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Yellow Press : Die wahre Heimat der Fake News

Woche für Woche verkündet uns die Yellow Press Neuigkeiten über Schlagerstars und Königsclans. Der Großteil der Nachrichten? Erfunden. Bild: CONPART-Verlagsgruppe Hamburg

Fake News begegnen einem nicht nur auf Facebook. Am Zeitungskiosk sind sie schon lange Teil der Medienwelt. Die Yellow Press erfindet jede Woche neue „falsche Nachrichten“. Ein Kommentar.

          Nachrichten machen Mühe. Man muss mit offenen Augen durch die Welt gehen, man muss mit Menschen sprechen, muss sie verstehen und das Gesagte einordnen können, und man muss die Nachrichten so aufschreiben können, dass sich erschließt, was daran neu ist und wichtig sein könnte. Nachrichten sind das Fundament des Journalismus, dem sich in seriösen Medien ein mit Bedacht zusammengefügter Apparat aus Reportern, Redakteuren und Korrespondenten widmet. Nachrichten sind oft nicht erfreulich und werden dennoch verbreitet: Es gilt, sagen wir es ruhig mit etwas Pathos, die Wahrheit in die Welt zu tragen.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Fake News zu generieren ist spielend einfach. Um solche Falschnachrichten oder, präziser, solche gefälschten Nachrichten zu verbreiten, bedarf es keines redaktionellen Apparates. Wer eine Lüge in die Welt tragen möchte, der braucht nur ein wenig – gern auch bösartige – Phantasie, einen Computer mit Internetanschluss und einen Hashtag, auf den die anvisierten Personen anspringen, die dann der Fake News weitere Social-Media-Wege bahnen. Frei von jeder Recherche, reist die Fake News mit leichtem Gepäck: Sie ist immer schon da, wo die echte Nachricht ankommt, und jene muss schon ihr ganzes Gewicht in die Waagschale werfen, um sie erfolgreich zu verdrängen.

          Yellow Press pflegt die Fake News schon lange

          Seltsam, könnte man nun meinen, dass dieses Genre erst jetzt zu blühen scheint. Das stimmt so aber gar nicht. Es gibt nämlich eine Medienbranche, die die Fake News seit Jahrzehnten schon hingebungsvoll pflegt, ja die sogar ihr gesamtes Geschäftsmodell darauf errichtet hat. Die Rede ist von der niederen Yellow Press, die uns Woche für Woche Neuigkeiten über Schlagerstars und Königsclans verkündet – welche großenteils erfunden sind.

          So bleiben Prinz Charles und seine Gattin Camilla im wahren Leben beharrlich verheiratet, obgleich ein „goldenes“ Blatt – das nicht einmal zu den schlimmsten Vertretern seiner Gattung zählt – auf seinem Titelblatt schon mehrfach ihre Scheidung ausgerufen hat. Es ist ein Ritual: Jeder Titelstory folgt mit Wochenabstand ein kleinerer Text weiter hinten im Blatt, der darlegt, mit welcher Intrige Camilla die Scheidung dann doch noch abgewendet hat.

          Boulevard erscheint oft harmlos

          Dieses bizarre Perpetuum mobile scheint niemanden zu stören: die Leserschaft nicht und schon gar nicht das britische Königshaus, das sich nicht schert um die Flunkereien deutscher Klatschblätter, welche mit ihren kleinen Redaktionen und ohne Korrespondenten wirkliche Nachrichten kaum zustande bringen; stattdessen liefern sie sich einen Wettstreit um die abenteuerlichste Interpretation von Agenturfotos, auf denen Prinzessin XY gerade vielsagend lächelt oder es ebenso vielsagend nicht tut.

          Das boulevardeske Treiben mag denn auch harmlos wirken im Vergleich mit den Fake News, die momentan in aller Munde sind, die Hass und Angst schüren und politische Agitation auf Kosten Schwächerer betreiben. Man sollte sich aber nicht täuschen: Auch die Fake News der Yellow Press können Menschen verletzen und Ressentiments wecken, und zwar nicht nur gegen eine vermeintlich intrigante Herzogin Camilla.

          Moralische und rechtliche Grenzen werden überschritten

          Wenn über Wochen die Wohnung eines gesundheitlich angeschlagenen Schauspielers von Paparazzi belagert wird, wenn die Familie des verunglückten Michael Schumacher auf Zeitschriftentiteln mit ständig neuen angeblichen Glücks- oder Schocknachrichten über den früheren Rennfahrer konfrontiert wird, dann werden nicht nur moralische Grenzen überschritten, auch wenn Schumacher natürlich auch durch die Medien groß wurde.

          Gerade ist eine Mediengruppe wegen der Veröffentlichung von Fotos, die Schumachers Frau zeigten, zu einer Geldentschädigung von 60000 Euro an die Familie verurteilt worden. Es gibt auch keinen Grund, den Klatschheften jegliche mediale Macht abzusprechen; manche dieser Blätter bewegen sich in denselben Auflagengefilden wie bekannte Zeitschriften mit seriösem Nachrichtenanspruch.

          Gegendarstellungen als Werkzeug gegen falsche Nachrichten

          Auch die verschiedenen Formen der Fake News, ob Schmonzetten über Könige oder Schauermärchen über Flüchtlinge, sind gar nicht so unterschiedlich. In der Märchenwelt kann man sich ebenso heimelig fühlen wie in der vor abweichenden Meinungen geschützten Facebook-Filterblase – hier mögen sich eher ältere, sich unterprivilegiert wähnende Männer finden, bei den Klatschheften eher ältere, nicht eben privilegierte Frauen.

          Muss man nun aber mit neuen Gesetzen oder mobilen journalistischen Eingreiftrupps gegen die Fake News vorgehen? Ein erster Schritt wäre es, einfach genauer hinzuschauen, sowohl in die sozialen Netzwerke als in die Boulevardblätter, und mit sorgsam recherchiertem Journalismus dagegenzuhalten. Im ärgsten Fall bieten Presse- und Persönlichkeitsrecht schon jetzt brauchbare Werkzeuge – wie die Gegendarstellungen, die beherzte Yellow-Press-Opfer auch durchsetzen. Sie zwingen dann die Hefte zu jenem Eingeständnis, das für jeden Fake-News-Produzenten, der die Hoheit über sein Weltbild behalten möchte, am schmerzlichsten ist: dass der andere recht hat.

          Quelle: F.A.Z.

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