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Einsturz des Kölner Stadtarchivs : „Eine Walze ist über uns gerollt“

Fünf Jahre danach: Die Einsturzstelle des Kölner Stadtarchivs Bild: dpa

Als vor fünf Jahren das Kölner Stadtarchiv einstürzte, konnte sich Alfred Kotthoff in letzter Sekunde retten. Seitdem ist nichts mehr, wie es war.

          „Als ob riesige Brocken Putz von den Wänden auf den Boden krachen, so hat sich das angehört“, sagt Alfred Kotthoff. „Ein Donnern, das immer stärker, immer lauter wurde.“ Der Rentner, damals 70 Jahre alt, hatte sich gerade kurz zu Mittag hingelegt. Er schreckte hoch, fand im Treppenhaus keine Veränderungen, auch nicht auf der Terrasse, von der aus er die hintere Hausfassade anschaute. Doch als er ins Wohnzimmer lief und das Fenster zur Severinstraße aufriss, sah er, wie mehrere der dicken Platten, die als Fahrbahn auf der Baugrube gelegen hatten, 30 Meter in die Tiefe stürzten: „Da war mir klar, dass in den nächsten Sekunden etwas ganz Furchtbares passieren wird. Ich nahm keine Geräusche mehr wahr, der Gedanke ‚Nichts wie raus hier’ trieb mich auf die Terrasse.“

          Alfred Kotthoff ist mit dem Leben davon gekommen. Während neben ihm das Kölner Stadtarchiv in die Tiefe gerissen wurde und in dem Nachbarhaus, Severinstraße 230, in dessen zweitem Stock er mit seiner Lebensgefährtin eine Vier-Zimmer-Wohnung bewohnte, zwei junge Männer, der 17 Jahre alte Kevin und der sechs Jahre ältere Khalil, unter den Trümmern begraben wurden, konnte er sich im letzten Moment in Sicherheit bringen. Über das Geländer der Terrasse kletterte er auf das Flachdach des Anbaus. „Auf der hintersten Ecke hab’ ich mich so klein wie möglich gemacht, mir aus Angst vor Asbeststaub Mund und Nase zugehalten und dem einstürzenden Gebäude den Rücken zugekehrt. Ich war wie paralysiert. Ich traute mich nicht, mich zu bewegen, ich konnte in der riesigen Staubwolke nicht erkennen, ob mich die Brocken treffen. In meiner Todesangst beschäftigte mich nur, ob ich vom Dach herunterspringen muss oder mir jemand zu Hilfe kommt.“

          Vielleicht zehn Minuten saß er da. Im Hof des von der Georgstraße angrenzenden Hauses erschien ein Feuerwehrmann: „,Holen Sie mich runter?’, hab ich gerufen. ,Ich kumm glich’, rief er auf Kölsch – und ward nicht mehr gesehen.“ Es dauerte noch mal zehn Minuten, bis Kotthoff gerettet wurde: „Ein Mann drei Häuser weiter sah mich von seinem Balkon aus und ist dann mit zwei jungen Türken gekommen, die haben mir runter geholfen.“

          Ein einsamer Zeuge des verlorenen Hausstandes

          Fast scheint es, als hätte Kotthoff etwas geahnt an jenem Dienstag, dem 3. März 2009. Seit dem Mittag hatte er sich unwohl gefühlt und um 13.40 Uhr die Massage, für die er um 14 Uhr bestellt war, abgesagt. Ein richtiges Gefühl und eine falsche Entscheidung, denn wäre er damals, statt sich hinzulegen, spazieren gegangen, hätte er zwar auch alles, was er nicht am Körper trug, verloren, doch die Traumatisierung wäre weniger schlimm gewesen. Glimpflich ist auch seine Lebensgefährtin nicht davon gekommen, die zur gleichen Zeit vom Berufskolleg an der Lindenstraße, wo sie Deutsch und katholische Religion unterrichtet, nach Hause radelte. „Es war eine große Unruhe in der Stadt, überall Blaulicht und Sirenen“, erinnert sie sich, doch erst als sie sich über Umwege an den Georgsplatz vorgearbeitet hatte, hörte sie, was passiert war: „Ich hab die Nachbarn gesehen, die auf der Straße standen. Juliane, die Mitarbeiterin von St. Georg, hat mich umarmt. Das war ein Festhalten, wie um mich aufzufangen vor dem Zusammenbrechen. Mein Mann hat sich wie ein Stück Holz angefühlt, der war ganz steif, kreidebleich und zu keiner Regung fähig.“

          Die Sache will nicht aus ihm heraus: Alfred Kotthoff mit der aus den Trümmern geretteten Büste seines Großvaters Clemens

          „Unglaube, Hoffnung, dass man die Wohnung in ein paar Stunden wieder betreten kann, Verzweiflung, ungeheures Verlustgefühl, Verlassenheit, Hilflosigkeit, eine Walze ist über uns gerollt“, hat die Lehrerin zum 3. März 2009 in ihrem Tagebuch notiert: „Fast schlaflose Nacht im kalten Pfarrhaus!“ Von Angst, Unsicherheit, Hetze berichten ihre Einträge. Den Verlust der Wohnung, die mehr als 20 Jahre ihr Zuhause war, empfand sie als Stress, als eine einzige Strapaze. „Wir brauchen Ruhe und können nicht ständig die schreckliche Geschichte erzählen“, schreibt sie, aber auch, schon am 6. März, mit Blick auf die Archivalien: „Schade, dass wir keine Urkunde sind.“

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