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Elsaß : Webschnuffler

  • -Aktualisiert am

Dem Elsaß eine Stimme geben Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Bill Gates schwingt sich zum Retter der Regionalsprachen auf: Von 2007 wird es die zu Microsoft Office gehörenden Programme in 100 Sprachen geben. Der 84jährige Raymond Matzen erfindet die passenden Begriffe fürs Elsässische.

          Für den Professor ist es ein Abenteuer. Der Mann, der Microsoft Office in den elsässischen Dialekt übertragen wird, hat die Zwanzig längst hinter sich gelassen. Und doch hoffen Raymond Matzen, 84 Jahre alt, und seine Mitarbeiter, ihre Regionalsprache mit Hilfe des Computers vor dem Aussterben zu bewahren.

          Bill Gates schwingt sich zum Retter der Regionalsprachen auf: Von 2007 wird es die zu Microsoft Office gehörenden Programme in 100 Sprachen geben, darunter auch diverse Regionalsprachen. Für das Pilotprojekt, das nicht kommerziellen Interessen dient, hat Microsoft Frankreich Kontakte ins Elsaß aufgenommen.

          Wem nützt das, wer wird es nutzen?

          Elsässisch - man staune - ist vor dem Bretonischen die am meisten gesprochene Regionalsprache Frankreichs. Zwar sind die Klagen über das Verschwinden des alemannischen Dialekts links des Rheins nicht unterzukriegen. Doch die Elsässer haben sich offenbar besser als andere Regionen gegenüber der repressiven Sprachpolitik Frankreichs behauptet. Wer so motiviert ist, der bietet sich als Partner an, dachte sich deshalb der Softwareriese.

          Zweitausendfünfhundert Wörter hat Raymond Matzen, emeritierter Professor für Dialektologie und die Koryphäe der elsässischen Sprachforschung, schon übertragen. 50.000 sollen es einmal werden, so viele, wie es für das Verstehen der Software braucht. Doch: Wem nützt das, und wer wird es nutzen? Elsässer der Seniorengeneration, für die ein Computer ein unbewohnter Planet ist und die sich erst recht mit der französischen Hochsprache schwertun? 35 Prozent der 1,8 Millionen Elsässer sprechen in ihrem Alltag noch die Regionalsprache, 60 Prozent beherrschen sie nach eigenen Angaben theoretisch. Mit abnehmendem Alter sinken diese Zahlen jedoch auf unter 40 Prozent.

          Die „Einzelheite ninbebbe“

          Für Microsoft sei das Projekt eine Weltpremiere, sagte Eric Boussouller, Frankreich-Chef des Softwareentwicklers, bei der Vorstellung des Projektes in Straßburg. Adrien Zeller, Präsident der Region Elsaß und Microsofts Partner auf der politischen Ebene, freute sich über dessen Bekenntnis zur Sprachenvielfalt. Mit der elsässischen Adaption des Programms werde die Barriere zwischen Lokalem und Globalem durchbrochen und die Regionalkultur aufgewertet.

          Vielleicht hilft Bill Gates ja mit, den Dialekt ein wenig zu verjüngen. Matzen nämlich hat sich bemüht, nicht einfach nur die in der deutschen Version gebräuchlichen Anglizismen zu übernehmen und ihre Aussprache anzupassen. Neologismen des Dialekts hat er sich ausgedacht. Charmant ist das, originell. Aus "Webbrowser" hat er "Webschnuffler" gemacht. Die ersten Wortproben zeigen: Matzen bereitet eine alemannische Office-Version vor, die überall am Oberrhein verstanden werden dürfte. Wo im Französischen "details" steht, schlägt der Professor "Einzelheite" vor, "coller" (einfügen) heißt nun "ninbebbe".

          Mehr als eine Spielerei?

          Im Konkreten wird das Programm zweisprachig sein. In einer französischen Version erscheinen dann in den Textblasen neben dem Mauszeiger die elsässischen Entsprechungen, die nach der Vorarbeit Matzens Wissenschaftler am Straßburger Institut für Dialektologie ausarbeiten werden. Mit einem kleinen Budget von 5000 Euro sollen sie anfangen, das nach Bedarf aufgestockt werden wird. Ob das Ergebnis, das im kommenden Jahr kostenlos als Zusatzversion zum herkömmlichen Office herunter geladen werden kann, zu mehr als einer Spielerei oder als Inventar eines Museums taugt? Das Vorhaben als solches jedenfalls ist Balsam auf die Seelen der Verfechter des Dialekts im Elsaß.

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