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Erfolgreichste Tweets 2017 : Das kann Twitter aus dem eigenen Jahresrückblick lernen

Durch die eigene Brille: Der Twitter-Jahresrückblick Bild: dpa

In den sozialen Medien sind Radikale und Populisten am erfolgreichsten, heißt es oft. Der Twitter-Jahresrückblick zeigt: Zumindest in Deutschland stimmt das nicht. Daraus könnte auch das Unternehmen etwas lernen.

          Die AfD muss nicht traurig sein. Immerhin spielt sie eine Rolle im erfolgreichsten deutschen Tweet des bisherigen Jahres. Allerdings sieht Beatrix von Storch, stellvertretende Bundesvorsitzende der Partei, auf diesem Bild dann doch alles andere als glücklich aus. Der Schnappschuss wurde aufgenommen, als die Politiker im Bundestag mehrheitlich für die „Ehe für alle“ stimmten, der Nutzer @justthore schrieb dazu: „Die Fahrkarte zum Bundestag: 2,70€; Der Cappuccino im Besucher-Café: 3,50€; Das Gesicht von Beatrix zur Abstimmung: unbezahlbar.“ 

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Rund 35.000 Mal wurde bisher das Herz unter diesem Tweet angeklickt, 14.000 Nutzer teilten den Beitrag mit ihren Followern, mehr als 300 Menschen kommentierten ihn. Addiert man die Zahlen, ergibt sich das „Engagement“ – und kein Tweet aus Deutschland hat in dem bisherigen Jahr laut dem Unternehmen Twitter einen höheren Wert erzielt. Auch sonst ist der am Dienstag veröffentlichte Twitter-Jahresrückblick 2017 enttäuschend für die Populisten, die darauf setzen, durch möglichst viele Eklats dauerhaft im Gespräch zu bleiben. Trotz dieser Strategie wurde im Wahlkampf- und Sondierungsjahr 2017 mehr über etablierte Politiker und Parteien getwittert: @spdde, @CDU, @Die_Gruenen, @dieLinke führen die Liste der am meist genannten Parteien und Fraktionen an, erst dahinter kommen die Accounts @AfD_Bund und @AfD.

          Symptomatisch für den Wahlkampf der Freien Demokraten ist, dass @fdp in dieser Liste erst auf Platz sieben, also hinter den beiden AfD-Accounts landet – Partei-Posterboy Christian Lindner aber der am zweitmeisten genannte deutsche Politiker ist. Öfter wurde nur SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz erwähnt, der mit der Statistik auch Futter für seinen Vorwurf an Angela Merkel bekommt, dass sie sich der politischen Debatte im Wahlkampf entzogen habe („Anschlag auf die Demokratie“): Weil die Kanzlerin selbst überhaupt keinen Twitter-Account mit flotten Sprüchen füttert, taucht sie in der Liste nicht auf – und lässt damit Platz für @Alice_Weidel, @SteinbachErika und @Beatrix_vStorch. An einem kommt aber auf Twitter auch in Deutschland niemand vorbei: Der meistgenannte Politiker ist Donald Trump.

          Jenseits der Politik

          Abseits der Politik haben in diesem Jahr wieder Solidaritätsaktionen nach Anschlägen viel Aufmerksamkeit auf Twitter bekommen. Nach dem Angriff auf das Konzert von Ariana Grande in Manchester mit 22 Toten boten viele Engländer unter dem Hashtag #roomformanchester private Übernachtungsmöglichkeiten an. Dasselbe machten Dortmunder nach dem Anschlag auf den BVB-Bus vor dem Champions League Spiel Borussia Dortmund gegen AS Monaco. Ein Tweet, der zu dem Hashtag #BedForAwayFans Fans der gegnerischen Teams gemeinsam an einem Tisch zeigte, landete auf der Liste der erfolgreichsten deutschen Tweets auf Platz drei.

          Die „zehn bewegendsten Hashtag-Aktionen 2017“ sind dann weniger messbar, werden von Twitter aber trotzdem gekürt: Auf Platz eins landet das immer noch allgegenwärtige #FreeDeniz, mit dem für die Freilassung des in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel gekämpft wird. Dahinter finden sich Verweise auf verschiedene Solidaritätsbekundungen nach Anschlägen (#WeAreNotAfraid, #BedForAwayFans, #roomformanchester) und das vielleicht wichtigste Hashtag des Jahres, #MeToo, unter dem sich unzählige Frauen zu Wort meldeten, die sexuelle Übergriffe erlebt haben.

          Ein besonderes Kunststück ist dem Satiriker Jan Böhmermann gelungen: Er hat es gleich mit zwei Beiträgen in die Liste der erfolgreichsten deutschen Tweets geschafft. Und auch in diesen beiden Beiträgen gibt es wenig zu lachen für die AfD: Einmal postete der Follower-Millionär das Foto eines Flugzeuges, das ein Plakat der Partei durch den Himmel zog, das allerdings falsch herum angebracht war. Und im zweiten Rekord-Tweet schrieb er im Hinblick auf den bevorstehenden Einzug der AfD in den Bundestag ganz unironisch: „Nur noch 3 Wochen, 21 Tage, bis zum ersten Mal seit Kriegsende wieder die Nazis im deutschen Parlament sitzen. Eine unverzeihliche Schande.“

          Was Twitter nicht erwähnt

          Das Schöne an Jahresrückblicken, die man über das eigene Unternehmen veröffentlicht, ist, dass man alles weglassen kann, das nicht so schön ist. Nicht zu finden ist in der Pressemitteilung von Twitter zum Beispiel das Hashtag #Heytwitter. Unter diesem Schlagwort machte in diesem Jahr der deutsch-israelische Satiriker Shahak Shapira darauf aufmerksam, dass sich Rassisten und Antisemiten auf der Plattform weitgehend ungestört austoben können. Shapira sprühte Tweets vor die deutsche Firmenzentrale in Hamburg auf die Straße, die er bei Twitter gemeldet hatte, die aber nicht gelöscht wurden. Zum Beispiel: „Nigger sind eine Plage“, „Judenschwein“ und „Lass mal wieder zusammen Juden vergasen, die Zeiten waren schön“. Shapiras Fazit der Aktion lautete: „Twitter schert das alles einen Dreck.“ Das Unternehmen wollte damals keine Stellung dazu nehmen

          Dabei zeigt auch der weltweit erfolgreichste Tweet des Jahres, dass es die meisten Twitter-Nutzer wahrscheinlich zu schätzen wüssten, wenn das Unternehmen entschiedener gegen Rassismus vorginge: Barack Obama bekam bis heute rund 4,5 Millionen Likes für ein Nelson Mandela-Zitat: „Niemand hasst von Geburt an jemanden aufgrund dessen Hautfarbe, dessen Herkunft oder dessen Religion ...“. Am erfolgreichsten sind in den sozialen Medien also nicht Populisten und Rassisten – sondern die, die gegen sie kämpfen. Schade, dass Twitter bisher nicht mitmacht.

          Quelle: FAZ.NET

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