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Veröffentlicht: 21.12.2006, 16:08 Uhr

Euthanasie Piergiorgio Welby hat sein Ziel erreicht

Schließlich hat ein Arzt doch die lebenserhaltenden Apparate abgeschaltet: Der unheilbar kranke Piergiorgio Welby, dessen intensives Ringen um ein „menschenwürdiges Sterben“ die italienische Öffentlichkeit aufgewühlt hat, ist tot.

von Heinz-Joachim Fischer, Rom
© AP Litt 40 Jahre unter zunehmender Muskelschwäche: Piergiorgio Welby

Piergiorgio Welby ist nun tot. So wie es sich der unheilbar Kranke gewünscht hat. Doch sein Tod bewegte am Donnerstag nicht nur sofort die Öffentlichkeit in Italien, sondern führte unter Politikern der Linkskoalition und der Mitte-rechts-Opposition, unter Juristen und Vertretern der katholischen Kirche zu erregten Debatten. Während verschiedene Parlamentarier der Linken erklärten, der Tod sei „innerhalb der Legalität“ erfolgt, klagten andere darüber, daß bei allem menschlichen Verständnis geltendes Recht verletzt worden sei.

Seit geraumer Zeit beschäftigte Welbys Ringen um das „menschenwürdige Sterben“, um einen „natürlichen“ Tod die Italiener. Im September hatte sich der 60 Jahre alte Römer - der schon vor seinem Aufruf einen bekannten Namen hatte, weil sein Vater, ein Schotte, beim Erstligaclub AS Rom Fußball gespielt hatte - an Staatspräsident Napolitano gewandt und das Recht auf einen würdigen Tod erbeten.

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Seit 40 Jahren litt er an einer zunehmenden Muskelschwäche; drei Jahrzehnte war er an den Rollstuhl gefesselt; seit fünf Monaten wurde er künstlich ernährt; er konnte nicht mehr reden, essen, sich bewegen, lediglich hören und sehen und sich verständlich machen; nur durch künstliche Beatmung (seit 1997) lebte er weiter. Seit Welbys Aufruf an den Präsidenten erschienen fast Tag für Tag Bilder von ihm in den italienischen Medien: in jungen Jahren glücklich mit seiner Frau, bei der Jagd, aber meist vom Krankenbett, die erschütterten und aufwühlten; erschüttern und aufwühlen sollten.

welby mahnwache © dpa Vergrößern Mailand: Mahnwache für Piergiorgio Welby

Tägliche Diskussionen

So wurde täglich die Diskussion um Euthanasie geführt, mit Schlagworten und Argumenten, stets unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit, weil die Angst vor langem Siechtum auch in Italien wegen der Altersstruktur groß ist. Politiker meldeten sich zu Wort und sprachen sich für oder gegen das „Abschalten“ der medizinischen Apparate aus, quer durch die Parteien und unabhängig von ihrer Orientierung nach links oder rechts.

Die „Radikalen“ waren am entschiedensten für den Tod. Deren Führer, Marco Pannella, verkündete, er wäre bereit, selbst „den Stecker aus der Dose zu ziehen“. Die Radikalen, darunter die ehemalige EU-Kommissarin Emma Bonino, teilten am Donnerstag auch die Nachricht vom Vollzug des Todes mit. Der diensthabende Arzt, der Anästhesist Mario Riccio, habe am Mittwoch gegen 23 Uhr dem Wunsch des Patienten entsprochen, ein Beruhigungsmittel verabreicht und die medizinischen Geräte abgeschaltet, was Riccio auf einer Pressekonferenz am Donnerstag bestätigte. Christliche Demokraten, von der Regierungskoalition und der Opposition wandten sich stets gegen ein prinzipielles Recht auf Euthanasie. Sie fanden Unterstützung aus der katholischen Kirche, von Kardinälen und Bischöfen, die das grundsätzliche Recht auf Leben höher hielten.

Gesetzliche Regelung kaum möglich

In den vergangenen Wochen sprach Papst Benedikt XVI. verschiedentlich über die Würde des menschlichen Lebens, vom Beginn bis zum natürlichen Ende. Benedikt hütete sich jedoch, den Fall Welby ausdrücklich zu erwähnen und sich auf theologische Betrachtungen darüber einzulassen, was eine „verschärfte medizinische Behandlung“ ist. Von diesem „Accanimento terapeutico“ war immer
die Rede. Noch am Mittwoch hatte der oberste italienische Gesundheitsrat dies im Fall Welby verneint; künstliche Beatmung sei nicht darunter zu rechnen; Welby sei bei klarem Verstand und kommuniziere, lautete die Begründung.

Johannes Paul II., der selber etwas von langem Kranksein wußte und sein Leben letztlich durch das Verlassen der Klinik und die Rückkehr in den Vatikan nicht „um jeden Preis“ verlängern wollte, hat dazu Stellung genommen. Am 24. März 2002, drei Jahre vor seinem Tod, erklärte er vor Medizinern und Gesundheitsfachleuten aus aller Welt: „Die Komplexität des Menschen fordert bei der Verabreichung der notwendigen Heilmethoden, daß man nicht nur seinen Körper berücksichtigt, sondern auch seinen Geist. Es wäre anmaßend, allein auf die Technik zu setzen. Und in dieser Sicht würde sich eine Intensivmedizin um jeden Preis bis zum Letzten schließlich nicht nur als unnütz erweisen. Sie würde auch nicht völlig den Kranken respektieren, der nun an sein Ende gelangt ist.“

Eine „Intensivmedizin um jeden Preis bis zum Letzten“ muß demnach aus moralischen Gründen nicht eingesetzt werden. Ob der Gesetzgeber jedoch prinzipiell die Fälle gesetzlich regeln kann, in denen diese Intensivmedizin aktiv abgeschaltet werden kann, ist nicht nur ein italienisches Problem.

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