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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ein Treffen mit Lady Gaga Die Monstermama höchstpersönlich

 ·  Im Schlosshotel nachts um halb zwei: Wer Lady Gaga treffen will, muss auf einiges gefasst sein. Jörg Thomann hat den bekanntesten Popstar unserer Tage getroffen - in Bergisch Gladbach.

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Irgendwann kommt eine Kollegin auf die Idee, dem Barkeeper die neue CD von Lady Gaga zu überreichen. Also hören wir, die wir sie noch immer nicht gesehen haben, wenigstens ihre Stimme: „I'm gonna marry the night“, hebt sie an. Unseren Segen hat sie, nur soll es, bitte schön, rasch gehen. Es ist ein Uhr morgens, ich stehe in der Kaminbar des Grandhotels Schloss Bensberg in Bergisch Gladbach und warte auf das Gespräch mit Lady Gaga.

Geplant war das ja eigentlich anders. Um 22.15 Uhr hatte Gaga die Journalisten empfangen sollen: eine ungewöhnliche Zeit für einen Pressetermin, doch mit dem Gewöhnlichen hat die Frau es ja nicht so. Auch mit Bergisch Gladbach hätte man sie nicht in Verbindung gebracht, dorther aber kommt Heidi Klum, und weil Lady Gaga im Finale von deren Topmodel-Show in Köln auftritt, logiert sie ein paar Kilometer weiter im Hotel Bensberg.

Es ist ein altehrwürdiges Barockschloss mit goldsamtenen Vorhängen selbst auf den Toiletten, in dem sich die Dame mit Hang zur modischen Opulenz wohlfühlen dürfte. Ein Dutzend Fans, von Gaga „kleine Monster“ genannt, hängt am Eingangstor und fotografiert in die leere Weite des Schlossgartens hinein.

Jesus dicht auf den Versen

Dabei ist Lady Gaga ein überaus heutiges Geschöpf, das sich dank perfekter Beherrschung der Markt- und Medienmechanismen binnen drei Jahren einen Ruhm erarbeitet hat, den gewaltige Zahlen verdeutlichen: 38 Millionen Fans bei Facebook, 10,9 Millionen Follower bei Twitter. Bei Google.com ist sie mit 569 Millionen Treffern ihrem Idol Jesus (648 Millionen) dicht auf den Fersen. Laut der Zeitschrift „Time“ zählt sie mit erst 25 Jahren als wichtigste Künstlerin zu den 100 einflussreichsten Menschen der Erde, bei „Forbes“ führt sie die „Celebrity 100“ an. Mit dieser mächtigen Frau bin ich nun zum „Round Table“ geladen, was ein wenig so klingt, als würde hier sogleich der Masterplan zur Rettung der Menschheit verhandelt.

Die Wahrheit ist profaner. Wer am runden Tisch Platz nimmt, hat in der frühsommerlichen Lady-Gaga-Lotterie nur einen Trostpreis gezogen. Die Zeit der First Lady des Showbiz ist knapp und kostbar, zwanzig Minuten hat sie für die Audienz eingeräumt, die ich mir - da man mich, wie ich gerade erfahren habe, dem falschen Medium zugeordnet hat - mit fünf Kollegen teilen muss. Unzumutbare Bedingungen im Grunde - aber nun ja, es ist halt Lady Gaga.

Bei ihr nimmt man es auch hin, dass sich der Gesprächstermin nach hinten verschiebt, von 22.15 auf 23.15 Uhr, auf 24 Uhr, auf 0.30 Uhr. Für die unfreiwilligen Dauergäste der Kaminbar heißt das: abwarten und Tee trinken. Und Cola. Für Journalisten nicht unbedingt typische Getränke, schon gar nicht zu dieser Stunde. Bleibt immerhin viel Zeit, um zu sinnieren, was man fragen kann. Sollte man höflicherweise mit Fragen zur Musik anfangen? Die Musik, wendet eine Kollegin ein, interessiert doch niemanden wirklich.

Eine andere gesteht, dass sie der Begegnung mit Bangen entgegenblickt: Die Lady trägt ja bekanntlich gern Masken, und Masken, sagt sie, machten ihr Angst. Der Privatradionachwuchs fachsimpelt derweil, wer wohl die neue Lady Gaga werden könne: Nicki Minaj gilt als Kandidatin. Dass das Popgeschäft schnelllebig ist, habe ich gewusst, aber mir wäre es schon lieb, wenn die alte Gaga vorerst an der Spitze bliebe - wenigstens so lange, bis ich endlich mit dem Interview dran bin.

Untenrum ausladend, oben atemberaubend eng

Um 1.24 Uhr ist es dann so weit: Die drei PR-Leute, die den Abend über mit Synchronhandygetippe beeindruckt haben, führen uns in die eichenholzgetäfelte Bibliothek. Dort sitzt Lady Gaga. Ohne Gesichtsmaske gottlob, in rot-schwarzer Robe, die mit Vorhangkordeln und Fächern verziert ist, untenrum ausladend, oben atemberaubend eng. Schwarze Latexhandschuhe bis zum Oberarm, aus denen feuerrote Krallen ragen. Mit türkiser Perücke, kirschrot geschminktem Mund und schwarz umrahmten, riesigen Augen sieht sie aus wie eine Manga-Figur.

Und sie weiß genau, was übernächtigte Menschen am frühen Morgen schätzen: Freundlichkeit und Charme. „Wir haben uns so lang nicht gesehen!“, ruft sie einem Reporter zu, der aussieht wie ein Sohn des Altpunks Campino. Einer Kollegin nimmt sie das Mikro ab und hält es, ganz fürsorgliches Muttermonster, selbst. „Danke fürs Warten, es war ein langer Tag“, flötet sie, und als Klein-Campino mutmaßt, dass das doch jetzt ihre Zeit sei, entgegnet sie: „Das ist eure.“ Der Aufpasser im Hintergrund fügt, nicht halb so charmant, hinzu: „Die Zeit läuft.“

Also wird gefragt. Nach dem Kleid (ein altes Versace-Stück, „ich trage zuletzt nur Versace“), nach der Zahl ihrer Tattoos (zehn) und danach, wieso alle auf der linken Körperhälfte seien: weil ihr Vater das so gewollt habe, wenigstens eine Seite sollte frei bleiben. Eine Google-Suche hätte das auch - und ausführlicher - klären können.

Dann endlich eine originelle und kritische Frage. Ich stelle sie selbst: Wie verträgt sich ihre Philosophie, es solle jeder er selbst sein und seine eigene Schönheit definieren, mit einem Auftritt bei „Germany's Next Topmodel“, wo Schönheit von der Stange gekürt und Authentizität bekämpft wird? „Die Frage wird mir heute zum vierten Mal gestellt“, sagt Lady Gaga.

Gekürt werde eben ein Model, und vor Models habe sie „unglaublichen Respekt“, weil die so hart arbeiteten. Man müsse das alles nicht so negativ sehen. Dann erzählt sie von ihrer eigenen Arbeit am jüngsten Album, das sie „Blut, Schweiß und Tränen“ gekostet habe, vom Lied mit dem interessanten Titel „Scheiße“ und ihrer Freude auf die neue Tour: „Ist das nicht furchterregend? Ich habe gerade erst die letzte beendet. Ich bin so verrückt.“ Erschreckt sie nicht manchmal das Ausmaß ihres Erfolges, kann das Wissen, dass einen die ganze Welt beobachtet, nicht eine Belastung sein? „Meine Fans engen mich nicht ein und erschrecken mich nicht, sie geben mir Mut.“ Und was ist mit denen, die sie scheitern sehen wollen? Sie lächelt, sie rollt lustig ihre Augen hin und her. Und schweigt.

Dass dann eine Online-Reporterin „für unsere holländischen Kollegen“ nach Gagas liebsten holländischen Designern fragt, stört uns schon nicht mehr; selbst usbekische Stuckateure hätten uns nicht erschüttert. Die naive Hoffnung, in so einer Runde Lady Gaga etwas Neues entlocken zu können, war nach Sekunden dahin. Für sich betrachtet, sind ihre Botschaften - sei du selbst, glaube an dich, arbeite hart - so außergewöhnlich ja auch nicht, nur die Verpackung ist halt großartig.

Lady Gaga signiert Gurken - keine Sprossen

Wer das Phänomen Gaga verstehen will, der muss dorthin schauen, wo sie hingehört: auf die Bühne. In Köln wird Gaga anderntags Heidi Klum so gekonnt die Show stehlen, dass Letztere nur kindlich staunen kann: „Supercool, mit einer Attitude, wie die das macht.“ Da muss Mitjuror Thomas Rath beipflichten: „Die hat viel mehr Ideen wie ich.“

Im Schloss lassen sich die Journalisten am Ende neben der Lady fotografieren: kleine Monster auch sie. Ein Kollege hat Gaga eine Gurke signieren lassen; eigentlich hätten es Sprossen sein müssen, aber da wäre das mit dem Autogramm schwierig geworden. Noch eine Gaga-Botschaft für die Radiohörer („I love you; Scheiße!“), dann geht die Lady zu Bett.

Und wir zurück in die Kaminbar. Dort sitzt die Agenturkollegin an der Nachricht, die sie aus ihrer Runde mitgebracht hat: „Lady Gaga gegen zu frühen Sex bei Jugendlichen.“ Die Welt giert nach Gaga-News, selbst morgens um zwei. Ein Kollege, der mir gegenübersaß, erzählt, er habe sich nicht aufs Gespräch konzentrieren können, weil eine Brustwarze aus ihrem Dekolleté gerutscht sei. Dieser typische Gaga-Moment ist an mir vorübergegangen. Am Tor harren nur vier Fans noch aus, auch kleine Monster müssen schlafen. Neulich bei Tokio Hotel, sagt der Taxifahrer, sei mehr los gewesen.

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