http://www.faz.net/-gum-7pwxf

Endo Anaconda von „Stiller Has“ : Wie ein gestrandeter Korsar

Den Urängsten freien Lauf lassen: Endo Anaconda ist seit 25 Jahren der Sänger der Band „Stiller Has“. Bild: Michael Schär

Die Band „Stiller Has“ wird in ihrer schweizerischen Heimat verehrt wie kaum eine andere. Endo Anaconda ist seit 25 Jahren ihre Stimme. Ein Porträt.

          Sein Hans im Glück hat Depressionen, Bambi fährt auf Sadomaso ab, und selbst der Teufel muss zur Therapie. Natürlich macht ihn Tischleindeckdich krank, und das Schlaraffenland gibt es nur mit Magenband, aber an „Märli“, an Märchen, will der Schweizer Sänger Endo Anaconda trotzdem glauben. Und nebenbei unsere kleine Welt sezieren, auf der Suche nach dem letzten Paradies, „wo’s nid so yklemmt isch wie hie“.

          Sonja Kastilan

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bittersüß sind die Mundart-Verse, in denen Anaconda der Gesellschaft ganz in Tradition der Brüder Grimm seinen Zerrspiegel vorhält. Mag die Realität hart und desillusionierend sein, der venusbergerfahrene Troubadour bleibt unbeugsam: „Man muss glauben, dass es etwas Gutes im Menschen gibt. Man muss“, sagt der 58-Jährige und pocht bar jeder Ironie auf das Argument des Herzens: „Die Liebe ist der einzige Ausweg.“ Während er das mit sanfter Wucht beim Nachmittagskaffee sagt, lässt der intensive Blick aus braunen Augen nicht locker. Er kennt das Leben, kein Zweifel.

          Vielleicht hole ihn, den Ministranten und Zögling eines katholischen Internats, ja jetzt im Alter die christliche Vergangenheit ein, meint er. Und schon springt das Gespräch munter zwischen Literatur, der Lage Europas und sehr Persönlichem hin und her. Es geht von Holzschwerterschlachten zu einem Tumorleiden, von der jüngsten Schweizer Volksabstimmung zu Goethes Italien-Reise und dem seit Kindertagen verehrten Mark Twain.

          Von der Zwangsimprovisation zum virtuosen Arrangement

          Am Abend wird er mit seiner Band „Stiller Has“ wieder einmal auf der Bühne stehen, dieses Mal im Casino-Theaters in Burgdorf, einer Kleinstadt im Emmental. Ungeahnt langlebig ist das Musikprojekt, das 1989 im Berner Kulturmilieu als Duo gegründet worden war: „Wir hatten vier Stücke und spielten anderthalb Stunden lang. Die Leute tobten.“

          Eines seiner dadaistischen Gedichte prägte damals den Namen der nun seit 25 Jahren bestehenden Band, die, wie die „Neue Zürcher Zeitung“ einmal schrieb, „die Befindlichkeit in der Schweiz beschrieben und besungen hat wie niemand sonst“. Vierzehn Tonträger sind in dieser Zeit erschienen, zuletzt 2013 die CD „Böses Alter“, jetzt ist ein Live-Album in Vorbereitung - und fürs kommende Jahr eine große Jubiläumstour geplant.

          „Stiller Has“ hat die Evolution von der „Zwangsimprovisation“ mit Rhythmusmaschine und Geräuschsammlung zum virtuosen Arrangement vollzogen. Aus dem Experiment wurde ein Quartett: Bassistin Salome Buser, Schlagzeuger Markus Fürst sowie der Gitarrist und Keyboarder René „Schifer“ Schafer vereinigen sich mit ihrem imposanten Frontmann zum harmonischen Klangkörper.

          Bis zu 100 Auftritte pro Jahr

          Anaconda, dem Diabetes den Spaß an Keks und Schokolade verdorben hat, ist anzusehen, dass er kein Dasein unter Schonbezügen führt. Seine Texte voller Poesie und Sprachgewalt handeln von den Facetten des Lebens, die er samt ihren Schattenseiten nicht nur aus Büchern kennt. Seine Stimme zeugt von langen Nächten mit „Whisky, Coci, Wy u Bier“, wenn er von seiner Party „mit em Flückiger, mit em Endo u mit mir“ singt. Was nichts anderes heißt, als: mit sich selbst. Melancholie und Selbstironie gehen bei ihm eine enge Beziehung ein, die sein Gesicht in Falten legt und selbst die Gesten prägt.

          Große Sehnsucht herrscht, das versteht - ob nun des Schwyzerdütschs mächtig oder nicht - jeder, bei dieser Musik, die irgendwo zwischen Rock, Pop und Blues anzusiedeln ist. Jedes Konzert ist eine Show, in der Anaconda, stets mit Hut, den Conférencier gibt. Und gerade bei den älteren Liedern singt Jung wie Alt textsicher mit. „Die Leute kommen gerne wieder. Ob aus Mitleid oder Schadenfreude“, das wisse er nicht.

          Bei Auftritten in Deutschland, dem von vielen Eidgenossen gefürchteten „großen Kanton“, gibt der Sänger gerne Hilfestellungen auf Hochdeutsch, das überraschend österreichisch klingt, weil er in Kärnten zur Schule ging. „I hob zwo Sööln in mir drin. / Zwei Fiass, die san ned gleich. / Der eine riecht nach Emmentoler, / Der andere nach Österreich“, heißt es unmissverständlich im Lied „St. Veit“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.