10.10.2007 · Wo ist Mekka? Wann ist Sonnenaufgang? Wie soll man sich vor dem Gebet waschen, wenn es kein Wasser gibt? Es ist nicht leicht, als Muslim im All seine religiösen Pflichten zu erfüllen. Eine eigens verfasste Fatwa soll Malaysias erstem Astronauten dabei helfen, berichtet Wolfgang Günter Lerch.
Von Wolfgang Günter LerchDer erste Astronaut Malaysias ist auf dem Weg zur Internationalen Raumstation ISS: Sheikh Muszaphar Shukor hob am Mittwochnachmittag an der Seite des russischen Kosmonauten Juri Malentschenko und der amerikanischen Astronautin Peggy Whitson mit dem Raumschiff „Sojus TMA-11“ vom Kosmodrom Baikonur in Kasachstan ab. Die drei sollen laut der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos am Freitag an der Station andocken.
Der gläubige Muslim Shukor, Jahrgang 1972, hat sich im vergangenen Jahr gegen drei Mitbewerber um den begehrten Platz in der „Sojus“-Kapsel durchgesetzt. Der promovierte Orthopäde war bis zur Aufnahme seines Raumfahrttrainings im Sternenstädtchen bei Moskau und im Johnson Space Center in Houston in Texas im Oktober 2006 an der Universitätsklinik von Kuala Lumpur beschäftigt. Der Start an diesem Mittwoch geschieht für Shukor, den muslimischen Raumfahrer, der auch schon als Model Geld verdient hat, unter ungewöhnlichen Bedingungen: im Fastenmonat Ramadan, der allerdings schon in wenigen Tagen enden wird. Während der vier Wochen, die er dauert, soll sich der erwachsene, gesunde Muslim des Essens, des Trinkens, des Rauchens und aller Genüsse enthalten, so lange es Tag ist. Erst bei Einbruch der Dunkelheit darf das Fasten gebrochen werden.
Islamisches Recht kennt Raumfahrt noch nicht
Eine lange Fatwa, ein religiöses Rechtsgutachten, macht es nun möglich, dem Raumfahrer hinsichtlich des Fastens Dispens zu geben, falls er das möchte. Als das religiöse Recht des Islams vor etwa tausend Jahren entstand, konnten die Menschen die Erde nicht verlassen - dieser Fall war nicht vorgesehen. Auf dem Wege des Analogieschlusses (qiyas) freilich können die Rechtsgelehrten dem Astronauten Rat und Hilfe zukommen lassen. Die Scharia sieht nämlich vor, dass Reisende nicht zu fasten brauchen.
Der Ausflug in den Weltraum wird in Analogie zu einer Reise gesehen, deren Strapazen man nur erträgt, wenn der Körper ernährt und gekräftigt wird. Da diese Exkursion in das All aber keine gewöhnliche Reise ist, sondern der Wissenschaft dient, ist sie auch noch als eine besondere Bemühung für den Islam anzusehen, als „Anstrengung auf dem Wege Gottes“ (Dschihad), was eine ausgesprochen friedfertige Form des Dschihad ist, die den Nutzen und das Ansehen der Religion mehrt. Natürlich bekommt jemand, der sich so für den Glauben anstrengt wie dieser Raumfahrer, auch hinsichtlich des Fastens Dispens.
Auch im Orbit: Fünfmal täglich Beten Richtung Mekka
Jeder Muslim ist gehalten, fünfmal am Tag zu beten, vom frühen Morgen bis zum Anbruch der Nacht. Er kann dies in der Moschee oder an anderen Plätzen tun, auch beim Fliegen. Das Gebet muss in Richtung der Kaaba in Mekka verrichtet werden. In den Moscheen wird diese sogenannte Qibla (die Gebetsrichtung) durch den Mihrab (die Gebetsnische) angegeben. In den Flugzeugen mancher Fluggesellschaften aus islamischen Ländern wird die Qibla während des gesamten Fluges auf Bildschirmen angezeigt.
Der Astronaut Shukor dürfte beim Feststellen, wo Mekka liegt, weniger Schwierigkeiten haben als die meisten anderen Muslime, sieht er doch vom Orbit aus die Erde unter sich vorbeiziehen und damit auch die heilige Stadt Mekka. Shukor muss nur rechtzeitig zu beten beginnen, bevor das Raumfahrzeug Mekka wieder passiert hat. Bis dahin muss er die vorgeschriebenen rak'as (die Gebetszyklen) absolviert haben.
Ausflug ins All als Annäherung an Gott
Mit Hilfe der sensiblen Instrumente an Bord dürfte es auch keine Schwierigkeiten bereiten, die genauen Gebetszeiten festzulegen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Astronaut die Erde mehrfach am Tag umrundet und damit alle irdischen Zeitzonen durchmisst. Das wirft die Frage auf, wie für ihn der Tag definiert wird, religiös betrachtet. Allerdings ist das islamische Recht so flexibel, dass es dem Astronauten auch erlauben würde, während seiner Mission gar nicht zu beten. Die Begründungen sind ungefähr dieselben wie beim Dispens für das Fasten. Auch außerhalb des Fastenmonats gibt es für Muslime die Möglichkeit, Gebete auszulassen und sie irgendwann einmal nachzuholen.
Auf seiner Reise zu den Sternen hofft Shukor auch auf eine Annäherung an Gott. „Der Raumflug ist ein kleiner Schritt für mich, aber ein großer Schritt für das malaysische Volk“, sagte er auf einer Pressekonferenz in Baikonur am Dienstag. Er wünsche sich, „näher an Gott und seiner Schöpfung zu sein“. Er werde sich sehr beseelt fühlen und er hoffe, „dass ich bei meiner Rückkehr meine Gefühle mit allen Muslimen der Welt teilen kann“.
Shukor kehrt schon im Oktober zurück
Und zurückkehren wird er schon bald. Während seine Mitfahrer Whitson und Malentschenko (der schon zum vierten Mal abhebt) bis zum Frühjahr 2008 als 16. Stammbesatzung in der ISS bleiben, soll Shukor mit dem jetzigen Kommandanten der Raumstation, Fjodor Jurtschichin, und dessen Bordingenieur Oleg Kotow am 21. Oktober wieder zur Erde zurückkehren.
Die 47 Jahre alte Astronautin Whitson, die zum zweiten Mal im Weltraum ist, übernimmt dann als erste Frau das Kommando in der ISS, Malentschenko fungiert als ihr Bordingenieur. Als drittes Besatzungsmitglied ist der Amerikaner Clayton Anderson mit dabei, der schon seit Anfang Juni als zweiter Bordingenieur auf der Station arbeitet.