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Eltern im Netz : Mama bloggt

  • -Aktualisiert am

Baby hüten und als Bloggerin arbeiten - das schließt sich nicht aus. Bild: plainpicture/Westend61/Stefan Ru

Produkttests und Tipps zum Windelwechseln: Eltern, die im Netz ihre Erfahrungen teilen, werden oft belächelt. Mit Recht?

          In der Mittagspause der Elternbloggerkonferenz „Blogfamilia“ fällt der Blick aus dem Veranstaltungssaal durch eine weitgeöffnete Glastür hinaus auf ein geradezu paradiesisches Bild: Wie in einem Werbespot fliegen im Innenhof Seifenblasen durch die Luft, Schwangere, Mütter, Väter, Kinder sind ins Spiel oder ins Gespräch vertieft, einige liegen auf der Wiese und schlafen. Die Atmosphäre hat etwas Utopisches: So also könnte sich eine Gesellschaft anfühlen, in der Kinder ganz selbstverständlich mit dazugehören und nicht als Störfaktor wahrgenommen werden – der Traum von der gelebten Vereinbarkeit.

          Überall an den Bänken sind an diesem sonnigen Tag im Mai Trauben gasgefüllter Ballons festgemacht, die den perfekten Hintergrund bilden für zahllose Selfies und Stimmungsbilder auf Facebook, Twitter, Pinterest und Instagram, mit denen die Blogger im Laufe des Tages ihre hungrigen Leser füttern. „Instagram setzt mich immer so unter Druck“, jammert eine Frau im Vorbeigehen, während sie hinzu eilt, um ein paar Kolleginnen vor den Ballons zu fotografieren, denn was zählt, ist regelmäßiger Content, das schafft Reichweite und die meisten Klicks.

          Idealismus und knallhartes Geschäft

          Die Szenerie im Innenhof eines Berliner Tagungszentrums ist kennzeichnend für die Konferenz, die sich anfühlt wie ein großes Klassentreffen. Mit viel Idealismus und Engagement haben hier einige das Realität werden lassen, was sie sich für die gesamte Gesellschaft wünschen. Für die Dauer der Konferenz ist eine Kinderbetreuung organisiert, und auch wenn überall Kinder herumkrabbeln und hin und wieder jammern oder schreien, gibt es niemanden, der darüber ein böses Wort verliert.

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          Doch gleichzeitig ist das Ganze ein knallhartes Geschäft. In einem Showroom präsentieren sich die Sponsoren. Von Tragehilfen über Spielzeug und Waldorfschulen bis zu Computerspielen ist alles dabei, was im Alltag von Eltern eine Rolle spielt. Denn seit Eltern als zahlungskräftige Zielgruppe entdeckt worden sind, werden Elternblogger als Multiplikatoren und Werbeplattform von den Firmen umworben. Blogs werden immer wichtiger für die Kaufentscheidung bei Eltern. Das wissen auch Spielzeughersteller oder Anbieter von Kinderkleidung und Möbeln für den Nachwuchs. Die Leser schätzen das Gespür der Blogger für Trends und halten sie für glaubwürdig. Und schon hält das Thema Konkurrenz und Wettbewerb Einzug in die solidarische Bloggergemeinschaft beim Kampf um die besten Deals.

          Unterschiedliche Familienleben zeigen

          Elternblogs, so das Klischee, berichten von Experimenten mit Stoffwindeln und davon, wie man essbare Knete selbst macht. Die Bloggermuttis ziehen sich aus der Arbeitswelt ins Private zurück und machen sich selbständig, indem sie Selbstgebasteltes in Dawanda-Shops verkaufen. Sie inszenieren ihr Familienleben pastellfarben auf Instagram, und in den Kommentarspalten zerfleischen sich die Übermuttis dann gegenseitig und hauen sich ihre überzogenen Perfektionsansprüche um die Ohren. Und die Follower konsumieren die Blogs wie Serien und können gar nicht genug bekommen von den Einblicken in das schön inszenierte Leben der anderen.

          Die Journalistin, Bloggerin und dreifache Mutter Nora Imlau zeichnet ein ganz anderes Bild. Sie entdeckt in den Elternblogs gesellschaftsveränderndes Potential. „Auf euren Blogs zeigt ihr, wie unterschiedlich Familienleben in Deutschland aussehen kann!“, ruft sie bei ihrem Vortrag in den vollbesetzten Saal. Auf rund 2000 Blogs mit ganz unterschiedlichen Profilen können sich in Deutschland Eltern inzwischen zu allen möglichen Themen rund ums Kinderkriegen und Kinderhaben informieren.

          Tabuthemen werden angesprochen

          „Meine Großmutter hatte nur ein einziges Buch“, sagt Imlau, „und das war auch noch das menschenverachtende ,Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind‘. Wir heute haben durch die Elternblogs eine Vielzahl von Stimmen, die uns verschiedene Ansichten und Handlungsoptionen vorstellen und uns damit überhaupt erst die Freiheit geben, uns zwischen verschiedenen Möglichkeiten zu entscheiden.“ Eine direkte Folge davon sei, dass Eltern jetzt auch in eher ländlichen Gegenden nach sanfteren Varianten der Kita-Eingewöhnung verlangten oder die Umstände einer Geburt aktiv mitgestalten wollen. „Ein Arzt sagte mir: ,Die Blogs machen unsere Eltern rebellisch!‘, und ich sage: Gut so!“

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