17.05.2006 · Nur noch wenige Tage bis zum Grand Prix. Deutschland setzt seine Hoffnungen auf „Texas Lightning“ mit Comedian Olli Dittrich am Schlagzeug. Der echte Clou aber ist Frontfrau Jane Comerford.
Von Peter-Philipp SchmittLinks geht's zur Evangelischen Kirchenmusik. Rechts zur Bewegungserziehung II. Am Ende des Gangs steht eine Tür offen, die nach draußen führt, zwei Studenten rauchen. „Hi guys“, sagt Jane. „Hallo Jane“, sagen die Guys. Jane lächelt und betritt ihr Arbeitszimmer. Der Raum erinnert an eine Turnhalle. Oder einen Ballettsaal: Eine Wand ist verspiegelt. Jane Comerford weiß, was sie will. Das Xylophon muß weg, die Trommeln kommen in eine Ecke, und der Flügel, an den sich die Komponistin setzen möchte, wird in die Mitte geschoben. Damit sie sich, wie sie sagt, in den Spiegeln sehen kann, während sie fotografiert wird. Sie achtet darauf, daß die schwarze Lederjacke die Cowboyschnalle nicht verdeckt (auf den Fotos hält Jane dann doch ihren Arm davor), und sie zupft die Jeans zurecht, damit sich obenrum keine Falten bilden und untenrum die Cowboystiefel hervorschauen. Eitel aber wirkt sie dennoch nicht. Die an ihr ungewohnte rote Hornbrille behält sie auf. Vielleicht vergißt sie die Brille auch einfach, denn in der Hamburger Hochschule für Musik und Theater ist sie ja nicht die Sängerin der Countryband „Texas Lightning“, hier ist sie Dozentin - für den „Kontaktstudiengang Popularmusik“.
Ihr Weg schien vorgezeichnet: Jane Comerford, die Australierin, die schon als Kind im Rindermist stand, während ihr Vater, der Viehauktionator, auf die Geheimzeichen der Rancher achtgab, wenn sie ihre Bestände auffrischten, wollte Musikerin werden und singt heute - was sonst? - Country. An diesem Sonntag fährt sie mit „ihren“ vier Cowboys zur Endausscheidung des „Eurovision Song Contest“ (ESC) nach Athen. Das Besondere an der Band aus Hamburg: Am Schlagzeug sitzt Olli Dittrich, seit Anfang der Neunziger als Comedian und - unter anderen zusammen mit Wigald Boning - als Liedermacher bekannt (“Mief! Nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke“). Doch mit Gunter Gabriel oder Dolly Parton verbindet Jane Comerford kaum etwas. Und die eigentliche Sensation an „Texas Lightning“ ist ausnahmsweise nicht Olli „Dittsche“ Dittrich, der für viele berühmte Fernsehstar, sondern die gut zwei Jahre jüngere und den meisten bis vor wenigen Wochen noch nicht vertraute Frontfrau der Hamburger Band.
Klavier und Geige Teil der Erziehung
Vater Comerford war kein Rancher. Der Bruder hingegen hat mittlerweile im australischen Bundesstaat Queensland eine Rinderfarm, die so groß ist, daß das Vieh mit Hubschraubern zusammengetrieben werden muß. Jane Comerford, die aus der Hafenstadt Newcastle in New South Wales stammt, hat vier Geschwister. Chopin, Bach, aber auch der vom Vater geliebte Jazz hätten damals in der Luft gelegen, sagt Comerford. Zur Kindererziehung gehörte nicht etwa Bullenreiten und Lassowerfen, sondern - und das war für australische Familien zumindest in den fünfziger Jahren nicht ungewöhnlich - regelmäßiger Klavier- und Geigenunterricht. Schon mit drei Jahren improvisierten Vater Comerford und Tochter Jane Songs von Doris Day und Louis Armstrong. Später stritten sich die fünf Geschwister um das eine für alle verfügbare Piano und darum, wer schon vor der Schule üben durfte. Nicht etwa, weil es ihnen immer so viel Spaß gemacht hätte. Nachmittags aber ging es oft zum Strand.
Während ihre drei Schwestern inzwischen allesamt in großen Symphonieorchestern auf der ganzen Welt spielen, zog es Jane schon als Teenager zum Rock 'n' Roll. Sie habe nicht so viele Stunden alleine an einem Instrument verbringen wollen, das sei ihr zu introvertiert gewesen, erzählt das zweitjüngste der Comerford-Kinder. Mit 17, kurz nach ihrem Abschluß am Konservatorium, verließ sie Australien und landete zunächst für ein Jahr in Los Angeles. Danach schien ihr die Rückkehr in das viel kleinere Newcastle unmöglich. Sie flog nach Europa, blieb eine Zeitlang in Spanien, verdiente ihr Geld am Klavier und als Barsängerin. Endstation war 1980 Hamburg, die einzige Stadt, in der sie über ihren Vater eine Kontaktadresse hatte.
Deutscher Country kommt von der Alster
Kein Mitglied von „Texas Lightning“ stammt ursprünglich aus der Hansestadt. Trotzdem wird die Band inzwischen als urtypisches Alster-Produkt gehandelt - deutscher Country scheint von jeher eine sehr hamburgische, auf jeden Fall norddeutsche Angelegenheit zu sein. Die Geschichte der fünfköpfigen Formation ist schnell erzählt: Sie wurde 1996 unter anderen von Jon Flemming Olsen, genannt „The Flame“, gegründet. Er blieb ihr bis heute treu, alle anderen mußten der Reihe nach ersetzt werden. Zuerst kam Markus „Fastfinger“ Schmidt hinzu, gefolgt von Uwe „Friendly“ Frenzel und Olli „Ringofire“ Dittrich. Nur die Sängerin und Mandolinen-Spielerin Miss Susu Belle, die Ende 2004 ging, blieb eine Weile ohne Nachfolgerin. Als schließlich der Name Jane Comerford fiel, waren sich die „Texaner“ zunächst einig: „Die ist 'ne Nummer zu groß für uns.“
Schon einmal stand Jane Comerford im Mittelpunkt auch des internationalen Interesses: Unter 3000 Bewerberinnen wurde sie 1988 ausgewählt, um in Wien die Eponine in der deutschsprachigen Erstaufführung des Musicals „Les Miserables“ zu singen - nahezu 250 Mal auf der Bühne und auch auf der Original-CD. Im Ensemble fühlte sich die Australierin wohl, auch mit dem Presserummel - dem „Hype“, wie sie sagt - kam sie gut zurecht. Doch schon damals wollte sie sich nicht die Möglichkeit verbauen, weiterhin im Hintergrund agieren zu können, etwa als Studiosängerin der ehemaligen Grand-Prix-Teilnehmer Vicky Leandros und Freddy Quinn. Eine Solokarriere strebte sie nie wirklich an, obwohl sie eine Zeitlang an der Seite von Mayte Mateos als „Baccara“ (“Sorry, I Am A Lady“) durch die Welt reiste. Sie ließ sich dazu überreden, weil sie es irgendwie verrückt fand und auf diese Weise Auftrittsorte kennenlernte, die sie sonst nie zu Gesicht bekommen hätte - Kasachstan zum Beispiel oder Finnland. Im eigenen Privatjet tourte das Duo durch Norwegen und zeigte sich seinen Fans schon beim Verlassen des Flugzeugs in Kostümen und mit Mikrofonen.
Feines Sandpapier auf der Herzklappe
Einmal nur ließ sich Jane Comerford bislang darauf ein und produzierte ein komplettes Soloalbum („Somebody Sent Me An Angel“). Das war 1998. Mehr als ein Lied hatte sie zunächst nicht: „I Feel Herzschmerz“. Doch dann wollte Jürgen von der Lippe die Sängerin unbedingt in seiner Sendung „Geld oder Liebe“ präsentieren - aber nur mit einem Album. So schlief die von ihrer Plattenfirma Universal Getriebene drei Wochen lang nicht, schrieb zehn weitere Songs und nahm sie - mit Kollegen von der Hamburger Hochschule - im Studio auf: Herausgekommen ist ein, wie von der Lippe sagte, „wunderbar erdiges Rockalbum“: Man habe das Gefühl, als ob einem jemand mit feinem Sandpapier über die Herzklappe schubbere.
Daß Jane Comerford für „Texas Lightning“ den Grand-Prix-Song „No No Never“ schreiben würde, war alles andere als ausgemacht. Jeder in der Band komponiert und textet, Dutzende Lieder entstanden Ende 2005 und wurden wieder verworfen, nachdem der NDR die Country-Formation zur Teilnahme aufgefordert hatte. Eines Abends, alle packten nach einer Probe schon die Instrumente zusammen, spielte Miss Jane ihr leicht wehmütiges Werk vor: „Schon beim ersten Anhören ging ein Kribbeln durch den Raum.“ Entstanden ist es kurz nachdem Jane Comerfords Schwager gestorben war. Sie habe an ihre Nichte Julia denken müssen, der sie mit dem Lied sagen wolle: „Ich werde Dich nie alleine weinen lassen. Ich kann dir die Tränen nicht nehmen, aber wir können zusammen weinen.“ Auch die frierenden Kinder im Erdbebengebiet von Pakistan sind im Text verborgen (“I'm never ever gonna let you be chilled to the bone“) und die Großzügigkeit der Deutschen, die stets bereit seien, zum Telefon zu greifen und zu spenden (“Never ever gonna not go and pick up the phone“): „So schließt sich der Kreis: Es ist mein Lied für Deutschland.“
Olli Dittrich kein Schüler der Pop-Dozentin
Daß sie sich mit der Grand-Prix-Teilnahme einem Projekt aussetzt, das sie nicht steuern kann, ahnt sie. Ob ihr unwohl bei dem Gedanken ist, daß ein Dirk Bach in dreißig Jahren mit ihrem rosa Kleid vom Vorentscheid auftreten könnte, wie er es in diesem Jahr mit einer Kopie des grünen Joy-Fleming-Kleids von 1975 tat? Nein, sagt sie. Ihn kann sie sich weiß Gott nicht in ihrem Tüll-Kleid vorstellen, das ihr Olli Dittrich irgendwann einfach aus Köln mitbrachte, nachdem er sie kurz angerufen und gefragt hatte: „Jane, hast du eigentlich was gegen die Farbe Rosa?“
Olli Dittrich ist der einzige aus der Band, der noch nicht bei der Pop-Dozentin in die Lehre gegangen ist. Was er aber nachholen will. Die Plätze in den zweimal dreiwöchigen Kursen (März und August) sind allerdings begehrt: Kein Wunder, in diesem Jahr haben Jane-Comerford-Schüler bislang alle großen deutschen Musikwettbewerbe gewonnen: „Wir sind Helden“ den Echo 2006 als „Gruppe des Jahres national“, und „Seed“ sowie „Revolverheld“ belegten Platz eins und zwei bei Stefan Raabs „Bundesvision Song Contest“. Das läßt auch für Athen hoffen. Zudem reist kein anderes Land mit solch einem Chartstürmer in die griechische Hauptstadt: Rechtzeitig zum Finale steht „No No Never“ auf Platz eins der deutschen Single-Charts.
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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