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Auch ein ICE muss schon mal langsam und „auf Sicht“ fahren. Bild: dpa

Die Bahn und der Winter : Höret die Signale

„Liebe Fahrgäste, diesen Zug kriegen wir heute leider nicht mehr bewegt.“ Und jetzt? Erlebnisbericht eines ICE-Reisenden im Winter.

          „Alles klärchen“, rief der erstaunlich gut gelaunte Zugchef in sein Telefon. Der unfreiwillig mithörende Fahrgast im ICE von Berlin nach Frankfurt denkt sich, dass es ja nicht schaden kann, wenn wenigstens einer keine Spur von Hektik zeigt. Denn vor „alles klärchen“ war schon ein anderes Wort an die Ohren des Fahrgasts gedrungen – „Evakuierung“. Zum Zeitpunkt des besagten Telefonats stand der Zug bereits mehr als eine Stunde im tiefsten Nichts zwischen Halle und Erfurt. Draußen Schneetreiben, was die Aussicht und irgendwie auch die Stimmung ein wenig trübte. Schließlich hätten sich ja – abgesehen von Gleisen und Oberleitungen – irgendwo Anzeichen von Besiedlung zeigen können, und man hätte nicht das Gefühl großer Leere gehabt.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik.

          Angefangen hatte alles mit etwas, was dem erfahrenen Bahnreisenden bestenfalls ein kurzes Gähnen entlockt: Signalstörung. Die zog sich hin, so dass das Personal kreativ wurde. Vor allem wurden, was man bei der Bahn wirklich eigens erwähnen muss, die Fahrgäste über jeden Schritt klar und deutlich informiert. Es wurde spannend. „Wir versuchen in langsamem Tempo bis zum nächsten Signal zu fahren, wo wir dann hoffentlich wieder freie Fahrt haben werden“, so die Durchsage. Das Publikum vernahm es mit großem Wohlwollen. Nur hatte das Zugpersonal zwar mit seinen Fahrgästen und zuvor ganz offensichtlich auch mit dem kommuniziert, was im Bahndeutsch gerne „die Transportleitung“ genannt wird. Nur der Hardware, sprich dem Zug, hatte anscheinend niemand gesagt, was nun kommen sollte. Und der Zug tat dann das, was er in solchen Situationen im Interesse der Sicherheit tun muss. Er wehrte sich, wobei das natürlich die Formulierung eines technischen Laien ist. Ein Bahn-Fachmann wie der Autor Peter Thomas sagt, es gebe durchaus die Möglichkeit, langsam und „auf Sicht“ zu fahren. Wieso es dann zum technischen Zusammenbruch kam, kann aber auch der Fachmann nicht schlüssig erklären.

          Der Zug jedenfalls ließ sich auch im (gefühlten) Schritttempo nicht lange bewegen. Immer wieder produzierte die Maschine Vollbremsungen. Schließlich bestieg das Personal die nächste Sprosse auf der Eskalationsleiter. Das Informationssystem des Zuges könne jetzt nicht mehr mit dem der Signale kommunizieren. Deshalb wolle man versuchen, das System des Zuges herunterzufahren („in einem geeigneten Bahnhof“ – aber woher den nehmen in freier Natur?). Nach einem folgenden Neustart hoffe man, alles werde wieder gut. Wurde es nicht.

          Schließlich, kurz nach „alles klärchen“, die Botschaft: „Liebe Fahrgäste, diesen Zug kriegen wir heute leider nicht mehr bewegt.“ Aber Rettung sei in Gestalt eines anderen ICE aus Dresden auf dem Weg. Der werde auf dem Parallelgleis halten, woraufhin dann alle Passagieren umsteigen könnten. Der (ebenfalls gut besuchte) ICE aus Dresden kam auch. Das Umsteigen lief dann doch etwas umständlicher als gedacht, denn der „Retter“ war wenige Meter zu weit gefahren, so dass die Notbrücken, die man von Tür zu Tür hätte bauen können, kurzfristig zu steilen Leitern umfunktioniert werden mussten. Statt über dem Gleisbett gewissermaßen von A nach B zu schweben ging es also hinein in den Schnee und auf der anderen Seite wieder steil nach oben. Das Personal war außerordentlich zuvorkommend, wobei es freilich ein schöner Zug der Herren in Uniform gewesen wäre, wenn nicht die deutlich weniger kräftigen Damen aus dem Zugbistro dafür abgestellt worden wären, im Gleisbett stehend den Passagieren vor dem steilen Abstieg die von oben angereichten Koffer abzunehmen.

          Aber nach einer Stunde waren alle drüben. Und ein sehr gut besetzter ICE rollte durch die freie Landschaft Richtung Erfurt. Sogar in Frankfurt ist er angekommen – mit einer für Bahnverhältnisse durchaus ungewöhnlichen Verspätung von drei Stunden. Und am Ende ist dann irgendwie doch „alles klärchen“.

          Quelle: F.A.Z.

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