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Ein Kind austragen, das sterben wird : Zwei Tage lang waren sie zu sechst

  • -Aktualisiert am

„Wenn Sie abtreiben, haben Sie einen klaren Schnitt“, sagt der Arzt. Ein klarer Schritt? Was soll das sein? Bild: Masterfile

Eine Frau ist schwanger. Doch ihr Kind ist schwerkrank, es wird kurz nach der Geburt sterben. Die Ärzte raten zu einer Abtreibung. Doch die werdende Mutter entscheidet sich anders.

          Die Geschichte beginnt mit einer guten Nachricht. An einem sonnigen Tag im vergangenen September erfährt Swetlana Petershagen von ihrem Frauenarzt, dass sie schwanger ist. Die Dreiundvierzigjährige freut sich. Sie hat bereits drei Kinder, immer ist alles gutgegangen. Wegen ihres Alters rät der Arzt aber zu einer Fruchtwasseruntersuchung, zur Absicherung. „Besser ist es“, denkt Swetlana. „Dann weiß ich sofort, ob das Baby gesund sein wird oder nicht.“ Sie ist keine Abtreibungsgegnerin. Ganz im Gegenteil. Heutzutage habe man es ja in der Hand, sich zu entscheiden – in der Theorie klingt für sie alles ganz einfach. Bis die Ergebnisse der Fruchtwasseruntersuchung feststehen.

          Der Frauenarzt läuft rot an, als er die Unterlagen der Untersuchung in den Händen hält. Erst fehlen ihm die Worte, dann stammelt er: „So etwas habe ich in meinem ganzen Berufsleben noch nicht gesehen.“ Die Ultraschalluntersuchungen werden später zeigen, dass die Organe des ungeborenen Kindes massiv fehlgebildet sind. Es hat das sogenannte Edwards Syndrom, auch Trisomie 18 genannt. Das Herz des Ungeborenen hat einen Fehler, und die Speiseröhre ist nicht mit dem Magen verbunden. Achtzig Prozent dieser Kinder sterben bis zur Geburt. Das Fünftel, das es schafft, überlebt meist nur wenige Wochen.

          „Wenn Sie abtreiben, haben Sie einen klaren Schnitt“, sagt der Arzt, nachdem er mit Swetlana Petershagen über die Ergebnisse gesprochen hat. Er meint es gut. „Das ist in einer solchen Situation der übliche Weg.“ Neun von zehn Frauen brechen bei dieser Diagnose die Schwangerschaft ab. Petershagen wird schwindelig. Die Sätze des Mediziners hallen in ihr nach. Ein klarer Schnitt. Was soll das sein? Woher soll sie wissen, dass sie sich nach einer Abtreibung nicht ein Leben lang Vorwürfe machen würde, ihr eigenes Kind getötet zu haben? Ihr Mann Jens nimmt sie in den Arm. Noch haben sie Zeit, sich zu entscheiden. Sie wollen eine zweite Arztmeinung einholen.

          Eine Humangenetikerin im Krankenhaus in Bremen Mitte klärt sie über die Möglichkeit der palliativen Entbindung auf. Die meisten Frauen haben diese Möglichkeit nicht, weil sie oder das Kind dabei gesundheitliche Schäden davontragen würden. Doch Swetlana Petershagen hat gute Chancen, ihr Kind lebend auf die Welt zu bringen. Es würde vielleicht ein paar Tage, vielleicht sogar ein paar Wochen weiterleben. Sie würde nicht darunter leiden, ihr Kind auch nicht.

          „Wenn ich es auf die Welt bringe, könnte ich es beerdigen“

          Drei Nächte lang findet Petershagen keinen Schlaf, sie liegt stundenlang wach und grübelt. In ihrem Kopf rumort die große Frage: Was soll ich bloß tun? Sie geht wie gewohnt zur Arbeit in der Großküche eines Altenheims, putzt Gemüse, spült schmutziges Geschirr. Wie mechanisch. Plötzlich, wie eine Eingebung, steht ihre Entscheidung fest: „Ich werde das Kind bekommen“, denkt sie sich. „Ich lasse der Natur ihren Lauf.“ Sie fühlt sich erleichtert. Ihr Baby würde geboren, um zu sterben. „Wenn ich es auf die Welt bringe, könnte ich ihm wenigstens einen Namen geben und es beerdigen.“

          Verwandte und Freunde verstehen die Entscheidung zunächst nicht. Der Abbruch ist doch eine gängige Lösung? Und wenn das Kind sowieso stirbt, wieso dann nicht gleich? Wie kann Swetlana das sich selbst und ihrer Familie nur antun? Alles Fragen, die Swetlana Petershagen sich stellen lassen muss.

          Die Münchner Medizinerin Inga Wermuth hat ihre Doktorarbeit über Sterbebegleitung bei Neugeborenen geschrieben. Wie viele Ärzte betont sie, dass jede Frau, jede Familie, ihren eigenen Weg finden muss, mit der Diagnose „nicht lebensfähig“ umzugehen. Es gebe kein richtig oder falsch, schon gar kein schuldig oder nicht schuldig. „Ein todkrankes Kind auszutragen ist eine ungeheuer belastende Situation“, sagt die Ärztin. Doch ist es für sie auch nachvollziehbar, dass eine Frau sich für die Geburt eines todkranken Kindes entscheidet. „Insbesondere Mütter haben oft ganz konkrete Vorstellungen von dem Lebewesen, das in ihnen heranwächst“, sagt die Ärztin.

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