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Eine ungewöhnliche Karriere Vom Kampfanzug in die Kutte

Frank Beha war Zeitsoldat. Bei der Bundeswehr fand er zum Glauben, sein Einsatz in Afghanistan hat ihn weiter bestärkt. Heute lebt er als Bruder Longinus im Kloster.

© Jockisch, Anna Vergrößern Herr der 1000 Glühbirnen: Bruder Longinus arbeitet im Kloster in seinem alten Lehrberuf als Elektriker

Kloster Beuron leuchtet aus Felsklippen und dichtem Fichtenwald, die Sonne strahlt. Bruder Longinus, der junge Mönch, kann sich noch gut an seine ersten Tage hier erinnern. Es war im Jahr 2003. Da hieß er noch Frank Beha und war Zeitsoldat der Bundeswehr. Für eine Woche nahm er am Klosterleben der Benediktiner teil: Soldatenexerzitien. Nicht im Traum dachte er daran, dass er zwei Jahre später die schwarze Kutte tragen würde. „Damals waren das für mich nur Ferien.“

Beha wuchs behütet in einer katholischen Familie auf einem badischen Bauernhof auf. Als Kind konnte er mit der Kirche noch etwas anfangen. Der sonntägliche Kirchgang gehörte zum Familienleben. Als Jugendlicher habe er andere Sachen im Kopf gehabt: „Wenn ich einmal im Jahr, an Weihnachten, in die Kirche gegangen bin, dann war das schon viel.“

Sein Eintritt in die Bundeswehr sollte das Blatt wenden. Ein junger Militärpfarrer weckte in ihm die Begeisterung für den Glauben wieder. „Er hat Religion flüssig und frisch vermittelt. Er war einer von uns, hat im Militärjargon geredet und auch mal ein Witzle gemacht.“ Die Soldatenwallfahrt nach Lourdes wurde zu einem Schlüsselerlebnis, das Gemeinschaftsgefühl unter den Soldaten aus aller Welt, die sich in dem Wallfahrtsort treffen, faszinierte ihn. „Mein schleichender Weg zum Glauben begann.“ Die nächste Pilgerfahrt nach Lourdes trat er schon an, weil er merkte, dass ihm Beten hilft.

Inspiration aus Afghanistan

Dreieinhalb Jahre später hat er genug überlegt. „Ich wusste, dass ich meinen Glauben leben möchte. Doch draußen funktioniert das nicht, weil mir dazu die Zeit fehlt.“ Nach seinen fünf Jahren als Zeitsoldat fiel seine Wahl auf die Benediktinerabtei Beuron im Landkreis Sigmaringen. Viele meinten: „Mach das nur, das passt zu dir.“ Nur die Mutter konnte die Entscheidung ihres einzigen Sohnes nicht verstehen. Inzwischen freue sie sich aber, dass er etwas Erfüllendes gefunden habe, sagt Bruder Longinus. In der restlichen Zeit als Soldat wurde er mit seinem Entschluss zur Rarität in der Truppe.

Sein letzter Auslandseinsatz in Afghanistan zeigte ihm vollends, wie wichtig der Glaube in seinem Leben ist. Auch die Religiosität der Muslime erfuhr er als Inspiration. Die Kraft, die sie aus ihrem Gottvertrauen schöpfen, begeisterte ihn. „Das hat mich bestärkt, auch meinen Glauben ein wengle stärker zu leben. Ich möchte offen zeigen: Hey, ich bin Christ, und das ist gut so“, sagt der Mönch mit seinem freundlichen badischen Tonfall. In Afghanistan hielten ihn nicht wenige einheimische Honoratioren für eine Art Stammesführer, wegen seines langen roten Bartes. Der Glaube half Beha auch gegen die Angst beim Einsatz in Afghanistan: Der Tod ist für ihn nicht das Ende des Lebens. Er ist auch heute noch dankbar dafür, dass er bei dem Einsatz nicht schießen und töten musste.

Frank Beha - Bruder Longinus im Schwarzwälder Kloster Beuron war  als Bundeswehrsoldat zu Kampfeinsätzen in Afghanistan stationiert, bevor er Mönch wurde. © Jockisch, Anna Vergrößern Das erste Leben: Frank Beha als Soldat im Afghanistan-Einsatz

Der Alltag bei der Bundeswehr und im Kloster sei manchmal gar nicht so verschieden, sagt Bruder Longinus. Feste Strukturen, Uniform, Gehorsam: „Wahrscheinlich ist es mir auch deshalb leichtgefallen, in ein Kloster einzutreten.“ Woher er sein Bedürfnis nach geschlossener Gemeinschaft mit festen Regeln komme, wisse er auch nicht. „Vielleicht liegt es an der Scheidung meiner Eltern.“ Das Erlebnis habe ihn als Achtjährigen fast aus der Bahn geworfen.

Seit 2006 trägt der Beha seinen Ordensnamen Longinus - nach dem römischen Centurio, der nach Jesu Tod dem Gekreuzigten die Seite mit der Lanze öffnete und später als Märtyrer starb. Ein wunderbar passender Name für einen Soldaten, der Mönch geworden ist.

Den Frühaufsteher stört es nicht, dass der Wecker jeden Morgen um halb fünf klingelt. Um fünf Uhr ist Morgenhore, das erste gemeinsame Gebet des Tages. Nach dem Frühstück folgt sogleich das zweite Gebet. Von acht Uhr an geht dann jeder Mönch seiner Arbeit nach. Bruder Longinus arbeitet weiter in seinem Lehrberuf. Er ist der Elektriker des Hauses, der Herr der tausend Glühbirnen. In seiner Werkstatt hat sich in der langen Geschichte des Klosters so manches angesammelt, eines der ersten Telefone etwa oder ein alter Zahntechnikerkoffer.

„Mir fehlt es wirklich an nichts“

Bruder Longinus kümmert sich auch um das klostereigene Wasserkraftwerk, das wenige Kilometer entfernt die Stromversorgung der Abtei-brüder garantiert. Es wird via Internet gesteuert. Arbeit und Lehrstunden der Mönche werden gegen 11.15 Uhr für das Hochamt und die darauffolgende Mittagshore unterbrochen. Danach gibt es im Speisesaal Mittagessen. Hier zeigt eine besondere Sitzordnung an, wie lange ein Bruder schon Teil des klösterlichen Lebens ist. Am Kopfende des U-förmigen Tisches sitzt der Erzabt des Klosters. Je näher ein Mönch dem Erzabt sitzt, desto länger ist er Teil der Gemeinschaft.

Der Nachmittag wird wieder für anfallende Arbeiten rund um das Kloster genutzt. Falls Not am Mann ist, hilft Bruder Longinus auch einmal im Gästetrakt des Klosters aus und unterstützt seine Brüder beim Reinigen und Säubern der Zimmer. Kurz vor dem Abendessen treffen sich die Benediktiner zur nächsten Gebetszeit, der Vesper. Zwischen dem Abendessen und dem letzten Gebet des Tages, dem Komplet, sitzen die Brüder in gemütlicher Runde zusammen. Sie nennen es Rekreation, eine Pause zwischen den Gebeten, in der sie über den vergangenen Tag plaudern können. Gegen 20 Uhr verabschieden sich die Mönche in ihre Zellen. Dort falle man nach einem langen Tag oft todmüde ins Bett, erzählt Bruder Longinus. Manchmal nutze er die frühe Nachtruhe aber auch, um noch zu lesen oder mit seinem MP3-Player Musik zu hören.

Er ist endlich angekommen in seinem Leben. Wenn es nach ihm ginge, bliebe er für immer in Beuron. „Mir fehlt es wirklich an nichts. Ich habe Kleidung, Essen und eine Unterkunft. Auch meine Familie kann ich regelmäßig sehen.“ Jeden Mittwoch kann er seinen Hobbys nachgehen, Schwimmen und Radfahren. Und manchmal steigt er auf sein altes Motorrad.

Quelle: F.A.Z.

 
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