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Elisabeth II. Auf dass sie lange herrsche

05.02.2012 ·  An diesem Montag feiert Elisabeth II. ihr diamantenes Thronjubiläum. Vor 60 Jahren trat die Königin mit nur 25 Jahren die Nachfolge ihres Vaters an. „God save the Queen“.

Von Johannes Leithäuser, London
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© dpa Nach einer prunkvollen Krönungszeremonie winken Königin Elisabeth II. und ihr Mann Prinz Philip, Herzog von Edinburgh, am 2. Juni 1953 vom Balkon des Buckingham Palast.

Am Montag um zwölf Uhr hallen 41 Kanonenschüsse durch den Hyde Park, erschrecken die Spatzen, verwundern die Spaziergänger, mischen sich schon am Zaun des Parks mit dem Verkehrsrauschen der umliegenden Straßen. Am Buckingham Palace, südöstlich von Hyde Park Corner gelegen, sind die Kanonen der „King’s Troop Royal Horse Artillery“ kaum noch zu hören. Elisabeth II., der dieser königliche Salut gilt, wird sie ohnehin nicht vernehmen, denn sie hält sich noch, wie jedes Jahr bis in den Februar hinein, auf Schloss Sandringham auf, dem Winterwohnsitz der Familie.

Die Schüsse im Hyde Park markieren den offiziellen Beginn des stolzesten Jubiläums der Königin: des sechzigsten Jahrs ihrer Regentschaft. Das Ankerdatum aber ist ihr kein Grund zum Feiern. Denn der Accession Day, der Antrittstag, markiert für Elisabeth II. zuallererst den Sterbetag ihres Vaters. Immer ist der 6. Februar in der königlichen Familie stärker dem leisen Andenken an ihn, Georg VI., gewidmet gewesen, als stolzer Freude über den Anfang der eigenen Regierungszeit.

Mit 25 Jahren schon Königin

Auch Georg VI. hielt es, wie schon seine Eltern und Großeltern, so, dass er die ersten Winterwochen im neuen Jahr auf dem Landsitz in Norfolk verbrachte, möglichst privat, im Kreis seiner Familie. Im Winter des Jahres 1952 unterbrach er die Ruhe, die zugleich Rekonvaleszenz von einer schweren Lungenoperation war, für einen Tag, um sich Ende Januar auf dem Londoner Flughafen Heathrow von seiner Tochter zu verabschieden. Die 25 Jahre alte Prinzessin Elisabeth brach mit ihrem Mann Philip zu einer Commonwealth-Tour auf, einer Rundreise durch mehrere Länder, die zum Empire gehörten oder gehört hatten und jetzt nach ihrem eigenen Schicksal trachteten. Der König stand einsam auf dem Rollfeld und winkte seiner Tochter nach. Oft wurde später gemutmaßt, es sei ihm bewusst gewesen, dass er sie nicht mehr wiedersehen werde. In der Szene, in schwarzweiß von der Wochenschau festgehalten, erscheint der kranke König wie ein Sinnbild des erschöpften Königreichs, das sechs Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges noch immer unter den Kosten des Sieges litt.

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© dpa Prinzessin Elisabeth mit ihrer Mutter Königin Elisabeth am 12. Mai 1937 in London

Es verleiht dem Thronwechsel einen mythischen Zug, dass Elisabeth die Nachricht von ihrem Regierungsantritt in Kenia erfuhr, auf Safari im Aberdare-Nationalpark, in einer Unterkunft namens Sagana Lodge, Außenposten eines gewissen „Baumwipfel-Hotels“. Die Prinzessin war nachts auf Pirsch gewesen, um eine Elefantenherde zu beobachten, hatte am Morgen den Sonnenaufgang vom Balkon aus beobachtet, wobei ein Adler auffiel, der über ihr kreiste. Commander Parker, der Sekretär Prinz Philips, sagte später, er habe Angst gehabt, der Vogel könne sich auf die Beobachter stürzen. Es müsse etwa der Moment gewesen sein, in dem auf Sandringham der König starb.

Seine Tochter erfuhr erst am Nachmittag dieses Tages, des 6. Februar, davon. Die Nachricht war zwar morgens in die britische Residenz in Nairobi gekabelt worden, doch konnte sie nicht entschlüsselt werden, da der britische Gouverneur in Kenia schon nach Mombasa unterwegs war, von wo aus die Prinzessin am nächsten Morgen weiterreisen sollte, und den Chiffrierschlüssel bei sich trug. Statt nach Australien flog die junge Königin am nächsten Tag nach London zurück. Auf die Frage ihres Privatsekretärs Major Charteris, welchen Namen sie als Monarchin wählen wolle, entgegnete sie gefasst und knapp: „Meinen eigenen natürlich.“ (Ihr Vater hatte sich bei seinem Antritt von seinem Taufnamen Albert getrennt.)

Vergleiche mit anderen Regentschaften

Der Moment, an dem die Königin ihr trauerndes Königreich betrat, ist ebenfalls in Bildern zu besichtigen: Sie steigt, den Fotografen zugewandt, im schwarzen Mantel die Gangway hinunter, den Mitgliedern ihres Kronrates entgegen, die unten aufgereiht stehen: Churchill, damals zum zweiten Mal Premierminister, sein Labour-Vorgänger Attlee, Außenminister Eden. Elisabeth hält ihnen das blasse junge Gesicht einer neuen Zeit entgegen. Attlee wird einige Tage später in einer Unterhausrede große Hoffnungen mit der Erinnerung an das Zeitalter der ersten britischen Königin jenes Namens verknüpfen: „Lasst uns hoffen, dass wir den Beginn einer neuen Elisabethanischen Ära erleben, nicht weniger berühmt, als es die erste war.“

In der Rückschau lässt sich die Regierungszeit Elisabeths II. eher mit der anderen großen Monarchin auf dem englischen Thron vergleichen - mit Queen Victoria. Nicht nur wegen der schieren Dauer ihrer Regentschaft, sondern auch wegen der identitätsstiftenden Funktion der beiden für ihre Nation. Victoria, deren Regierungs-Ära sich über 63 Jahre und 216 Tage spannte, wurde zum Inbegriff des britischen Macht- und Fortschrittsglaubens in der Zeit des Empires, sie war als „Kaiserin von Indien“ die Galionsfigur des Imperialismus. Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als habe Elisabeth II. dem Niedergang jenes Imperiums zugesehen, dessen Aufstieg Victoria einst beglaubigte. Aber das täuscht. Schon seit jener Antrittsreise, die des Thronwechsels wegen abgebrochen werden musste (und die Elisabeth als Königin ein Jahr später entlang der ursprünglichen Route vollendete), lag ihr das Commonwealth als aktives Erbe des Empire am Herzen.

Eine globale Persönlichkeit

Als politische Institution spielt das Commonwealth zwar keine gewichtige Rolle mehr in der Welt. Aber das kann kaum der Verantwortung seines Oberhauptes zugeschoben werden - eher schon den Regierungen in den Mitgliedsländern. Immerhin ist es als globales Nord-Süd-Forum attraktiv genug, dass immer mehr Kandidatenländer den Kreis der gegenwärtig 54 Mitgliedstaaten vergrößern wollen (unter anderem Algerien, Sudan und Jemen). 15 Commonwealth-Länder respektieren überdies, von Großbritannien abgesehen, die Königin zusätzlich direkt als ihr Staatsoberhaupt, die größten sind Kanada, Australien und Neuseeland, vor Jamaika und einem Dutzend weiterer Inseln in der Karibik und der Südsee.

Die zweifache internationale Aufgabe als Staatsoberhaupt in vielen Ländern und als internationale Schirmherrin ließ die Königin selbst zu einer globalen Persönlichkeit werden. Anders als in den Jahren ihres silbernen und goldenen Thronjubiläums, 1977 und 2002, wird Elisabeth II. in diesem Jahr nicht selbst ihre anderen Reiche besuchen. Sie schickt ihre Kinder und Enkel. Thronfolger Charles tourt mit Camilla durch die großen Staaten, sein älterer Sohn William fliegt mit Catherine in die Südsee, dessen Bruder Harry darf nach Mittelamerika - und hat in spitzbübischer Vorfreude wissen lassen, er werde in Jamaika mit dem Hundert-Meter-Weltrekordler Usain Bolt ein Freundschaftsrennen veranstalten.

„God save the Queen“

Dass die Königin ihre Familie als eine Art monarchisches Kollektiv begreift, erlaubt wiederum Vergleiche zu Victoria. Die war zwar durch den frühen Tod ihres Prinzgemahls Albert lange in tiefer Trauer gefesselt, aber doch mit einem Familiensinn ausgestattet, der über dynastische Interessen weit hinausging. Auch hier folgt auf die Vergleichbarkeit der krasse Gegensatz: Elisabeth behielt zwar bei der Wahl der Lebenspartner ihrer Kinder und Enkel ein formelles Zustimmungsrecht, die aristokratischen Maßstäbe aber sind schon lange verloren. Wo einst das private Glück kein ausschlaggebendes Kriterium für den Erfolg einer royalen Ehe war, zählt es nun ausschließlich - und zwar täglich vor einem Massenpublikum ausgestellt.

Doch trotz der vielen Schicksalsstürme (wozu nicht nur Affären und Scheidungen zählten, sondern auch das tödliche Attentat auf Louis Mountbatten, den Onkel Prinz Philips) ist die Funktion der königlichen „Firma“ doch intakt geblieben, auch wenn ihre Chefin Elisabeth mittlerweile allmählich aus dem Sessel des aktiven Vorstands in die Rolle einer Aufsichtsratsvorsitzenden überwechselt. Churchill beschrieb zum Thronantritt der Königin in dramatischen Worten den Schauer, der ihn beim Anstimmen des neuen Textes der Nationalhymne befalle, jener Zeile, die er seit den viktorianischen Tagen einer unbeschwerten Jugend nicht mehr gehört habe: „God save the Queen“. Diese Fürbitte ist seither in Erfüllung gegangen, so wie die meisten anderen Gebete des kurzen Textes, die Hoffnung auf Sieg, Glück und Glanz versammeln, vor der Hoffnung „long to reign over us“. Auf dass sie lange herrschen möge.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in London.

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