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Die Bahn und das Chaos : Ich kann nicht mehr, ich muss hier raus!

  • -Aktualisiert am

Wo ist es heißer, drinnen oder draußen? Bild: dpa

Der Mann will seinen Sohn besuchen. Die Bahnfahrt soll zweieinhalb Stunden dauern. Am Ende werden es acht. Ans Ziel kommt er trotzdem nicht. Über eine Bahnfahrt, auf der einfach alles schief ging.

          Herr Fleischer, Sie haben eine Bahnfahrt hinter sich, wie man sie nicht alle Tage erlebt.

          Ja. Ich bin jetzt 73 und habe so was in meinem ganzen Leben noch nicht gehabt.

          Wo wollten Sie hin?

          Von Kiel nach Vegesack, das gehört zu Bremen. Ich wollte meinen jüngsten Sohn besuchen, er feierte seinen 25. Geburtstag. Ich dachte, bei der Fahrt kann nicht viel schiefgehen. Aber ich kam ja nie an.

          Wie begann Ihre Reise?

          Es ging gleich schlecht los. Ich hatte einen ICE gebucht, mit dem ich bis Bremen durchfahren konnte. Der sollte mittags kurz nach halb eins abfahren. Meine Frau fuhr mich zum Bahnhof, dort kamen wir gegen zwölf an. Der Zug stand schon am Bahnsteig, ich stieg auch froh ein. Da kam die Durchsage, dass die Lok kaputt sei und sich unsere Abfahrt um zwanzig Minuten verzögere. Daraus wurden hundertzehn.

          Wie haben Sie sich die Wartezeit vertrieben?

          Ich bin ausgestiegen. Im Zug war die Klimaanlage aus, da war es unerträglich heiß. Am Bahnsteig waren es nur dreißig Grad, das ging besser. Da habe ich mich mit anderen Fahrgästen unterhalten: darüber, wem denn schon mal was passiert ist auf Bahnreisen. Plötzlich aber tat sich etwas: Einige Mitreisende berichteten, dass sie den Lokführer über die Gleise laufen gesehen hätten, mehrere hundert Meter, um die Lok zu holen und anzukoppeln. Als die Lok dran war, ging die Klimaanlage an. Deswegen sind wir wieder eingestiegen. Es gab keine Durchsage, aber plötzlich fuhr der Zug los.

          Wie war die Stimmung?

          Unter den Fahrgästen ganz gut. Immerhin fuhren wir. Beim Personal wohl schlechter. Bald nach Abfahrt kam eine Lautsprecherdurchsage: Ein Zugbegleiter teilte uns äußerst laut und ungehalten mit, wie stark wir verspätet seien, wie viel tausend Lokführer bei der Bahn fehlten, wie viele Überstunden alle machten, wie unzumutbar das sei und dass wir uns, wenn uns das störte, auf Stellenangebote der Bahn bewerben sollten. Er würde sich freuen.

          Haben Sie diesen Mann später auch gesehen, bei der Fahrkartenkontrolle oder so?

          Nein, ich habe an diesem ganzen Tag keinen Kontrolleur gesehen.

          Wie ging’s dann weiter?

          Kurz vor Elmshorn wurde der Zug langsamer. Da kam durch die Lautsprecher ein verzweifelter Aufschrei. Ich konnte es erst gar nicht zuordnen, es klang so weinerlich wie eine Frauenstimme. „Hilfe, ich kann nicht mehr, ich muss hier raus!“ Dann eine Durchsage vom Zugchef, ob Ärzte da seien. Später sagte der Zugchef durch, der Lokführer habe einen Schwächeanfall gehabt, wir würden jetzt noch versuchen, in den Bahnhof Elmshorn einzufahren. Das gelang auch.

          Wow.

          Am Bahnsteig gegenüber stand ein anderer ICE. Der Zugchef riet allen, die nach Hamburg müssten, da einzusteigen. Ich dachte, das würde mir helfen. Ich hätte von dort nach Bremen weiterfahren können. Darum stürzte ich raus aus meinem Zug und wollte in den anderen rein. Aber die Türen gingen nicht auf. Also zurück in den alten Zug, weiter warten.

          Zwischendurch transportierten Rettungssanitäter den Lokführer auf einer Liege an meinem Fenster vorbei. Dann stieg ein Schwung von Leuten ein, die auch eine Odyssee hinter sich hatten. Ein junger Mann erzählte mir, er sei morgens in Westerland losgefahren, aber mit einer Stunde Verspätung, weil die Lok kaputt war. Nun sei sein Zug liegengeblieben und man habe ihm geraten, in meinen Zug einzusteigen. Der lag ja aber auch lahm.

          Nichts für schwache Nerven.

          Ich war noch relativ gefasst. Ich dachte, dann komme ich halt zwei Stunden später, nicht so schlimm.

          Wie lange standen Sie in Elmshorn?

          Weiß ich nicht mehr genau, mindestens eine halbe Stunde. Dann ging es aber erst mal zügig weiter Richtung Hamburg. In Hamburg-Dammtor standen wir auch wieder eine Weile, da war noch ein Zug im Gleis. Aber schließlich fuhren wir am Hauptbahnhof ein. Sie können sich nicht vorstellen, was da los war. Menschenmassen, das reinste Chaos. Ich sah das erst mal nur durchs Fenster, denn ich wollte ja noch bis Bremen weiterfahren. Doch dann kam die Durchsage, dass wegen eines Unwetters der Zug umgeleitet werde und Fahrgäste Richtung Bremen aussteigen sollten.

          O Mann.

          Also ins Gewühl. Und dann hieß es plötzlich: Es fährt heute kein Zug mehr nach Bremen, wegen des Unwetters. Ja, dann stand ich da. Schnell war mir klar, dass hier für mich Ende war. Also dem Sohn und dem Hotel abgesagt. Jetzt musste ich irgendwie zurück nach Kiel.

          Und wie?

          Ich bin zu dem Bahnsteig, wo der Regionalexpress nach Kiel abfahren sollte. Menschen über Menschen. Als der Zug einfuhr, hatte ich Glück: Ich stand dicht an einer Tür. So kriegte ich einen Sitzplatz. Viele mussten stehen. Mit 25 Minuten Verspätung ging es los.

          Sagen Sie nicht, Sie kamen dann problemlos nach Hause.

          Natürlich nicht: Etwa 35 Kilometer vor Kiel, bei Neumünster, kam die Durchsage: Stromausfall. Da reichte es mir dann. Ich rief meine Frau an, damit sie mich mit dem Auto abholt.

          Das war die Rettung?

          Ja. Denn sie kam.

          Hatten Sie trotzdem noch einen schönen Abend?

          Naja. Um acht war ich zu Hause. Im Kühlschrank waren Kartoffelsalat und Würstchen. Und ich habe im schattigen Wohnzimmer einen Film geguckt und mich erholt.

          Ihre Lehre aus der Geschichte?

          Immer ruhig bleiben, alles andere bringt ja doch nichts. Und: Dieses Jahr will ich nicht mehr Bahn fahren.

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