12.05.2007 · Der Schweizer Star DJ Bobo wurde hoch gehandelt, ist aber schon draußen. Nun wetten alle auf Roger Ciceros Swing. Doch schon im Halbfinale hatte der Westen Auszeit. Erstmals dominieren Nationen des früheren Ostblocks den Grand-Prix. Peter-Philipp Schmitt nennt die Finalisten.
Von Peter-Philipp SchmittDer international bekannte DJ Bobo scheiterte für die Schweiz schon im Halbfinale. Für Roger Ciceros Swingtitel stehen die Zeichen auch nicht auf Sieg. Denn erstmals dominieren Nationen des ehemaligen Ostblocks ein Grand-Prix-Finale.
„Fluss ohne Namen“ („Rijeka bez imena“) heißt der traurig klingende Beitrag aus Bosnien-Hercegovina. Marija Sestic scheiterte 2005 im nationalen Vorentscheid. Dieses Mal war sie die einzige Kandidatin. Mit ihrer Balkanpop-Ballade wird die hübsche Zwanzigjährige im Westen kaum punkten können. Ihre Vorbilder sind Take That und die Backstreet Boys.
An sie heran reichen Basti, Mikel, Ony und Javi, genannt D'Nash, aus Spanien bei weitem nicht. Ihr „I Love You Mi Vida“ kommt zwar flott rüber. Doch bei genauem Hinsehen und -hören haben die Jungs zu wenig zu bieten. Sie sehen nicht einmal besonders gut aus.
Dreimal versuchte sich Weißrussland schon im Halbfinale: In Helsinki hat es nun also geklappt. Auch wenn es keinen Grand-Prix-Fan in die Lukaschenka-Republik zieht, Koldun und sein „Work Your Magic“ besticht. Im Stile James Bonds präsentiert sich der blauäugige Strahlemann, der seine Mutter glücklich gemacht haben soll: Die hatte sich vor 22 Jahren eine Prinzessin Diana zum Kinde gewünscht - und, wie es heißt, mit dem Sohn auch bekommen.
Mit einem Irish-Folk-Lied wie „They Can't Stop The Spring“ hätte Irland in den Neunzigern sicherlich gepunktet. Doch im Jahr 2007 hat die Gruppe Dervish, die mit Tin-Whistle, Mandola und Bodran-Trommel auf der Bühne steht, wohl keine Chancen.
Was kommt nach Lordi? Hanna Pakarinen, ehemalige Gabelstaplerfahrerin in einer Papierfabrik. Die Rockballade „Leave Me Alone“ hat sie teilweise mitgeschrieben. Dass sie von manchen mit Gracia („Run And Hide“) verglichen wird, dürfte den Finnen nicht behagen: Die Deutsche landete 2005 in Kiew auf dem letzten Platz.
Wenn es ein Gesetz gibt, dann ist es dieses: Mazedonien kommt durchs Halbfinale. Karolina war 2002 kläglich auf Rang 19 gelandet. Das mazedonische Fernsehen hatte sie gezwungen, nicht auf Englisch, sondern in ihrer Muttersprache zu singen. Jetzt widersetzte sich Karolina: Sie sang die letzte Liedzeile ihres „Mojot svet“ („My World“) auf Englisch - und schaffte es ins Finale. Eigentlich ein Regelverstoß.
Slowenien steht verdient im Finale. Alenka Gotar hat die Stimme einer Opernsängerin. Die 29 Jahre alte Sopranistin hat unter anderem am Mozarteum in Salzburg studiert. Darum wohl hat sie auch einen Sinn für dramatische Inszenierungen: Mit LEDs in ihrer Handinnenfläche rückt sie sich auf der Bühne selbst ins rechte Licht.
„Amerikaner würden für Ungarn stimmen“, sagt Grand-Prix-Fachmann Steve aus Dallas. Recht hat er. Magdi Rúzsa röhrt ihren selbstgeschriebenen „Unsubstantial Blues“ in Jeans und T-Shirt an einem „Bus Stop“-Schild. Ihre Landsleute vergleichen sie, nicht ganz zu Unrecht, mit Janis Joplin.
Ihr fehlt es an Ausstrahlungskraft. Die Rede ist von Julija Ritèik von The 4Fun. Litauen hat als einziger der drei baltischen Staaten noch nicht gewonnen. Das nagt am Selbstwertgefühl. Mit „Love Or Leave“ wird es das kleine Land wieder nicht schaffen, auch wenn Ritèiks Bandmitglieder hinter einer weißen Wand als Silhouetten agieren.
Orientalisch kommt Sarbel für Griechenland daher. Er erinnert sehr an seine bislang erfolgreichste Landsfrau Helena Paparizou (“My Number One“) und ihren Auftritt mit vier gutgebauten Tänzern. Nun zieht der Sänger die Strippen: Zu seinem „Yassou Maria“ führt er vier Tänzerinnen an der Leine. Dass sie kaum etwas anhaben, könnte Punkte bringen.
Zum allerersten Mal dabei und gleich im Finale: wenn das keine Staatsangelegenheit ist. Ist es tatsächlich, die Teilnahme Georgiens wurde generalstabsmäßig geplant - vermutlich im Präsidentenpalast von Tiflis. Doch Sophos „Visionary Dream“ ist nicht stimmig. Und warum schwingen vier Uniformierte Schwerter? Kein gutes Omen.
Glam Rock hat sich beim Grand Prix etabliert. Die Band The Ark aus Schweden hat mit ihrem Beitrag „The Worrying Kind“ Chancen. Sänger Ola Salo nannte seine Band Arche, weil er Anfang der neunziger Jahre überall Zeichen einer nahenden Apokalypse sah. Das trifft die Stimmung vieler ESC-Fans aus Westeuropa nach dem gestrigen Halbfinale, bei dem nicht ein Land des alten Europas das Finale erreichte.
Nett und bieder präsentiert sich Frankreich: „L'amour a la francaise“ von Les Fatals Picards lässt sich in keine Schublade stecken. Mit den traditionsreichen Balladen vergangener Jahre hat der Punk-Pop-Ska-Chanson nichts gemein. Tiefpunkt für die Grande Nation war 2006 der drittletzte Platz in Athen. Danach sollte alles besser werden, wurde es aber nicht.
Lettland darf man keinesfalls unterschätzen: Wer es durchs Halbfinale schafft, landet meist auch im Finale weit vorne. Die Gruppe Bonaparti.lv singt auf Italienisch. Mit Cut und Zylinder präsentieren die charmanten Letten eine Arie vom Feinsten: „Questa Notte“. Und - welche Wohltat - die sechs können wirklich singen.
Immer diese Russinnen. Mit allen Mitteln versuchte schon t.A.T.u. 2003 aufs Siegerpodest zu gelangen. Präsentierten sich Elena, Olya und Marina von Serebro bei der ersten Probe noch mit entblößten Brüsten, spielen sie seither Klosterschülerinnen. Ihr „Song # 1“ lässt keinen anderen Schluss zu, wohin die Reise gehen soll. Aber nein, sagen sie, es sei einfach ihr erstes Lied. So klingt es auch.
Kein Zweiter wird inzwischen so hoch in Helsinki gehandelt wie Roger Cicero. Die BBC setzte sein „Frauen regier'n die Welt“ auf Platz eins, vor der Schweiz mit DJ Bobo. Der schied im Halbfinale aus. Niemand bezweifelt mehr, dass Deutschlands Swingsänger eine sensationelle Stimme hat. Das gilt auch für die Niederländerin Edsilia Rombley - sie schied aus.
Ausgerechnet Serbien folgt Deutschland auf Startplatz 17. Marija Serifovic war im Halbfinale herausragend. Die kleine Sängerin mit kurzen Haaren und Hornbrille hat eine betörende Stimme. Ihr Lied „Molitva“ ist gefühlvoll, ihr Auftritt ungewöhnlich. Gestützt wird sie von Hostessen auf High Heels. Ganz großes Kino!
Als alte Krawallschachtel geriert sich Verka Serduchka aus der Ukraine. Sie ist aber weder alt (Jahrgang 1973) noch eine Frau. Er heißt Andrej Danilko. Sein „Dancing Lasha Tumbai“, teilweise auf Deutsch gesungen, ist ein „Mitgröler“ und „Mitstampfer“. Das Ganze ist so schräg, dass es schon wieder gut ist. Nach drei Minuten hat man sich sattgehört.
Ba-ba-da, Ba-ba-da, Ba-ba-da: Ein paar Zeilen kann jeder sofort mitsingen. Für Großbritannien tritt eine Schar Flugbegleiter an. Scooch war schon einmal mit Popsongs leidlich erfolgreich. Nach der Trennung fanden sich die vier für Helsinki wieder zusammen. Ihr „Flying The Flag“, bei dem sie die Arme wie Flügel ausbreiten und im Takt bewegen, animiert zum Mitmachen, wird aber trotzdem abstürzen.
Rumänien liebt offenbar das Folkloristische: Immerhin wird es von Todomondo augenzwinkernd dargeboten. Ihr „Liubi, Liubi, I Love You“ singen die sechs in sechs Sprachen - das ist Rekord in Helsinki. Der Song wird überall verstanden. Nur Extrapunkte gibt es dafür nicht.
Im Halbfinale mussten Elitsa Todorova und Stoyan Yankoulov als Erste antreten. Im Finale hat Bulgarien einen der letzten Startplätze. „Voda“ („Wasser“) ist ein urig klingendes Stück. Ums Singen geht es nicht: Die beiden trommeln um die Wette. Musikalisch eher befremdlich.
Keiner lacht so schön wie Kenan Dogulu. Er hat auch allen Grund zum Strahlen: Als einziges Land, das ehemals nicht dem Ostblock angehörte, gelangte die Türkei ins Finale. Seit 1993 landet der Mann aus Istanbul in seiner Heimat immer wieder auf Platz eins. Sein „Shake It Up Shekerim“ wird garantiert ein Hit - auch in Deutschland.
Armenien war 2006 Debütant und schaffte es auf den achten Rang. Einen Platz unter den ersten zehn könnte der 2003 und 2006 zum besten Sänger seines Landes gewählte Hayko mit „Anytime You Need“ durchaus schaffen und sich damit abermals eine direkte Finalteilnahme sichern. Trotz seiner Erfolge wirkt Hayko merkwürdig schüchtern. Dafür sollte es Sympathiepunkte geben.
Natalia Barbu hat ihren Einzug ins Finale nicht verdient. Stimmlich dünn, war ihre Darbietung im Halbfinale auch sonst schwach. Die Achtundzwanzigjährige aus Moldau deutete zwar an, dass sie Violine spielen kann. Ihr Lied „Fight“ ist indes musikalisch eine Enttäuschung. Und was sollen die hektisch geschwungenen roten Tücher? Da hilft nur üben, üben, üben.
Eurovision Song Contest...
Hayri Ergun (DrErgun)
- 12.05.2007, 15:52 Uhr
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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