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Porträt einer Eremitin : Einsam und nicht allein

  • -Aktualisiert am

Zur Eremitin berufen: „Die Beziehung zu Gott bestimmt mein Leben, mein Handeln, mein Denken und Fühlen“, sagt Maria Anna Leenen. Bild: Daniel Pilar

Im zurückgezogenen Leben finden gläubige Eremiten zu Gott. Maria Anna Leenen zeigt, dass man deshalb nicht weltvergessen sein muss. Zu Besuch an einem Ort, den das Navi nicht findet.

          Die Kälte wird dem Besucher noch lange nach dem Abschied in den Gliedern stecken. Maria Anna Leenen aber wird inzwischen wieder die Kapelle betreten haben, um das 15-Uhr-Gebet zu sprechen. Sie wird die Holztür zur beheizten Küche hinter sich geschlossen, die wenigen Schritte in der Dunkelheit an dem gusseisernen Herd vorbei zurückgelegt und die flache Stufe zum Gebetsraum betreten haben. Dann wird sie sich kurz verbeugt haben und schließlich in die Mitte des Raumes getreten sein, um sich hier in der Stille an Gott zu wenden.

          Für den Besucher war es ein kurzer Ausflug in eine unbekannte Welt. Für Maria Anna Leenen ist es Alltag. Seit 20 Jahren lebt sie das Leben einer Eremitin. Wenn man sich einen Einsiedler als alten, drahtigen, langbärtigen Mann vorstellt, der im Wald haust, der abgeschieden lebt und den Kontakt zu anderen Menschen meidet, dann ist Maria Anna Leenen entweder das Gegenteil oder die moderne Verkörperung einer uralten christlichen Lebensform.

          Das Navi findet nicht den Weg zur Eremitin

          Abgeschieden, aber nicht unerreichbar lebt die beinahe Sechzigjährige im Norden des Osnabrücker Landes. Ihre Klause, ein Ensemble aus windschiefen Backsteinhäusern, liegt am Ende eines schmalen Feldwegs, von hohen Tannen verborgen. Das Navigationssystem führt in die Irre, daher versorgt Leenen Besucher sicherheitshalber mit einer detaillierten Wegbeschreibung. Erkennungszeichen sind die meerblaue, reparaturbedürftige Dielentür und das weitläufige Ziegengehege.

          Noch bevor eine der sechs Bergziegen vor dem Hintergrund aus Stroh und einer Holzhütte zu sehen ist, kommt Maria Anna Leenen um die Ecke. Warmes Lächeln, fester Händedruck. Sie ist eine agile Frau, deren kurzgeschnittenes Haar und rosige Wangen über ihr Alter hinwegtäuschen. „Ich könnte Stunden damit verbringen, die zu kraulen“, sagt Leenen und betrachtet ihre Ziegen. Bonito, erzählt sie, habe erst kürzlich offenbart, dass er ein Bock ist. In den nächsten Wochen werde sich zeigen, ob sich Schwarzes Mädchen oder eine der anderen Ziegen über Nachwuchs freuen können.

          „Von Ziegen lernen heißt leben lernen“ - das ist der Titel des Buchs, das sie vor kurzem veröffentlicht hat. Aus der Betrachtung von Ziegen, erklärt sie darin, könne der Mensch auch geistliche Impulse ziehen. Neben den praktischen Vorteilen, die das Zusammenleben mit ihnen birgt (sie ersetzen Rasenmäher und Dünger), haben Ziegen für sie auch spirituelle Bedeutung. Im Alten Testament stehen sie für die Menschen, die nicht glauben wollen oder können. „Für diese Menschen bete ich sehr oft“, sagt Maria Anna Leenen. „An sie erinnern mich meine Tiere.“ Das Gebet ist ihr Lebensinhalt. Wenn sie nicht erkältet ist, wie in den vergangenen Wochen, steht sie morgens um sechs Uhr auf, zieht sich etwas über und geht für ein kurzes Gebet in die Kapelle. Dann versorgt sie ihre Tiere und kocht sich Kaffee. Über den Tag verteilt folgen weitere Einheiten des Stundengebets - die Laudes, die Sext und die Vesper, die große Gebetszeit.

          Ort der Stille: die Kapelle im Haus von Maria Anna Leenen.
          Ort der Stille: die Kapelle im Haus von Maria Anna Leenen. : Bild: Daniel Pilar

          Maria Anna Leenen ist kirchlich anerkannte Eremitin. Das ist mit weltlichen Kategorien zwar zu umreißen, ohne den Glauben jedoch schwer nachzuvollziehen. Dass sie auf vieles verzichtet - Kochabende, Grillpartys, Luxus und Genuss -, hat für sie nichts Erhabenes oder Aufopferndes. Ihre Lebensweise, die in der Öffentlichkeit oft verklärt wird, verdankt sich weniger persönlichen Motiven als einer Berufung. „Ich führe hier kein gemütliches Singledasein, das ein frommes Mäntelchen hat. Das Wichtigste ist die Gottesbeziehung. Und alles, was mich davon wegzieht, muss ich lassen. Ich muss meinen Tagesablauf, mein Sein, 24 Stunden lang auf Gott ausrichten. Die Beziehung zu ihm bestimmt mein ganzes Leben, mein Handeln, mein Denken und Fühlen.“

          Leenen verdient mit Kerzen und Schreiben ihr Geld

          Sie hat zwar einen analogen Internetanschluss. Aber zur Unterhaltung Filme zu schauen? Das würde ihr nie einfallen. „Das ist die Art von Verzicht, die Außenstehende nicht sehen.“

          Den Verzicht spürt man in der Klause St. Anna. Schon in dem kleinen Vorraum schlägt die Kälte unvermittelt zu. Nach rechts führt eine Tür in die kleine Kerzenwerkstatt, in der Maria Anna Leenen große Stumpenkerzen, die ihr von den umliegenden Gemeinden gebracht werden, für die Kirchen gestaltet. Für die Verzierungen - mit Blüten, Zahlen und christlichen Symbolen - liegen verschiedenfarbige Wachsplatten auf dem kleinen Schreibtisch bereit. „Irgendwo muss das Geld ja herkommen“, sagt sie. Die Diözesaneremitin ist dem Bischof der Diözese Osnabrück, Franz-Josef Bode, unterstellt, bei dem sie vor 20 Jahren die Ewigen Gelübde ablegte. Anders als Eremiten, die Mitglieder einer Ordensgemeinschaft sind, muss Leenen für ihren Lebensunterhalt selbst sorgen. Das tut sie auch mit Schreiben - neben Büchern über das eremitische Leben verfasst sie Artikel für Zeitungen und Ordensmagazine.

          Hinter dem Vorraum verbirgt sich zur Linken die Stube, in der es warm ist und angenehm würzig nach Lagerfeuer riecht. In einer Ecke des quadratischen Raums steht der Holzofen, darauf zwei Herdplatten, in der anderen eine Sitzbank. Leenen befüllt den Wasserkocher, der durch sein blaues Leuchten nicht so recht zu den anderen Gegenständen passen will - etwa dem mit bunt durcheinandergewürfeltem Geschirr bestückten weißen Küchenschrank, dem aus Keramik gefertigten Stövchen, auf dem sie den gefilterten Kaffee warm hält, oder dem Holzstuhl, auf den sie sich setzt, um zu erzählen, wie sie dazu gekommen ist, als Einsiedlerin zu leben.

          Aufgewachsen ist Maria Anna Leenen evangelisch-lutherisch. „Schön romantisch: An Weihnachten in die Kirche, und nach der Konfirmation war ich dann ganz weg.“ Leenen machte eine Ausbildung zur Sport- und Gymnastiklehrerin und Bewegungstherapeutin, arbeitete in Krankenhäusern und Kinderheimen, verdiente gut, reiste viel, trieb alle möglichen Sportarten - am liebsten Reiten und Tauchen - und lebte das unabhängige Leben eines Singles. Irgendwann ging sie mit einem Freund nach Venezuela, um „ganz schnell ganz reich“ zu werden. Dort beteiligten sie sich am Aufbau einer Büffelranch. Weil ihr als Bücherwurm bald der deutsche Lesestoff ausging, drückte ihr damaliger Chef ihr ein Buch über Marienerscheinungen in die Hand. „Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben“ - als sie das las, war es um sie geschehen. „Das war für mich eine Bekehrung. Es waren vier Sekunden, die aber eine Drehung um 180 Grad für mich bedeutet haben. So etwas steckt man nicht einfach weg, das kann man nicht vergessen.“

          Novizenmeisterin brachte sie zum Eremitentum

          In Deutschland suchte sie nach Möglichkeiten, die Emotionalität und Kraft einer venezolanischen katholischen Messe abermals zu erleben. Werktags ging sie zunächst heimlich in die katholische Messe, 1986 konvertierte sie. Die Frage, die sie sich stellte, lautete: „Was mache ich jetzt mit diesem Glauben?“ Sie trat in den Orden der Klarissen in Münster ein, merkte aber bald, dass sie für einen anderen Weg bestimmt war. Ihre Novizenmeisterin brachte sie schließlich auf das Eremitentum. „Ich dachte zuerst, dass man heute nicht mehr so leben kann, im Mittelalter vielleicht, aber doch nicht heute. Trotzdem konnte ich mich gegen den Sog in meinem Herzen nicht wehren. Also habe ich mich auf den Weg gemacht.“

          Maria Anna Leenen verschenkte ihr Erspartes und kam zunächst in einer alten Flüchtlingsbaracke unter. Hier begann sie zu schreiben. „Mein erstes Jahresgehalt waren 671,30 Mark. Ich hatte eine super Figur, weil ich kaum etwas zu essen hatte. Aber ich hatte die innere Sicherheit, auf dem richtigen Weg zu sein.“ Die Hütte musste sie nach neun Jahren verlassen. So fand sie ihre jetzige Klause, die völlig heruntergekommen war und ein Jahr lang renoviert werden musste. „Ich kann mich nicht wie Franziskus in eine Hütte im Wald zurückziehen, dann kommt das Ordnungsamt und lässt mich einweisen“, sagt sie und lacht.

          Ebenso reflektiert, wie sie über ihr Leben spricht, betrachtet Maria Anna Leenen die Gründe für die Wiederbelebung des Eremitentums in Deutschland seit den siebziger Jahren. Sie sei nicht nur auf die Änderung des Kirchenrechts zurückzuführen, durch die das Eremitendasein seit 1968 als anerkannte Form des geweihten Lebens gilt. Der Aufschwung sei auch eine Reaktion auf Defizite in der Kirche. „Wir machen zwar alles Mögliche, Weltjugendtag, Weltkirchentag, aber wir vergessen Stille und innere Werte. Eremiten zeigen, dass die Kirche etwas vergessen hat. Dazu kommt eine starke Vereinzelung in der Gesellschaft, eine große Orientierungslosigkeit, die sich auch in der Kirche dadurch zeigt, dass unsere Strukturen zerbrechen. Innerhalb dieser Strukturveränderungen finden viele Menschen ihren Platz nicht.“

          Seit dem vierten Jahrhundert gibt es in Deutschland Eremiten, immer mit individuellen Ausprägungen, die jeweils auch gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegeln. „Es gibt einen Spruch: Was gleicht einem Eremiten am wenigsten? Ein anderer Eremit.“

          Auch für Leenen bleibt Gott ein Geheimnis

          Vieles aber eint die etwa 80 deutschen Eremiten. Ihre seelische und körperliche Belastbarkeit zum Beispiel. „Das Leben ist eine große Herausforderung. Denn durch die Stille und Einsamkeit, selbst wenn sie nicht totale Isolation bedeuten, wird man ganz massiv auf sich selbst zurückgeworfen. Das bedeutet, dass meine Stärken sichtbar werden, aber auch meine Schwächen.“ Immer wieder gibt es Momente, in denen Maria Anna Leenen sich bewusst wird, dass Gott auch für sie immer ein Geheimnis bleiben wird - etwa wenn ein weiterer Fall von Kindesmissbrauch öffentlich wird. Die Verbindung mit ihm ist für sie aber ewig. Dafür steht der goldene Ring an ihrem Finger, den sie wie einen Ehering trägt.

          Am Ende bleibt die Frage, wie sich ein solches Leben rechtfertigen lässt - gerade angesichts der Not in der Welt, die sich allein durch das Gebet nicht bewältigen lässt. „Stellen Sie sich ein altes Wagenrad vor. In der Mitte ist die Nabe. Die Nabe ist Gott, und auf den Speichen kommen die Menschen zu Gott, einige sind ganz außen, andere sind schon weiter drinnen. Je näher ich Gott komme, desto näher komme ich auch den anderen Menschen. Selbst wenn ich sie nicht kenne und vielleicht nie kennenlerne. Das heißt, wenn ich mich auf einen Weg begebe, auf dem ich versuche, mit mir, mit Gott und den Mitmenschen in Einklang zu leben, nachhaltig zu leben, auch offen bin, mich nicht abschotte, dann hat das eine Auswirkung auf alle. Es trägt dazu bei, dass das Gute bestärkt wird. Auch wenn ich nur ein einzelner Mensch bin.“

          Dann verabschiedet Maria Anna Leenen den Besucher in einen klaren Frühlingstag.

          Quelle: F.A.Z.

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