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Eisdielen-Streit : Die Spitze des Prenzlbergs

Der Andrang ist zu groß, das Eis muss teurer werden. Niko Robert in seiner Eisdiele Hokey Pokey Bild: Matthias Lüdecke

Niko Roberts ist mit seinem Eis so erfolgreich, dass sich täglich Menschentrauben vor seiner Eisdiele versammeln. Die Nachbarn murren. Und Roberts sieht nur ein Mittel, den Andrang zu dämpfen: mit höheren Preise.

          Um das gleich vorweg zu nehmen: Niko Robert ist kein Schwabe. Obwohl er diesen Winter Elternzeit genommen und hauptberuflich einen Kinderwagen kreuz und quer durch Prenzlauer Berg geschoben hat, ist er naturgemäß keine Latte-Macchiato-Mutter. Und die Kategorien Ossi und Wessi spielen bei einem Zweiunddreißigjährigen, der schon in Spanien, Holland, Irland und der Schweiz gearbeitet hat, sowieso nicht die Rolle. Niko Robert stammt aus dem Westmünsterland und hat Koch gelernt.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und doch steht der große Blonde mit dem freundlichen Lächeln nun im Zentrum der neuesten Episode über die Wandlungsprozesse in einem Bezirk, der zwischen Szene und Spießertum um sein Selbstverständnis ringt. Die entscheidenden Fragen lauten diesmal: Wie erfolgreich darf man eigentlich sein? Wie neidisch, wie gierig? Wie viel Rücksicht ist im Zusammenleben angebracht? Und, um das ewige Grundthema der Gentrifizierungsdebatte zu bemühen: Wem gehört die Stadt oder, in diesem Fall, der Bürgersteig?

          „Hokey Pokey““ heißt die Eisdiele, die Niko Robert vor knapp drei Jahren an der Stargarder Straße eröffnet hat, benannt nach Neuseelands beliebtester Eissorte mit echter Vanille und klebrigem Karamell nach einem Rezept aus der Zeit um 1920. Vermutlich ist der Laden kleiner als die Badezimmer in den ausgebauten Dachgeschosswohnungen, über die man sich im Kiez in den vergangenen Jahren so gerne aufgeregt hat. Aber mit dem Dielenboden, der jede Saison neu abgeschliffen wird, und dem goldbemalten Stuck wirkt „Hokey Pokey“ tatsächlich selbst wie ein funkelndes Juwel.

          Indische Mango, Zimt-Zitrone, Rocky Road

          Die Eissorten heißen Indische Mango, Banane-Peanutbutter und Zimt-Zitrone. Rocky Road enthält Pekan- und Paranüsse, Schokolade und Marshmallows. Im Pistazieneis stecken anstelle von grünem Farbstoff und Bittermandelaroma bergeweise sizilianische Pistazien. Das Himbeersorbet wird so auch im Ritz-Carlton serviert. „Klein, schön und auf allerhöchsten Niveau“, formuliert der Patissier sein Konzept. Nur von „klein“ kann längst nicht mehr die Rede sein. Schon im vergangenen Jahr war aus dem Geheimtipp von 2011 eine angesagte Adresse geworden, Wartezeiten inklusive. In den ersten warmen Frühlingswochen dieses Jahres nun habe sich der Andrang noch einmal verdoppelt, berichtet Robert.

          Jedenfalls muss es regelmäßig zu einer Art Fußverkehrsinfarkt gekommen sein. Die Schlange der angehenden Eiskäufer bildete eine Traube, bog sich dann den Gehweg entlang und endete gerne erst vor dem übernächsten Laden. Derweil belagerten die erfolgreichen Eiskäufer mit ihren Hörnchen und Bechern die wenigen Bänke entlang der Straße oder standen schleckend herum. Dazu kamen die geparkten Zwillingskinderwagen, Lastfahrräder und Laufräder, die der typische Prenzlberger zwischen Kitaschluss und Spielplatzaufenthalt so mit sich führt. Wer einfach nur durch wollte, steckte im Stau.

          Verbotsschilder mit durchgestrichenen Eistütchen

          Spätestens jetzt war es der Nachbarin zwei Geschäfte weiter zu viel. Mehrfach soll die Betreiberin eines Cafés, die für die Presse nicht zu sprechen ist, aber offenbar zu den ersten gehörte, die am einstmals unbelebten Nordrand des Kiezes Focaccia und Pasta anboten, mit den Wartenden in der Eisschlange in Streit geraten sein. Im vergangenen Jahr noch, erzählt Niko Robert, habe er ihr auf erste Beschwerden hin einen Blumenstrauß vorbeigebracht. Jetzt habe die Frau auf offener Straße um sich geschrien, Kraftausdrücke benutzt und ihm mit Anzeigen gedroht.

          Offenbar sorgt sich die Cafébetreiberin um den Umsatz, weil die Kunden von „Hokey Pokey“ ihre Kundschaft vertreiben - sei es, weil sie den Zugang versperren, die Sicht verstellen oder den Ausblick von den Straßentischen erschweren. Der Nachbar auf der anderen Seite, der „1001 Falafel“ verkauft, hat Verbotsschilder mit durchgestrichenen Eistütchen auf seine Biertischgarnituren geklebt. Abdel Muhdi ist ein besonnener, geschäftstüchtiger Mann. Er nennt Niko Robert eine Bereicherung für die Straße. „Er ist ein Netter“, sagt Muhdi, „ich liebe sein Eis.“ Trotzdem kann er die Empörung der Cafébetreiberin verstehen. „Der Eisladen macht Geschäfte. Aber rechts und links davon kann man nicht mehr arbeiten.“

          Jetzt hat Niko Robert reagiert. Erst ließ er seine Kunden drei Tage vor verschlossener Türe stehen. Seit dem Wochenende nun kleben an den Glastüren des „Hokey Pokey“ große Plakate, die eine Preiserhöhung verkünden - um Kunden zu vergraulen. Schlimmstenfalls hätte sonst eine Schließung durch das Ordnungsamt gedroht. Eine Kugel Eis, die bis dahin für 1,20 Euro verkauft wurde, kostet jetzt 1,60 Euro. Im Eisladen schräg gegenüber, wo sich im Sommer ebenfalls stets eine Warteschlage bildet, zahlt man 90 Cent. Hätten Marketing-Strategen so etwas zu erfinden gewagt? Preiserhöhungen, die gewissermaßen aus Solidarität mit dem Luxuseisladen gerne mitgetragen werden?

          Niko Robert winkt ab. „Das Ziel ist nicht, hier möglichst viel Geld zu verdienen“, behauptet er und weist auf die teuren Zutaten hin. Allein die krasse Lage habe ihn zu seinem Schritt gezwungen. Aber das scheint übertrieben. „Die Beschwerdelage ist äußerst übersichtlich“, sagt der für das Ordnungsamt zuständige Bezirksstadtrat Torsten Kühne. Im Bötzowviertel, rund um den Kollwitzplatz und am Helmholtzplatz, wo die Menschen bis abends spät in den Kneipen säßen, gebe es regelmäßig mehr Ärger - wegen Lärmbelästigung.

          Der CDU-Mann kennt die üblichen Querelen, die mit den Wandlungen seines Stadtbezirks einhergehen: Da ziehen Leute zu, gerade weil sie auf das Flair der Gegend hoffen, und sind dann überrascht, dass damit auch ein gewisser Geräuschpegel verbunden ist. Beschwerden wegen „zu vieler Kunden“ jedoch, sagt Kühne, habe man so noch nicht gehabt. Er stellt klar: „Gehwege sind ja da für die öffentliche Nutzung. Wenn sie normal genutzt werden, muss das akzeptiert werden.“

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