wäre passiert, wenn er ungebremst aufgeschlagen wäre?
Einen Sturz aus dieser Höhe hätte er sicherlich nicht überlebt. Er wäre aber nicht ungebremst aufgeschlagen, und sein Körper hätte sich auch nicht in die Erde „gebohrt“. Ohne Fallschirm erreicht ein fallender Mensch in Bodennähe die sogenannte Endgeschwindigkeit, bei der die Gravitationskraft gleich der entgegenwirkenden Kraft durch die Luftreibung ist. Mehr als 400 Stundenkilometer schnell wäre Baumgartner selbst ohne seinen Rettungsschirm nicht in die Tiefe gestürzt.
Ist Baumgartner nun ein Astronaut?
Nein. Die Grenze zum Weltraum liegt in 100 Kilometern Höhe.
Warum ist er nicht verglüht?
Weil es kein Wiedereintritt in die Erdatmosphäre war. Insofern waren die ihn abbremsenden Kräfte nicht groß genug, um eine enorme Hitze zu verursachen.
Was bringt der Sprung der Forschung?
Darüber lässt sich streiten. Viel mehr als die Erkenntnis, dass ein Mensch Überschallgeschwindigkeit im freien Fall überleben kann, springt für die Wissenschaft zunächst nicht heraus. Die Weltraumagenturen Nasa und Esa haben den Fall Baumgartners zwar mit Interesse verfolgt. Und Landgraf, der bei der Esa zukünftige Weltraummissionen plant, will sich die gewonnenen Daten auch ansehen. Direkten Einfluss auf die bemannte Raumfahrt wird das Projekt Stratos jedoch wohl höchstens bei der Entwicklung einer neuen Generation von Raumanzügen haben. Das eine oder andere Detail des speziell entwickelten Vier-Schichten-Anzugs könnte zum Beispiel bei künftigen Raumanzügen zum Einsatz kommen, mit denen Astronauten aus erdnahen Höhen zur Erde zurückkehren müssten - mittels Sprung und an einem Fallschirm wie Felix Baumgartner. Vor 50Jahren aber, als die bemannte Raumfahrt noch in den Kinderschuhen steckte, diente die Mission Excelsior III von Joseph Kittinger ganz besonders der Entwicklung eines modernen Raumanzugs.
War das Projekt zwischenzeitlich gefährdet?
Das Projekt war sogar mehrfach gefährdet. Zuletzt am Sonntag: Die Heizung für das Visier von Baumgartners Helm funktionierte nicht, die für klare Sicht in eisigen Höhen sorgen sollte. Baumgartner sprang trotzdem. Der Österreicher fühlte sich anfangs auch gar nicht wohl in seiner engen Schutzhaut. Seine Klaustrophobie brachte das Projekt sogar beinahe zum Scheitern. „Ich hatte Platzangst und Panikattacken in dem Anzug“, sagte der Österreicher über die ersten Anproben 2010. Schließlich holte er sich Hilfe beim erfahrenen Psychologen Michael Gervais: „Ich lernte durch mentale Tricks, eine positive Einstellung zum Anzug zu gewinnen und negative Gedanken blitzschnell durch positive abzulösen.“ Ohne Schutzanzug kann niemand in den unwirtlichen Höhen überleben. Kittinger hatte damals Glück: Sein Anzug war am Handschuh defekt, durch den Druckabfall reagierte sein Körper sofort. Das Gewebe schwoll an (Gasembolie) und verschloss den Riss, was zu einem Druckausgleich im Inneren führte.
Was hat der Sprung gekostet?
Angeblich 50 Millionen Euro. Allerdings dauerten die Vorbereitungen auch sieben Jahre, Baumgartner selbst hat fünf Jahre lang auf den einen Moment hin trainiert. Zugleich war der Marketingwert für die Unternehmung und das Unternehmen gigantisch: So wurde unter anderem der YouTube-Kanal zu „Red Bull Stratos“ mehr als 366 Millionen Mal abgerufen, worüber sich ganz besonders der Mann hinter dem Getränkehersteller Red Bull, der Milliardär Dietrich Mateschitz, freuen dürfte.
Fasznation, Ablehnung oder bemühtes Nicht-Beachten
Klaus Letis (odysseus_8)
- 18.10.2012, 00:04 Uhr
tja, sorry
vera schmidt (vera-s)
- 16.10.2012, 12:32 Uhr
Harmlose Brause ??
Hans Uebler (padre007)
- 16.10.2012, 08:14 Uhr
3,5G=Beschleunigung im freien Fall???
Alina Duesselman (Malinkov)
- 15.10.2012, 23:39 Uhr
Sprung...
Hans Christoph Goedeking (goedeking1)
- 15.10.2012, 22:52 Uhr