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Erwachsen werden im Gefängnis Mike und die Wut im Leib

 ·  Der Jugendliche, der 2006 bei der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofs auf 33 Menschen einstach, kommt jetzt frei. Sein Gerichtspsychiater Hans-Ludwig Kröber hat ihn noch einmal getroffen.

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Als ich Mike das erste Mal sah, saß mir im Jugendstrafvollzug ein lieber, etwas ratloser Amokläufer mit verstrubbeltem Haar gegenüber: ein krasser Kontrast zwischen Tat und Täter. Er bekam sieben Jahre Jugendstrafe wegen versuchten Totschlags in 33 Fällen und musste im Knast erwachsen werden.

Ich wollte wissen, wie man das übersteht und ob ich recht behalte, dass dieser Junge es schafft. Jetzt, sechs Jahre später, haben wir uns wieder getroffen. Mike hatte es eilig. Die Zeit in Freiheit war kostbar: Überstunden bei der Zeitarbeitsfirma, die neue Freundin, abends zurück in den Jugendstrafvollzug. Nicht mehr lange. Passend zur Adventszeit, darf Mike nach Hause.

Von seiner Tat erfuhr ich zunächst aus dem Fernsehen. Bei der Einweihung des Berliner Hauptbahnhofs im Mai 2006 mit 500.000 Feiernden hatte der Jugendliche, der mit Freunden unterwegs war, mit seinem Klappmesser wahllos auf Menschen in der Menge eingestochen. Manchmal wuchtig, so dass sie lebensgefährliche Verletzungen davontrugen, manchmal schwächer, so dass nur die Kleidung beschädigt wurde. Kurz vor Mitternacht wurde Mike festgenommen und schlief bald darauf im Polizeifahrzeug ein. Er hatte 2,0 Promille Alkohol im Blut.

Wie stets war man völlig überrascht von diesem Ausbruch. Politiker fragten, „wie die entfesselte Gewalt aus den Köpfen der Jugendlichen wieder herauszubekommen“ sei. Im „Heute-Journal“ quengelte Marietta Slomka im Interview mit Innenminister Schäuble, wie er die internationalen Zuschauer der anstehenden Fußballweltmeisterschaft schützen wolle.

Hätte er wissen müssen, dass er mit Alkohol aggressiv wird?

Ich habe Mike damals psychiatrisch begutachtet zur Frage der Schuldfähigkeit. Er wirkte auf mich wie ein gutherziger, stark auf seine Familie hin orientierter Junge, in vielem noch ein liebebedürftiges Kind - sicher kein hoffnungsloser Fall. Nur hinsichtlich der Tatnacht machte er dicht: keine Erinnerung. Ich fand die Strafe hart, weil man nicht berücksichtigte, dass er sehr betrunken war: Er hätte wissen müssen, dass er dann aggressiv wird. Hätte er?

Von einer Sachbeschädigung abgesehen, hatte Mike keine Vorstrafe. Er war aber schon von der Schule geflogen, das erste Mal wegen Schwänzens und Störens, das zweite Mal kurz vor der Tat wegen Waffenbesitzes - beim Umziehen zum Sport war sein Messer aus der Jackentasche gefallen; null Toleranz. Dabei hatten seine Leistungen gerade wieder angezogen.

Mike kam aus geordneten Verhältnissen, das vierte von sieben Kindern, der Vater war Bauleiter und Polier, die Mutter Küchenhilfe. Man wohnte in einem bürgerlichen Stadtteil in sechseinhalb Zimmern mit Garten. Als Mike zwölf war, wurden alle Kinder in die Küche gerufen, und die Eltern teilten mit, sie würden sich trennen. Mike ging auf sein Zimmer und heulte, zwei Tage lang. Die beiden jüngeren Kinder blieben bei der Mutter, der Vater zog mit den älteren nach Neukölln.

Die Trennung der Eltern traf in hart

Die Trennung der Eltern war nicht schuld an Mikes Gewalttaten. Aber sie traf ihn hart und zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt: als er gerade begann, ein Mann zu werden, und doch weiter starke kindliche Bedürfnisse hatte, wie alle in der Pubertät. Forciert erwachsen werden war jetzt angesagt; hart werden. Er musste selbst herausfinden, wie das geht.

Seither gab es Schulprobleme. Mike lernte nicht mehr, schwänzte, war Lehrern gegenüber trotzig. Als wir jetzt zusammen an seiner ehemaligen Schule in Steglitz waren, wirkte er nachdenklich: Das sei echt eine gute Schule gewesen, schade. Dass man das Messer entdeckte - ein blöder Zufall.

Das Messer hatte er immer dabei. Die Polizei hatte schon nach der Festnahme gefragt, warum. Seine Antwort: Wenn Sie das verstehen - ich wohne in Neukölln.

Seine Freundin hatte es nicht verstanden und sich von ihm getrennt, weil er mit anderen herumzog. Eine Woche vor der Tat kamen sie wieder zusammen, und Mike stand der Sinn mehr nach Kuscheln als nach Feuerwerk. Aber die Freundin wollte zur Riesenparty am Hauptbahnhof. Sein bester Freund und dessen Freundin kamen mit.

Totschläger, Schlagring, Messer - das war der Dreiklang

Ich dachte bei der Begutachtung, Mike wäre in Neukölln unter die Räder gekommen. Ich hielt ihn für weniger aggressionsbereit, als seine Tat ihn scheinen ließ. Jetzt erzählte er mir, dass er keineswegs so unerfahren war. Er habe in Neukölln schnell Anschluss gefunden, mit 14, 15 Jahren seien sie kleine Gangs gewesen, Nationalität spielte keine Rolle, nur der Dress-Code war verbindlich: Käppi oder Kapuze, Picaldi-Karotten-Jeans, die über den Nike-Schuhen Falten schlagen, Handy. Und dann der Dreiklang Totschläger, Schlagring, Messer. Man zog herum und suchte das Kräftemessen, bisweilen war das ein Raubzug; keine Polizei. Und es war gut so, cool.

Am 26. Mai 2006 begannen sie zu viert inmitten der Massen zwischen Kanzleramt und Bahnhof früh mit dem Trinken, Schnaps und Alkopops in Zwei-Liter-Plastikflaschen gemischt. Das hieß: Party machen. Mike trank ein bis zweimal im Monat, er wusste tatsächlich, dass er dann Streit suchte und provozierte. Als das Feuerwerk begann, verschwand er in der Menge. Die Freundin sollte seine dunkle Seite nicht sehen, sagt er. Einem Betrunkenen nahm er das brandneue Handy ab. Dann blitzte er Leuten mit einem Foto-Handy ins Gesicht; die schimpften, wehrten sich.

Acht Notoperationen nach Messerattacke

Mike zog sein Messer und marschierte Richtung S-Bahn. Heimwärts. Unterwegs stach er zu. Immer wieder. Viele spürten nur einen heftigen Schlag und merkten erst mit Verzögerung, dass sie verletzt waren. Seine Erinnerung ist auch heute noch ungenau, der verschwommene Film endet mit der Festnahme.

Acht Personen mussten wegen tiefer Brust- oder Bauchverletzungen notoperiert werden. Das Unglück wollte es, dass eines der Opfer HIV-positiv war; alle Verletzten mussten sich einer prophylaktischen Behandlung unterziehen und litten wochenlang unter der Angst, sich infiziert zu haben. Eine Frau entschied sich wegen all der Narkosen, Medikamente und Röntgenuntersuchungen für einen Schwangerschaftsabbruch. Mike sagt, er habe ihr schreiben wollen, aber man war in der Anstalt nicht dafür. Er glaube auch, dass ein Brief nicht wirklich geholfen hätte.

In der Haft wurde es zunächst schlimmer

Ich hatte vermutet, Mike werde ein guter Gefangener, einer, der mitarbeitet an der eigenen Resozialisierung. Aber in der Jugendhaft wurde es zunächst nur schlimmer. Die ersten zwei Jahre seien hart gewesen, berichtet er. Er habe sich in Machtkämpfen mit den Beamten versucht, gekifft wie ein Schlot, auf den Putz gehauen. Dann kam er in die neue sozialtherapeutische Abteilung. Anfangs habe er sich noch geprügelt, dann wurde es ruhiger. Er hatte jetzt seine Position.

Seit Januar ist Mike im offenen Vollzug. Eine Ausbildung zum Zweiradmechaniker scheiterte, weil er im Streit aus der Werkstatt flog; danach blieb gerade noch Zeit für eine Lehre zum Kfz-Service-Mechaniker.

Die regelmäßigen Gespräche mit der Psychologin waren zunächst ein Kampf: Was sollte Reden? Später nutzte Mike die Therapie, um herauszufinden, was er will vom Leben. Wer er sein will. Er hat sich neu sortiert und gilt als zuverlässig.

Wird er es schaffen?

Jetzt wird er zum Vater zurückkehren. Auch zur Mutter, von der er sich bis zu jenem Abend in der Küche so gerne knuddeln ließ, besteht wieder guter Kontakt; zu den Geschwistern sowieso. Mike hofft, eine richtige Arbeit zu finden. Er muss sparen, um mit der neuen Freundin zusammenziehen zu können. Er denkt an Nachwuchs. Familie ist ihm wichtig, und das dürfte ihm helfen.

Wird er es jetzt schaffen? Im Gespräch wirkt er achtsamer und verantwortungsbewusster, aber auch härter und illusionsloser als damals; der einstige Welpencharme ist verblasst. Mike hat kein anderes Aggressionsproblem als andere Jungen seines Alters. Die Aggression steckt nicht im Kopf, sondern im ganzen Leib. Entscheidend ist, ob sie abgerufen wird vom sozialen Umfeld. Mike hatte sie schon mit 16 trainiert. Im Knast nun hat er gelernt, sich gegen ein gewaltbereites Umfeld zu behaupten, so hoffen alle, nicht ohne Grund. Ein Mann und erfolgreich sein, ohne handgreiflich kämpfen zu müssen. Wenn er zurückkehrt nach Neukölln, wird er immer wieder neu entscheiden müssen, wie er sich behaupten will. Es wird darauf ankommen, was ihm wichtig ist in seinem Leben. Die Zukunft ist offen. Aber sie ist nicht leer.

H.-L. Kröber ist forensischer Psychiater an der Charité Berlin und Autor von „Mord - Geschichten aus der Wirklichkeit“. Foto Archiv

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