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Eine Hundertjährige im Gespräch „Man wird alt und merkt es gar nicht“

Ein Leben mit 101 Jahren - wie führt sich das eigentlich? Gerta Scharffenorth, Teilnehmerin der „Zweiten Heidelberger Hundertjährigen-Studie“, kann stundenlang darüber erzählen.

© Lucia Schmidt Vergrößern Rüstig: Gerta Scharffenorth in ihrem Wohnzimmer in Heidelberg

Ihre Gäste schon an der Haustür zu begrüßen, lässt sich Gerta Scharffenorth nicht nehmen. Obwohl sie allen Grund dazu hätte, mit 101 Jahren in ihrem Sessel im Wohnzimmer sitzen zu bleiben, durch das große Fenster auf den blühenden Garten zu blicken und zu warten, bis ihre Pflegerin den Besuch ins Wohnzimmer bringt. Aber dies würde nicht zu ihrer Einstellung passen, dass man auch mit über hundert Jahren noch ein „relativ normales Leben in seinen Möglichkeiten“ führen sollte. Also kommt sie mit ihrem Rollator zur Tür geeilt, gerader Gang, perfekt sitzende Frisur, Perlenkette, graue Strickjacke. Mit ihren wachen blauen Augen und einer festen Stimme begrüßt sie den Gast und führt ihn an den großen Holztisch im Wohnzimmer. Auf dem Weg dorthin betrachtet der Besucher die alten Bilder an der Wand und stellt beiläufig die erste Frage.

Frau Scharffenorth, wie geht es Ihnen?

Wissen Sie, einer Hunderteinjährigen geht es jeden Tag ein bisschen anders, da weiß man nie, wie der nächste Tag wird. Aber mir geht es ganz gut heute, ich will nicht jammern. Sie sehen ja, ich stehe noch gut da.

Die meisten können sich gar nicht vorstellen, wie man sich überhaupt mit hundert Jahren fühlt.

Eigentlich versuche ich, in meinen Grenzen ein normales Leben zu führen, aber mit anderen Inhalten. Früher wollte man beispielsweise auf keinen Fall Zeit verlieren. In meinem Alter bekommt man ein anderes Verhältnis zur Zeit.

Vergeht die Zeit langsamer?

Sie vergeht im hohen Alter deutlich langsamer. Es gibt zwar Phasen, in denen ich mir auch noch denke, „Donnerwetter, jetzt ist schon wieder eine Woche vorbei“, häufiger sind jedoch die langsamen Phasen. Aber auch mit hundert Jahren hat man noch Zeitvorstellungen und -erwartungen. Wenn ich beispielsweise den Tag beginne, nehme ich mir Dinge vor, die ich erledigen will. Der große Unterschied zu früher allerdings ist: Was ich mir vornehme, kommt oft nicht zustande. Die Erwartungen, die man an sich selbst stellt, und was man dann wirklich schafft, gehen oft auseinander.

Seit welchem Alter empfinden Sie diese Divergenz?

Das kann ich nicht genau sagen. Das ist ein schleichender Prozess. Es ist für mich aber schon auffällig, dass seit meinem hundertsten Geburtstag vor eineinhalb Jahren alles noch ein bisschen langsamer geworden ist, dass man noch ein paar mehr Dinge vergisst. Ich habe ein Empfinden dafür, dass es nicht gleich bleibt, es sich aber auch nicht radikal verändert.

Wie sieht denn ein normaler Tagesablauf bei Ihnen aus?

Ich versuche mich an einen Rhythmus zu halten. Ich frühstücke um halb neun. Um halb eins gibt es Mittagessen, da hat sich nicht viel verändert. Das Auffällige ist, dass die Abende kürzer geworden sind. Nach fünf, sechs Uhr werde ich müde, da ist nicht mehr viel los. Zu diesen Zeiten versuche ich mir nicht mehr unbedingt große Gespräche oder Dinge vorzunehmen. Man muss im hohen Alter zwar noch Forderungen an sich stellen, aber man muss sich eben auch seiner Grenzen bewusst sein.

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