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Eurovision Song Contest Die Woche der Patrioten

19.05.2006 ·  Er wird gerne belächelt, der Grand Prix, der schon lange Eurovision Song Contest heißt. Andererseits gibt es eine lebendige Fanszene in ganz Europa. Übers Internet werden ständig Neuigkeiten ausgetauscht.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Die fünf sprechen Finnisch. Sie könnten also „Lordi“ sein, die Gruppe, vor der sich, wie prunkend angekündigt wurde, ganz Europa fürchten soll. Auf die Frage, ob sie denn wirklich die vielbeschriebenen Gummi-Monster sind, geben sie keine Antwort. Die Hardrocker aus dem hohen Norden hat angeblich noch niemand ohne Masken gesehen. Das wird sich auch in Athen nicht ändern - schon gar nicht kurz vor dem Finale des „Eurovision Song Contest“ (ESC). Doch als zum Leben erwachte Untote sind sie nicht minder gern gesehene Gäste auf den Partys im „Euroclub“: Um Mitternacht erscheint das Grusel-Quintett leibhaftig, genau in dem Moment, als seine deutschen Konkurrenten, Miss Jane mit ihren vier Cowboys von „Texas Lightning“, still und leise verschwinden.

„Die Chancen für einen deutschen Sieg waren schon lange nicht mehr so gut wie in diesem Jahr“, sagt Klaus Woryna. „Und das scheint dem NDR zunehmend Sorgen zu bereiten.“ Klaus Woryna, Rechtsanwalt für Straf- und Familienrecht mit eigener Kanzlei in München, sitzt ein wenig abseits. Er kennt schon alle Künstler, die an diesem Abend gekommen sind (wenn auch nicht immer persönlich), jedes einzelne Lied, das 2006 in Athen zu hören ist, und fast jede Skandalgeschichte, die seit dem vergangenen „Song Contest“ hochgekocht wurde. Woryna ist Präsident der deutschen Sektion der „Organisation Generale des Amateurs de l'Eurovision“ (OGAE), eines internationalen Zusammenschlusses nationaler Fanclubs. Auch wenn ein Grand-Prix-Gewinn eine ehrenvolle Sache ist: Der Sieger bringt nicht nur Ruhm und eine Trophäe mit nach Hause, sondern auch die Verpflichtung für sein Land, den nächsten ESC auszurichten.

Teures Spektakel

Verantwortlich für das aufwendige und teure Spektakel ist der jeweilige nationale Fernsehsender, der in der „European Broadcasting Union“ (EBU) vertreten ist - in diesem Jahr also der griechische Sender ERT. Um die Fans aber, die zu Tausenden nach Athen gereist sind, kümmert sich die griechische OGAE: Sie hat zum Beispiel unterhalb der Akropolis ein „Eurocafe“ eingerichtet, wo man sich den ganzen Tag über das aktuelle Geschehen im weit von der Innenstadt entfernt liegenden Olympiazentrum informieren kann; sie überreicht allen teilnehmenden Künstlern kleine Gastgeschenke - selbst hergestellte Glasskulpturen, in die der Liedtitel des Interpreten in Griechisch eingraviert wurde; und sie öffnet jeden Abend ihren „Euroclub“ - auf einem alten Fabrikgelände unweit des antiken Marktplatzes, der Agora.

An diesem Abend - die sogenannten großen Vier, die Delegationen aus Deutschland, England, Frankreich und Spanien, haben zur „Big-4-Party“ geladen - nutzen nicht nur „Lordi“ und „Texas Lightning“ die Chance, bei den treuesten und vielleicht auch einflußreichsten Grand-Prix-Beobachtern um Stimmen zu werben, was ihnen aber des öfteren mißlingt. Der Brite Daz Sampson („Teenage Life“) beispielsweise zeigt sich mit seiner zum Song passenden Kleinmädchenschar, die in ihrer Internatskluft auf einem Schulausflug sein könnte und sich auch dementsprechend aufführt: Nach ein paar Plastikbechern voller Freibier umarmen und küssen die Engländerinnen bereitwillig jeden.

„Treble“ aus den Niederlanden singen ihr „Amambanda“ - ein Lied, das man nur in Teilen versteht, weil die drei Sängerinnen eine eigene Babysprache entwickelt haben. Auch der deutsche Grand-Prix-Veteran Ralph Siegel („Ein bißchen Frieden“) hat sich bitten lassen und stolziert nun wie heimatlos umher: Offenbar sucht er nach seiner Casting-Truppe „Six4one“ („If We All Give a Little“) aus der Schweiz. Sogar Carola ist gekommen. Die umjubelte Gewinnerin von 1991 - sie ist jetzt 39 Jahre alt - will es in diesem Jahr noch einmal mit „Invincible“ wissen. Allerdings muß sich die Schwedin seit Wochen bitterer Vorwürfe erwehren: In einem Interview soll sie Homosexualität als Krankheit bezeichnet haben, womit sie einen großen Teil ihrer Anhänger schwer getroffen haben dürfte. In Athen hat sie nun zwar hervorgehoben, daß sie Schwule sehr, sehr mag, zugleich aber ihre Gastgeber verärgert, als sie über das derzeitige Nationalheiligtum der Griechen, die 48 Jahre alte Sängerin Anna Vissi, sagte, daß die doch für ihr Alter noch ganz passabel aussehe.

Fanclubs berichten via Internet permanent

„Das Internet hat viel verändert“, sagt Woryna. Gerade die rund 40 OGAE-Fanclubs - in Albanien genauso wie in Israel und im Libanon, in Rußland und der Ukraine, in der Türkei und auf Zypern - sorgen mit ihrer Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung vom Grand Prix, mit ihren News- und Diskussionsforen für eine rasende Verbreitung jedes noch so unwichtig erscheinenden Details. Ein Ausrutscher auf der Bühne, eine Unachtsamkeit im Interview - und Tausende Fans sind nur wenige Augenblicke später über den Fauxpas im Bilde. Die verräterischen Fotos werden gleich mitgeliefert. Und da man annehmen muß, daß sich alle OGAE-Mitglieder an der finalen Abstimmung am Samstag abend beteiligen werden, sind die Künstler gut beraten, sich besonders liebevoll und intensiv um die herbeigeeilten Anhänger zu kümmern.

Der „OGAE Germany e.V.“ hat nach Angaben Worynas 560 Mitglieder. Etwa 90 von ihnen sind in Athen akkreditiert. Noch einmal so viele Vertreter gehören zum „Eurovision Club Germany e.V.“, der nach einem vereinsinternen Streit aus dem deutschen OGAE hervorgegangen ist, inzwischen aber auch wieder zum über Europa weit hinausreichenden Dachverband zählt. „Sollten wir in diesem Jahr gewinnen, dann ist es natürlich Ehrensache, daß wir uns 2007 gemeinsam um die Grand-Prix-Fans aus aller Welt kümmern“, versichert Woryna, der, obwohl er Präsident ist, längst nicht jedes Datum und Faktum aus 51 Jahren Grand-Prix-Geschichte im Kopf hat. „Die gibt's natürlich auch bei uns: Verrückte, die man nachts wecken und fragen kann, welche Farbe die Schuhe hatten, die die Zweitplazierte beim Vorentscheid in Malta 1972 trug.“ Der ESC sei sein Hobby, für den er zum Beispiel diese Woche Urlaub in Athen opfere. „Aber wenn ich hier eine der Proben verpasse, ist mir das egal: Hauptsache, ich war auf der Akropolis.“

Woryna beneidet einige der Fanclubs um ihre gute Zusammenarbeit mit den für den ESC zuständigen Fernsehsendern. „Der NDR hat noch immer nicht begriffen, was man mit uns auf die Beine stellen könnte.“ So seien manche OGAE-Mitglieder in den Jurys vertreten, die die Vorauswahl für den nationalen Vorentscheid träfen. „Texas Lightning“ sei ein Glücksgriff gewesen, doch selbst sie seien kaum unterstützt worden: „Im griechischen Fernsehen vergehen kaum zehn Minuten, ohne daß der Name Anna Vissi fällt“, sagt Woryna. „Und warum werden die einzelnen nationalen Vorentscheide nicht einfach nachts in der ARD gezeigt, wenn sowieso niemand zusieht. Wir hingegen würden uns natürlich die Übertragungen selbst aus Mazedonien oder Albanien ansehen.“

„Da sind wir Patrioten“

Daß die Fans fester Bestandteil und akkreditierte Mitglieder der deutschen Delegation sind, ist für Woryna selbstverständlich. „Wir haben im vergangenen Jahr als einzige bei der Generalprobe für Gracia applaudiert.“ Das habe ihr wenigstens noch ein bißchen Mut gemacht, auch wenn ihr Auftritt verheerend gewesen sei. „Doch da sind wir natürlich Patrioten.“

Die beiden deutschen ESC-Fan-Vereine sind überwiegend Männersache, nur etwa 15 Prozent der Mitglieder sind Frauen. Auch das kann nach Meinung Worynas durchaus eine Herausforderung für die siegreiche Nation sein: Die Ukraine schien im vergangenen Jahr nicht allzu glücklich darüber, daß über Tage hinweg Tausende homosexuelle Männer in Kiew einfielen. „Es wäre interessant, mal mitzuerleben, was passiert, wenn Polen oder Weißrußland gewinnen würde“, sagt Klaus Woryna. „Wahrscheinlich müßten viele von uns dann den Grand Prix vom Gefängnis aus verfolgen.“

Quelle: F.A.Z., 19.05.2006, Nr. 116 / Seite 9
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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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