14.05.2010 · Bayerischer Gesang und Blasmusik: Die Band LaBrassBanda sorgt mit „Bavarian Techno“ für Furore. In England spielen sie in Lederhosen gegen Klischees an. Martin Wittmann hat sie eine Woche lang auf ihrer Tournee begleitet.
Von Martin WittmannTag 1
Rund 20 Stunden dauerte es, um den Bus der Band von Giesing in München nach Hoxton in London zu überführen. Nicht ganz so lange dauert es dort, bis dem Bus ein Fenster und der Band das Navigationsgerät fehlt - das Viertel, in dem die Musiker ein Apartment gemietet haben, gilt nicht als das sicherste. Unbeschadet sitzt in der Wohnung die Band um Stefan Dettl. Er wird Sepp genannt, weil sein Vater so heißt. Sein Bayerisch gibt sich bei keinem Wort die Mühe, nach der Schrift zu klingen. Durch das Fenster zieht kühle Nachtluft herein. Sepp zieht seinen braunen Strickjanker zu. Über die Stirn zieht sich eine kaum sichtbare Narbe, seit er sich einmal nach einem Konzert in einem Freibad nackt und kopfüber ins Nichtschwimmerbecken gestürzt hat.
Er knüpft seine Trompete frei, die wie die Trinkflasche eines Wanderers an den Rucksack geschnürt ist. In seinem Dorf, in Grassau im Chiemgau, gebe es die Markt- und die Trachtenkapelle, erzählt er, und er habe schon als Kind in beiden gespielt. Später, als die Karrieren gleichaltriger Dorfmusiker im Wirtshaus endeten, bestand Sepp die berüchtigte Aufnahmeprüfung am Richard-Strauss-Konservatorium in München, machte sein Konzertdiplom in klassischer Musik und studierte danach noch Jazztrompete. „Aber i wollt scho immer, dass die Leut' auf mei Musik tanzn.“
Clubmusik wollte er machen und dabei seine Wurzeln nicht vergessen. So führte er vor drei Jahren bei einem Schweinebraten die heutigen Mitglieder von LaBrassBanda zusammen. Sepp komponiert, textet, spielt Trompete, hält auf der Bühne die Ansprachen und singt. Würde er sich nicht so vehement gegen Anglizismen wehren, könnte man ihn den Bandleader nennen. Wie die anderen schläft er an diesem Abend früh ein. Nur der Hans würde so gern noch raus in die Londoner Nacht.
Tag 2
Das mächtige BBC-Gebäude wirkt wie ein Schiff. Und so bekommen Mundart und Instrumente, welche die jungen Bayern an diesem Morgen vom Bus in das Funkhaus tragen, etwas Piratenhaftes. Am auffälligsten sind Sprache und Tuba von Andreas Hofmeir aus der Holledau, auf dessen BBC-Gastausweis allerdings „Hans“ steht. Den Namen habe ihm der Sepp gegeben, als sie im Landesjugendorchester spielten, sagt er. Weshalb? Weil er eben ausgesehen habe wie ein Hans. Im Studio stürmt die Moderatorin der World-Music-Sendung „World on 3“, Lopa Kothari, auf die probenden Musiker zu und busselt jeden ab. Sie habe LaBrassBanda im November zum ersten Mal gehört und sie daraufhin sofort ins Studio geladen, wegen der „amazing energy“.
An diesem Tag nimmt die Band vier Lieder auf, die sich nicht einordnen lassen und als Revolution von unten, also von Süden her, gelten können: Bläser klingen hier melancholisch nach Alpenidylle, um dort unvermittelt in wildes Balkanspiel zu wechseln. Dub-Klänge mischen sich mit Jazz, bevor Schlagzeug und Bass zu einer Geschwindigkeitsorgie ansetzen, die von der Band als „Bavarian Techno“ vorgestellt wird.
Darüber liegt Sepps Sprechgesang über Heimat und Frauen. Auch für Auswärtige klingt sein Rap wegen der offenen Vokale und der Diphthonge des Bayerischen einnehmend: „Übern Bauernstadl hintre geh I aufe auf die Felder / schau vo hint aus wia a Guadl, hob die Haar zam wie a Wuida“. Ein BBC-Mitarbeiter sagt: „I like that sound!“ Er imitiert Sepps Melodik, was sich wiederum kaum besser als Sepps Englisch anhört.
Lopa Kothari bittet die Band an den Interview-Tisch und stellt sie vor: Manu Winbeck aus dem oberbayerischen Tegernbach. Schon als Kind wollte er Posaune spielen, musste sich aber zunächst mit Klavierunterricht begnügen, weil seine Arme für das Blasinstrument zu kurz waren. Erst als er 14 Jahre alt war, hatten seine Gliedmaßen die richtige Länge für Blaskapelle, Schulorchester, Cover-Bands. Heute ist er der Ruhepol der Band und schreibt mit Sepp an den Texten. „Und des, obwohl i in Deutsch nie recht gut war“, sagt er, als spiele das eine Rolle.
Schlagzeuger Manuel Da Coll kommt aus Unterschleißheim und wird Yossi genannt. Mit seinem roten Schopf, dem Schnauzer, der Woody-Allen-Brille, den schwarzen Röhrenjeans und einer britischen Musikzeitschrift unterm Arm fällt er in London am wenigsten auf. Manu und Yossi kennt Sepp vom Konservatorium. Einziges Bandmitglied, das sein Instrument nicht studiert hat, ist Olli Wrage. Vielmehr lebte der Rosenheimer jahrelang im Exil in Berlin und machte elektronische Musik. „Aber da schaun dich die Leut' ja mit'm Arsch net an.“
Wenn er heute mit LaBrassBanda nach Berlin kommt, tanzt sein Publikum nicht zaghafter als früher. Nur jodelt es nun. Wieso er während der Aufnahme seine Jeans ausgezogen und eine Lederhose übergestreift habe, fragt Lopa. Und Olli sagt, die sei, wenn er seine schwitzenden Finger abwische, am aufnahmefähigsten. Was von der Musikindustrie als identitätsstiftende Authentizität bezeichnet wird, heißt auf Bayerisch übersetzt: in Lederhosen nicht verkleidet aussehen. Den Abend verbringt die Band im Apartment. Nur der Hans nimmt am Biertest eines Pubs teil.
Tag 3
„Übersee“ heißt die zweite CD der Kapelle. Das steht für den Ort am Chiemsee, an dem die Lieder aufgenommen wurden, und für den Drang nach draußen. So spielte die Band schon in Bosnien, Zimbabwe, Dänemark; eine vom Goethe-Institut initiierte Tour führte sie durch Sibirien; mit einem alten Feuerwehrauto, auf dessen Ladefläche ein Schlagzeug geschraubt war, steuerten sie in die verschneiten Alpen, um dort mit umgeschnallten Instrumenten auf Holzskiern von Hütte zu Hütte zu fahren; als vor zwei Jahren ihre erste CD, „Habedieehre“, erschien, schlichen sie mit einem 1953er Eicher Bulldog und fünf Zündapp-Mopeds in acht Tagen vom Chiemsee nach Wien, wo gerade die Fußball-EM stattfand.
Dies ist schon die dritte England-Tour. Die erste fand in Zusammenarbeit mit einem britischen Maler statt. Oder wie Sepp sagt: „A Kuahhandel.“ Noch heute hängt in Sepps Zimmer das Bild, das er dem Maler für 400 Pfund abkaufen musste, damit dieser die Auftritte der Band in London organisierte. Der britische Künstler hatte die Band über die Plattform Myspace kennengelernt. Die Band geht zwar mit Blasinstrumenten auf Tour, die älter als hundert Jahre sind, ist aber immer auch auf der Suche nach dem nächsten W-Lan-Netz. Zu fast jeder Aktion von LaBrassBanda finden sich selbstgedrehte Videoschnipsel auf Youtube und Facebook, Neuigkeiten werden getwittert.
Nach einem langen Tag in einem Londoner Proberaum leuchten auch an diesem Abend die Gesichter im blauen Widerschein ihrer Computer. Yossi skypt mit seiner Freundin und remixt nebenbei die Lieder der Band, während an anderen Computern der BBC-Auftritt vom Vortag geschnitten wird. Der ehemalige Ministerpräsident des Freistaats, Edmund Stoiber, der einst Laptop und Lederhosen in Einklang zu bringen versuchte, wäre stolz auf die Burschen. Hans würde noch gerne in einen Club gehen.
Tag 4
Auf der Fahrt nach Birmingham, der zweiten Station, ziehen vor dem neuen Fenster 118 Meilen diesigen Englands vorbei. Auch im Bus herrscht Stille. Niemand spricht, nicht mal das Radio läuft.
Vor dem „Hare and Hounds“ stehen vier glatzköpfige Männer und rauchen, zwei davon ohne Schneidezähne. Die Bayern tragen ihre Instrumente in einen Raum, an dessen Wänden zig Tourplakate hängen. Mittendrin das Poster einer Gruppe englischer DJs, die sich „Die Disko Damen“ nennen: Sie werben für sich mit einer Propaganda-Zeichnung der Hitlerjugend. Und unter dem Poster, auf weinroten Ledersesseln, wartet nun also das zweite Deutschtum-Klischee auf seinen Auftritt: biertrinkende Bayern in Lederhosen. Hans steht schon mit der Tuba um den Hals im Raum. So wie es Menschen gibt, die wie ihre Haustiere aussehen, gibt es Musiker, die ihren Instrumenten ähneln. Hans, der ehemalige Berliner und Münchner Philharmoniker, ist Tuba: wuchtig, geerdet, offen und zuweilen sehr lustig.
Auf der Bühne steht noch eine Funk-Formation, deren Sänger die 100 Zuhörer immer wieder zum Mitmachen auffordert: „Say par-ty, say par-ty“. Dann schlängelt sich LaBrassBanda durch das Publikum hin zur Bühne. Die Reaktion des britischen Publikums wird sich an den kommenden Abenden gleichen: erst Neugier, Gleichgültigkeit, Belustigung, dann, nach den ersten furiosen Tönen, überraschtes Innehalten und Erstaunen über Virtuosität und Intensität der fremden Musik. Schließlich setzt seliges Kopfnicken bis ausgelassenes Tanzen ein. Die heimatverbundenen Bayern geben sich nicht der provinziellen Lächerlichkeit preis. Sepp steht vor der begeisterten Menge und ruft: „Say tu-ba, say tu-ba.“
Doch während das Publikum noch klatscht und pfeift, explodiert hinter der Bühne plötzlich überschüssiges Adrenalin. Der Lagerkoller der jährlich 150 gemeinsamen Auftritte löst sich in Geschrei auf. Für einen Moment liegt bloß, dass die Musiker, die abseits der Bühne bayerische Gemütlichkeit leben, sich während des Auftritts preußischen Fleiß bis zur Erschöpfung abverlangen. Für Minuten löst sich die harmonische Summe in ihre einzelnen Teile auf. „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“, sagt Hans nur. Seine blechern schimmernde Tuba liegt unschuldig neben ihm. Hans holt sich erst mal ein Bier.
Tag 5
Olli wacht auf einem dreckigen Fußboden auf, den anderen ergeht es nicht besser. So lautet die Abmachung: Die Band kommt beim Clubbesitzer unter und bekommt dazu einen Anteil der Einnahmen. Der Abend brachte gerade mal 100 Pfund ein, das ist weniger, als die beiden Strafzettel in London gekostet haben. In der vergangenen Nacht wurde der Frust hinuntergespült, bis er so unkenntlich war wie die verkaterten Gesichter der Musiker an diesem Morgen. Im Wohnzimmer steht immer noch der Rauch von letzter Nacht. Auf dem Tisch ein grün leuchtendes Flaschenmeer. Der Gastgeber schnarcht noch, als der Bus mit Ziel Liverpool startet. 100 Meilen Linksverkehr, und die Band rückt wieder zusammen.
In Liverpool spielt die Band im edel-verranzten „Club Kazimier“. Ein eigens entworfenes Tourplakat zeigt diverse Blasinstrumente, von denen LaBrassBanda kein einziges spielt, und wartet mit der Ankündigung „From Baveria“ auf, inklusive Rechtschreibfehler.
Hinter der Bühne teilt sich LaBrassBanda die Räumlichkeiten mit einer zehnköpfigen Theatergruppe. Die Schauspielerinnen tragen dirndlähnliche Kleider, wie man sie von norddeutschen Besucherinnen des Oktoberfestes kennt, die Männer kurze Hosen und Hüte. Der Veranstalter hat das Ensemble verpflichtet, weil ihr Lied „Bear Fight, deep in the german jungle“ gut zum deutschen Themenabend passt.
Zwei kurzfristig verpflichtete Schauspieler hatten nur Lack und Leder in ihrem Koffer, aber schnell aus Klebeband zusammengeschneiderte Hosenträger machen noch aus jeder Sado-Maso-Kleidung alpenländisches Gewand. So wuselt hinter der Bühne ein kurioser Karneval mit zwölf falschen und fünf echten Bayern herum. Die Musiker stört die Konfrontation mit dem Klischee nicht, sie wissen, wie die Sache ausgeht. Der deutsche Abend endet mit 350 tanzenden Zuhörern, unter ihnen die falschen Bayern.
Nach dem Konzert bietet eine feiste Britin dem Hans an, „to blow your real tuba“. Hans lehnt dankend ab und bricht auf in das Haus des nächsten Clubbesitzers, wo die Feier weitergeht.
Tag 6
Das Matratzenlager, ausgerollte Schlafsäcke, verschwitzte Klamotten über den Heizkörpern, wird verlassen, um in die Hauptstadt zurückzukehren. Der alltägliche Zyklus startet: rein in den Bus, Kopfhörer auf, fahren, Pause an der Frittenbude, weiterfahren, ankommen, ausladen.
Am Abend wartet der letzte, der große Auftritt. 450 verkaufte Karten hatte der englische Veranstalter angekündigt. Aber das „Dublin Castle“ ist kaum größer als der Tourbus. Die Musiker tragen ihre Instrumente in eine beißend nach Schimmel stinkende Höhle. Die Verantwortlichen gehen nicht ans Telefon. Fazit einer kurzen Bandbesprechung: „De ham uns bschissn.“ Bassist Olli droht, nicht barfuß auftreten zu wollen. Sepp will aus Angst um Stimme und Konzertbesucher gleich gar nicht spielen. Aber die ersten Fans stehen bereits vor der Tür. In Lederhosen.
16 Niederbayern sind aus dem südenglischen Chichester angereist, wo sie im Auftrag von BMW bei Rolls-Royce arbeiten. Einer hat seinem Chef gesagt, er müsse zum Konzert, diese Band mache „Humpa-music, but faster“. Er selbst führt den Begriff Galopp-Volksmusik ins Feld. Endlich, sagt ein anderer, singe mal jemand auf Bayerisch, ohne dabei nach Musikantenstadl zu klingen.
Am Ende feiern 180 Zuhörer. Eine weiß-blaue Fahne fliegt durch die Luft. Die Band liegt sich in den Armen und verbeugt sich. Dann fahren die Musiker in ihre Wohnung. Nur Hans bleibt noch ein wenig. Kein Bier mehr, sagt er. Aber Schnaps geht noch.
Tag 7
London glitzert in der Frühlingssonne, aber die Idee, auf dem Markt in der Brick Lane zu spielen, wird schnell verworfen - Posaunist Manu hat sich vergangene Nacht Glasscherben eingetreten. Bleibt die Heimfahrt. Vierzehn Stunden dauert es, bis die Band nach einer Reise durch vier Länder in der nächsten Fremde ist, in Norddeutschland. In England lassen sie neben dem Navigationsgerät viele Briten zurück, die deutsche Blasmusik zu schätzen gelernt haben, und ein paar Diaspora-Bayern, denen die Komplexe kleingesungen wurden. Wie hatte Lopa Kothari von der BBC gesagt? „It's Rock 'n' Roll.“ Olli präzisierte: „But it's also Bavarian.“