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Ein Leben mit der Schuld : Es wird nie wieder gut

Die Schuld kommt mit einem Zittern, wie eine Art Schüttelfrost. Bild: Thomas Fuchs

Auf dem Supermarkt-Parkplatz fuhr sie aus Versehen einen Menschen tot. Seitdem lauert die Schuld überall. Die Frau muss lernen, mit ihr zu leben. Doch das fällt schwer.

          Die Schuld erwischt sie nachts, wenn die Frau schweißgebadet aus dem Schlaf hochschreckt. Sie wartet nachmittags, wenn die Frau vom Büro zum Bahnhof läuft, wo sie früher doch immer das Auto genommen hat. Wenn der Feierabend lockt, wenn die Vögel zwitschern und sie plötzlich denkt, wie schön das Leben sein könnte, wie leicht. Wäre ihr das nicht passiert.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Morgens lauert die Schuld in der S-Bahn. Die Frau setzt sich vorsorglich auf die andere Seite des Waggons, damit ihr Blick nicht auf den Parkplatz fällt, falls sie aus Versehen aufsieht. Sie holt ihr Buch aus der Handtasche und fängt sofort an zu lesen. Wenn sie Glück hat, wenn sie tief genug versunken ist, fährt sie einfach daran vorbei. Das aber gelingt ihr selten. Meistens reicht die blecherne Stimme der Haltestellendurchsage, und schon bricht die Schuld über sie herein. „Nächste Station. . .“ Der Parkplatz, auf dem sie einen Menschen totgefahren hat, liegt direkt hinter dem Bahndamm.

          Die Schuld kommt mit einem Zittern, wie eine Art Schüttelfrost. Sie fährt ihr in den Bauch, wo sich der Magen verkrampft. In der Brust wird es eng. Es ist kein Schmerz, wie wenn man sich den Fuß verstaucht. Die Schuld sitzt überall. Besonders im Kopf. Die Gedanken drehen sich, wirbeln um immer denselben Punkt. Was hat sie getan? Wie konnte das passieren? Und warum ausgerechnet ihr? Es gibt nur Fragen, keine Antworten. Und das Wissen: Sie ist schuld, dass ein Mann gestorben ist.

          Sie wollte nur Blumenerde kaufen

          Ein Frühlingsabend vor gut einem Jahr, kurz vor Ladenschluss. Die Frau wollte Blumenerde kaufen. Jeden Tag auf dem Heimweg von der Arbeit kommt sie an diesem Gartencenter vorbei, und hätte am Vortag nicht ihre Tochter mit im Auto gesessen, die müde war und nach Hause wollte, der Einkauf wäre längst erledigt gewesen. Die Frau war gut drauf. Im Radio lief ihr Lieblingslied, ein Song von The Boss Hoss. An der letzten Ampel vor der Einfahrt hielt sie bei Gelb, obwohl sie genauso gut hätte fahren können. Wäre sie mal noch gefahren. Hätte, wäre, wenn. Aber sie hatte ja Zeit.

          In aller Ruhe lenkte sie den Wagen auf den Parkplatz und stellte fest, dass die einzige freie Lücke zu schmal für ihren Polo war. Dann fuhr sie rückwärts, zehn, zwanzig Meter. Blick in den Rückspiegel. Blick in den Seitenspiegel. Eben wollte sie sich umdrehen. Vielleicht war sie einen Tick zu schnell. Der Richter sollte später sagen, sie sei zu schnell gefahren. Dann kam der Knall. Den älteren Herrn, der seine Einkäufe zum Auto getragen hatte und jetzt auf dem Pflaster lag, hatte sie nicht gesehen.

          Von jetzt auf gleich war alles anders. Zwar hatte der Mann keine äußeren Verletzungen, als der Rettungswagen ihn ins Krankenhaus fuhr. Auch die Polizisten waren nett zu ihr. Trotzdem fuhr die Frau mit zitternden Knien nach Hause. Und am nächsten Tag fragten die Kollegen: „Wie siehst du denn aus?“ Sie wiegelte ab. Suchte nach einem ruhigen Moment, um die Bürotür hinter sich zu schließen und den Anwalt anzurufen, den der ADAC empfohlen hatte. Es kostete sie Überwindung. Aber noch stieg sie jeden Morgen in ihr Auto, um zur Arbeit zu fahren.

          Das Ende des alten Lebens

          Eine Woche später sagte der Anwalt am Telefon, dass der Mann gestorben sei. Eine Hirnblutung in Folge des unglücklichen Sturzes. Der Frau wurde übel. Sie schloss sich auf der Toilette ein. Ließ sich von ihrer Tochter bei der Arbeit abholen, meldete sich für den Rest der Woche krank und legte sich ins Bett. Sie aß nicht mehr. Sie schlief nicht mehr. Sie wollte sich verkriechen und wünschte, sie wäre unsichtbar.

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