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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Erwachsene Kinderstars Berühmt, vergessen, was dann?

 ·  Nach dem Tod von Silvia Seidel fällt auf, dass auch andere ehemalige Kinderschauspieler kaum gute Rollen haben. Warum eigentlich nicht, und wie fühlt sich das an? Unsere Autorin hat mit einigen gesprochen.

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© Bildstelle Erst der Durchbruch, danach die Leere: Als Balletttänzerin „Anna“ wurde Silvia Seidel berühmt, im Alter von 42 Jahren nahm sie sich das Leben.

Pornoproduzent Dino Baumberger war sich sicher: „Solche Videos tun der Karriere gut. Das wissen die Damen auch.“ Ob Paris, Gina-Lisa, Dita oder Pamela - ihnen allen hätten Sexvideos nicht geschadet, sondern finanziell und beruflich genutzt. Und nun zickte Radost Bokel, die als Elfjährige 1986 die „Momo“ gespielt hatte und gerade im „Dschungelcamp“ saß, rum. Sie verlangte, dass ein Video, das sie beim Sex zeigte und von irgendjemandem ganz ohne ihre Erlaubnis auf Baumbergers Seite gestellt worden war, nach nur drei Tagen wieder entfernt wurde. Baumberger fand das dumm: „Nun verdient sie noch nicht einmal daran.“

Das war Anfang Januar. Seitdem ist viel passiert, jedenfalls für Radost Bokel, 37: Sie flog aus dem „Dschungelcamp“, weil sie keine Elefantenhoden essen wollte, und wurde als Nscho-tschi von den Karl-May-Festspielen in Elspe engagiert. „Für mich hat sich das Dschungelcamp gelohnt“, sagt sie. „Vorher kannten mich nur die Leute ab dreißig, weil die ,Momo’ gesehen hatten. Jetzt kennen mich auch die Kiddies wieder. Man muss eben bekannt sein, wenn man Rollen haben will.“

Zuletzt vermittelte sie nur noch die Arbeitsagentur

Stimmt. Unbekannte Schauspieler haben es schwer. Und noch viel schwerer, wenn sie früher mal berühmt waren und wissen, wie sich Erfolg anfühlt. In dieser Woche starb eine weitere ehemalige Kinderschauspielerin, die zuletzt nur noch von der Arbeitsagentur vermittelt wurde. Ähnlich wie letztes Jahr Mick Werup, der in den achtziger Jahren in der ZDF-Serie „Diese Drombuschs“ bekannt wurde und seitdem nur noch kleinere Rollen gespielt hatte, nahm sich offenbar auch Silvia Seidel, die 1987 in dem ZDF-Weihnachtssechsteiler „Anna“ als Ballerina ein Millionenpublikum verzaubert hatte, das Leben. „Man findet keine Rollen mehr“, erklärt Patrick Bach, ihr Serienpartner von damals, „das war in den Achtzigern und Neunzigern noch anders. Heute werden von den Sendern 60 bis 80 Filme im Jahr gestrichen, die in den Produktionsetats noch vorgesehen waren. Ein kontinuierlicher Rückgang seit Jahren.“ Der damit zusammenhängt, dass es immer mehr Realityshows gibt und immer weniger Filme, die mit Schauspielern produziert werden.

Bach, der 1981 in „Silas“ über Nacht zum Star wurde, danach in „Jack Holborn“ und schließlich in „Anna“ an der Seite von Silvia Seidel spielte, arbeitet inzwischen hauptsächlich als Synchronsprecher - ebenso wie Hendrik Martz, der 1984 im Weihnachtstmehrteiler „Patrik Pacard“ die Hauptrolle spielte. Thomas Ohrner, Star des ZDF-Mehrteilers „Timm Thaler“, war zwar in einigen Filmen und Serien und als Moderator zu sehen, ein großer Fernsehstar wurde aber auch er, heute 47, nie wieder.

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Silvia Seidel als Balletttänzerin „Anna“. © ZDF Silvia Seidel als Balletttänzerin „Anna“.

„Es gibt Kinderrollen für Erwachsene nicht“

Jenseits der Landesgrenzen sieht es nicht besser aus: Inger Nilsson, die schwedische Pippi Langstrumpf von 1969, arbeitete nach ihrer Schulzeit als Sekretärin, hatte danach nur noch kleinere Rollen und ging vor drei Jahren ins schwedische „Dschungelcamp“. Bei Heintje kam der Karriereknick mit dem Stimmbruch, und auch Macaulay Culkin, der ehemalige Kinderstar aus „Kevin allein zu Haus“, konnte seinen Erfolg nicht ins Erwachsenenalter retten. Selbst Daniel Radcliffe sorgte sich gegen Ende der Dreharbeiten von Harry Potter: „Vielleicht werden sie mich bald nicht mehr haben wollen, weil ich zu groß bin oder Pickel bekomme.“ Das Verfallsdatum für den Ruhm von Kinderstars ist nur wenig länger als das von ungeöffneter H-Milch. Aber warum eigentlich?

Bernhard Hoestermann, Geschäftsführer der gleichnamigen Schauspielagentur, der Stars wie Robert Stadlober und Muriel Baumeister betreut, sieht vor allem die Schauspieler selbst in der Verantwortung: „Wenn ein Kinderstar es nicht schafft, die unschuldige Natürlichkeit, mit der er seine frühen Rollen gespielt hat, durch einen größeren Reichtum von Ausdrucksmöglichkeiten im Erwachsenenalter zu ersetzen, wird er Probleme bekommen. Es gibt diese Kinderrollen für Erwachsene nicht, und wenn sich ein ehemaliger Kinderschauspieler nicht weiterentwickelt, wird er von Film zu Film eintöniger wirken.“ Seiner Meinung nach muss jemand, der den Beruf dauerhaft ausüben will, im Alter zwischen fünfzehn und zwanzig Schauspielunterricht nehmen - auch wenn er schon sehr erfolgreich war: „Da wird man interessant und vielfältig. Man lernt, Rollen zu spielen, die der eigenen Persönlichkeit fremd sind.“

Star ist man unabhängig vom Talent

Allerdings weiß auch Hoestermann, der seit 22 Jahren im Geschäft ist, dass Talent nicht allein über Erfolg bestimmt: „Die Schauspielerei kann ein Pakt mit dem Teufel sein. Selbst gute Schauspieler können nicht unbedingt von ihrem Beruf leben, geschweige denn werden sie auf der Straße erkannt. Ob jemand zum Star wird, ist zu weiten Teilen unabhängig davon, was er kann.“

„Man braucht Vitamin B und ein sehr gutes Management“, erklärt Marcus Kleiner, Medienwissenschaftler an der Uni Siegen und Experte für populäre Medienkulturen. „Es ist ein unehrliches, ungerechtes System, denn nicht die Besten, sondern die Durchsetzungsstärksten kommen weiter.“ Die Schauspielerin Corinna Harfouch weiß, welche Abgründe ihr Beruf generell hat: „Wenn man nichts hat außerhalb der Arbeit, kann das sehr gefährlich werden. Es frisst dich mit deiner ganzen Seele auf, es fordert alles von dir, und trotzdem bist du am Ende alleine.“

Deswegen gibt es inzwischen sogar eine Anlaufstelle für gescheiterte Kinderschauspieler. Vor 23 Jahren gründete Paul Petersen, 66, am Rande von Los Angeles die Non-Profit-Organisation „A minor consideration“, die sich für aktive und ehemalige Kinderschauspieler in Not einsetzt. Drei bis vier Hilferufe erhält er jeden Monat, Drogensucht oder Geldmangel sind die größten Probleme der Anrufer. Petersen, selbst ehemaliger Kinderschauspieler, sagt: „Du musst dir deine Eltern sorgfältig aussuchen. Wenn sie gut geerdet sind und einen Beruf haben, der sie ausfüllt, hast du gute Karten. Ansonsten aber läufst du Gefahr, dass sie dir weder den Schutz noch die Stabilität bieten, die du als Kinderschauspieler brauchst“ -, und du dein Leben lang dem Ruhm hinterherläufst.

„Ich habe einen Großteil meines Lebens damit verbracht, unberühmt zu werden“, sagte Silvia „Anna“ Seidel einige Jahre vor ihrem Tod. „Das Business ist schwierig, weil man sich damit abfinden muss, dass man nicht immer Erfolge haben kann“, musste Radost „Momo“ Bokel lernen. Sie sagt, sie könne sich heute vorstellen, „mit Hunden zu arbeiten und nie wieder im Fernsehen zu sein“. Doch bis es so weit ist, darf es ruhig noch ein wenig dauern. In einigen Herrenmagazinen war sie kürzlich in Unterwäsche zu sehen, und auf ihrer Homepage posiert über einem Link, der zur Seite eines Tierheims führt, in BH und schwarzen Strapsen beziehungsweise nackt: Engagiert mich, noch bin ich jung und schön!

Nur wenige schaffen es: Drew Barrymore oder Jodie Foster

Auch Patrick „Silas“ Bach glaubt daran, „dass der ganz große Erfolg wiederkommt“, übt sich aber bis dahin genau wie Bokel in Bescheidenheit. Auf einer Schulung für Synchronsprecher hat ihn neulich ein Siebenjähriger gefragt: „Bist du die Stimme von dem dicken kleinen Piraten aus ,Jake und die Nimmerland Piraten’? Kannst du den mal nachmachen?“ Da ging ihm das Herz auf.

Nur wenige Kinderstars kommen als Erwachsene noch größer heraus, als sie es in jungen Jahren schon waren: Drew Barrymore oder Jodie Foster etwa. Einer, dem es gelungen ist, die Leerstelle des ausbleibenden Ruhms zumindest ansatzweise mit etwas anderem zu füllen, ist Ohrner. Er arbeitet inzwischen nicht mehr als Fernseh-, sondern als Radiomoderator beim Bayrischen Rundfunk. Und greift zu, wenn ihm ab und zu jemand eine Filmrolle anbietet. Dass ausbleibender Erfolg jemanden in den Selbstmord treiben kann, hält er für ausgeschlossen: „Es ist primitiv zu sagen, die Silvia Seidel ist ein armes Hascherl, das sich wegen dem ausbleibenden Erfolg umgebracht hat. Ein innerfamiliäres Drama war die Ursache, die Mutter war depressiv, der Vater gestorben, es gab keine Freunde, keine Familie. Das ist es, was zum Selbstmord führen kann - egal, ob du früher die Mülltonnen rausgetragen hast oder Kinderstar warst.“

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Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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