Home
http://www.faz.net/-gun-6k0o7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fall Kachelmann Wem soll man glauben?

31.07.2010 ·  Schon einen Tag nach seiner Entlassung ging Jörg Kachelmann offensiv an die Öffentlichkeit: In Simultaninterviews in ARD, ZDF und bei der „Bild“-Zeitung sprach er über seine Haft und kündigte an, bei der Gerichtsverhandlung im September persönlich zu erscheinen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (6)

Über Jörg Kachelmann wissen viele in der Republik bereits mehr, als man von einem Menschen wissen müsste, der einem sagt, ob es morgen regnet oder ob nicht vielleicht doch die Sonne scheint. Durch die Anklage wegen schwerer Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung sind mutmaßliche Einzelheiten aus seinem Privatleben öffentlich geworden, die so gar nicht zu Kachelmanns sonnigem Fernsehgemüt passen wollen, über Frauen, von denen er angeblich mit gleich mehreren jonglierte, mit denen er angeblich recht ausgefallene sexuelle Praktiken einübte und die er „pragmatischerweise alle ,Lausemädchen‘ nannte“, wie der „Stern“ schrieb.

Am Donnerstag wurde Kachelmann, der die auf eine frühere Geliebte zurückgehenden Vorwürfe heftig bestreitet, aus der Untersuchungshaft entlassen; das Oberlandesgericht Karlsruhe hatte entschieden, er sei der Tat nicht mehr dringend verdächtig. Das ist ganz und gar kein Freispruch; der Prozess am Landgericht Mannheim, der am 6. September beginnen soll, muss nun klären, wem mehr zu glauben ist, Kachelmann oder seiner Ex-Geliebten – und welchem der gut ein Dutzend Gutachter, die sich in vielen Fragen widersprechen, vor allem über die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers.

„Das Furchtbarste“ in seinem Leben

Kachelmann, der sicher weiß, dass sein Fall auch in der Öffentlichkeit verhandelt wird, ging einen Tag nach der Entlassung in die Offensive: Er wolle vor Gericht persönlich erscheinen und um seine Freiheit kämpfen, sagte er in Simultaninterviews in ARD, ZDF und bei der „Bild“-Zeitung: „Aufgrund meines Wissens, dass ich unschuldig bin, habe ich keinen Grund, mich von irgendetwas fernzuhalten, vor irgendwas wegzulaufen.“ Als Unschuldiger in Untersuchungshaft zu sitzen sei bisher „das Furchtbarste“ in seinem Leben gewesen: „Das ist etwas, was ich niemandem wünschen möchte, niemandem auf der Welt, was dieser Mensch mir angetan hat.“ Die Haft sei aber auch eine Situation gewesen, „in der Freundschaften entstehen können zu Mitgefangenen“.

Sein „Mit-Reiniger auf dem Stockwerk“ René, „das ist schon ein bisschen mehr als ein Kumpel, das ist schon ein sehr enger Kumpel, oder man könnte auch Freund sagen“. Jetzt gelte es, so Kachelmann, die Hauptverhandlung vorzubereiten. „Dieser Albtraum ist für mich noch nicht zu Ende“, sagte er. 15 Prozesstage sind angesetzt, bis zum 27. Oktober. Im Fall einer Verurteilung droht Kachelmann eine Haftstrafe von fünf bis 15 Jahren.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel