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Boykott von Dolce & Gabbana : Altertümliches Denken gegen die neue Welt

Männerentwürfe: Stefano Gabbana und Domenico Dolce im Juni 2014 Bild: Helmut Fricke

Seit Elton John die schwulen Modemacher von Dolce und Gabbana für eine angeblich schwulenfeindliche Äußerung kritisiert hat, ist die Empörung groß. Der Shitstorm ist eine militante Form der politischen Korrektheit.

          Sollte auch der Saubermann politisch unkorrekt sein? Oder hatten Traditionalisten nur eine fiese Nachricht in Umlauf gebracht?

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Am Dienstag jedenfalls wurde wieder einmal berichtet, wie Elton John („Candle in the Wind“) vor fünf Jahren bei der Hochzeit von Rush Limbaugh aufgetreten war, einem amerikanischen Radiomoderator, Homophoben und Aids-Leugner. Der homosexuelle Sänger, so „People“, habe für den Auftritt vor 400 Gästen in Palm Beach eine Million Dollar erhalten.

          Was für eine Nachricht! Denn ausgerechnet dieser Elton John, der mit seinem Ehemann David Furnish zwei Söhne im Alter von zwei und fünf Jahren großzieht, die von einer Leihmutter ausgetragen wurden, hatte sich am Wochenende bitterlich über die angebliche Schwulenfeindlichkeit zweier Schwuler beklagt.

          Alles begann mit einem Interview der Designer Domenico Dolce und Stefano Gabbana in der italienischen Zeitschrift „Panorama“. Darin sagte Gabbana, er würde, wenn er könnte, sofort ein Kind haben. Dolce, der mit Gabbana bis vor zehn Jahren auch privat liiert war, sagte, er stamme aus einer traditionellen Familie mit Mutter und Vater und lehne „synthetische Babys“, „gemietete Gebärmütter“ und „Sperma aus dem Katalog“ ab. „Ich bin schwul, ich kann keine Kinder haben. Ich denke, man kann nicht alles im Leben haben. Das Leben hat einen natürlichen Lauf, es gibt Dinge, die nicht geändert werden. Und eines davon ist die Familie.“

          „Euer Denken ist veraltet“

          Die beiden Modemacher, die erst im Herbst nach jahrelangen Verdächtigungen vom Vorwurf der Steuerhinterziehung freigesprochen wurden, boten somit wieder Angriffsfläche. Es war, als ob Elton John nur darauf gewartet hätte: „Wie kommt ihr dazu, meine schönen Kinder als ,künstlich’ zu bezeichnen“, schrieb der 67 Jahre alte britische Sänger auf Instagram. Die In-vitro-Fertilisation habe vielen Menschen ihren Traum vom Kinderkriegen erst erfüllt. „Euer altertümliches Denken ist veraltet, genau wie eure Mode. Ich werde nie wieder Dolce und Gabbana tragen. #BoycottDolceGabbana“.

          In einem solchen Ton sollte man nicht mit Italienern reden. „Ich habe das von einer Person, die ich wie Elton John für intelligent gehalten habe - ich unterstreiche: habe - nicht erwartet“, sagte Gabbana am Montag dem „Corriere della Sera“. Elton John sei „ein Ignorant“, der andere Meinungen nicht wahrhaben wolle. Das machte es nicht besser. Ein Shitstorm brach über die beiden Mailänder Designer herein, wie sie ihn noch nicht erlebt hatten.

          Der Streit ist nicht nur ein Zickenkrieg in der Szene, als der er schon betitelt wurde. Er zeigt vielmehr, mit welcher Härte fortschrittliche Schwule reagieren, wenn man seine persönliche Meinung gegen die zweifellos mühsam erkämpften Rechte setzt. Die Auseinandersetzung zeigt auch, dass althergebrachte Familienmuster in südlichen Schwulenmilieus - Dolce ist Sizilianer - persistenter sind, als es sich urbane westliche Gesellschaften heute noch vorzustellen vermögen.

          Nicht zuletzt hat auch diese Auseinandersetzung durch die „sozialen Medien“ eine unheimliche Dynamik entfaltet. Der Shitstorm, dem sich schon viele Prominente von Victoria Beckham bis Courtney Love anschlossen, ist eine militante Form der politischen Korrektheit. Mal sehen, ob die Flamme wie bei einer Kerze im Wind auch in die andere Richtung geht.

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