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Samstag, 11. Februar 2012
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Ein Jahr nach der Befreiung „Wer frei ist, hat alles“

22.07.2008 ·  Kristijana Waltschewa ist eine der fünf Bulgarinnen, die in Libyen zum Tode verurteilt war: Sie soll Kinder im Auftrag westlicher Geheimdienste mit HIV infiziert haben. Vor einem Jahr wurde sie befreit. Im FAZ.NET-Gespräch berichtet sie von Folter im Gefängnis und der Leere nach der Rückkehr.

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Kristijana Waltschewa ist eine der fünf Bulgarinnen, die in Libyen in einem possenhaften Prozess für schuldig befunden wurden, mehrere hundert Kinder im Auftrag westlicher Geheimdienste mit HIV infiziert zu haben. Vor einem Jahr wurde sie befreit. Im Gespräch mit F.A.Z. berichtet sie von der Folter im lybischen Gefängnis und von der Leere nach der Rückkehr.

Frau Waltschewa, wann haben Sie sich entschieden, nach Libyen zu gehen, um dort als Krankenschwester zu arbeiten?

Als die Perestrojka begann. Seit 1989 wurde das Leben für uns immer schwieriger. Wir hatten Geld, konnten aber nichts dafür kaufen. Es gab damals allerdings kaum Möglichkeiten, im Ausland zu arbeiten. Dann erfuhr ich, dass bulgarische Krankenschwestern für Libyen gesucht wurden. Im Oktober 1990 meldete ich mich zu einem Vorstellungsgespräch bei der libyschen Botschaft in Sofia, und fünf Monate später wurde mir Arbeit in Bengasi angeboten.

Wie waren die Zustände dort?

Ich hatte Glück, mein Krankenhaus war ziemlich gut geführt. Es war wohl das einzige saubere Krankenhaus in Libyen. Der Chef versuchte, auf alles zu achten.

Es wird vermutet, dass das verseuchte Blut, durch welches libysche Kinder in Bengasi mit HIV infiziert wurden, unter anderem aus dem Tschad kam. Haben Sie davon etwas gewusst?

Das ist nicht unsere Schlussfolgerung gewesen, wir erfuhren das erst aus den Medienbeiträgen der Wissenschaftler, die sich mit unserem Fall befasst hatten.

Wenn Sie in Libyen eine Bluttransfusion benötigt hätten, hätten Sie Angst gehabt?

Ja, vor den Manipulationen in libyschen Krankenhäusern. Ich hatte 1996 eine Entzündung am Bein, bin damit aber nicht ins Krankenhaus gegangen, denn ich traute der Hygiene dort nicht. Ich hätte nicht kontrollieren können, welche Instrumente dort benutzt werden. Also habe ich die Operation mit einem Messer an mir selbst vorgenommen.

Reifte unter solchen Bedingungen nicht der Entschluss, Libyen wieder zu verlassen?

Ich hatte das vor meiner Verhaftung tatsächlich vor. Ende 1998 hatte ich meine Unterlagen an eine Agentur in London übermittelt, nachdem ich gehört hatte, dass viele Krankenschwestern aus Osteuropa nach England gingen. Aber dann wurde ich verhaftet.

Ahnten Sie, dass sich Unheil anbahnte?

Nein, zumal ich nicht in dem Kinderkrankenhaus gearbeitet hatte, in dem es die HIV-Fälle gab, sondern in der Dialyseabteilung eines Erwachsenenkrankenhauses. Ich hatte keinerlei Beziehungen zum Al-Fatah-Kinderkrankenhaus, hatte es niemals betreten und kannte dort niemanden. Aber ich war als Kopf der angeblichen Verschwörung vorgesehen.

Warum?

Vermutlich, weil ich schon acht Jahre in Libyen verbracht hatte. Ich hatte viele Verbindungen. Sie konnten also annehmen, dass ich viele Namen nennen würde, als sie mit den Folterungen begannen. Und genau das wollten sie.

Was sollten Sie aussagen?

Dass ich hinter den HIV-Infektionen stecke und Anführerin einer Bande sei, die solche Verbrechen im Auftrag ausländischer Geheimdienste ausgeführt hat. Erst hieß es, der Mossad sei der Auftraggeber, später fanden die Folterer aber an dem Gedanken gefallen, dass die CIA ebenfalls beteiligt sei. Es hieß, jemand habe uns Geld gegeben, damit wir die Kinder infizieren. Ich musste mir dann die Namen der Auftraggeber ausdenken. Sie wollten westliche Namen, also sagte ich, mein Auftraggeber hieße „John“. Damit waren sie sehr zufrieden. Sie zeigten mir Fotos von Ausländern, die in Libyen arbeiteten, und fragten mich, wer von ihnen John sei. Aber ich sagte, ich könne keinen John erkennen. Am Anfang war ich noch bei der Wahrheit geblieben und hatte gesagt, dass mir die Kinder leid täten, ich aber nicht wisse, wie sie mit HIV infiziert wurden.

Ihre Mitgefangenen und Sie wurden dann zum Tod durch Erschießen verurteilt. Haben Sie erwartet, dass das Urteil vollstreckt wird?

Nie, denn ich hatte acht Jahre Erfahrung in Libyen. Mir erschien die Gefahr größer, dass wir zwei oder drei Jahrzehnte im Gefängnis verbringen müssen. Davor hatte ich Angst, denn das wäre schlimmer gewesen als die Exekution. Die Exekution dauert eine Sekunde. Jahrzehnte in Agonie zu verbringen, das war meine Schreckensvorstellung. Im Gefängnis habe ich am Anfang am meisten Unterwäsche und frisches Obst vermisst, in den Jahren danach aber vor allem anderen das Recht der freien Entscheidung. Die Freiheit ist alles. Wer frei ist, hat alles.

Erhielten Sie in Ihrer Haftzeit Unterstützung aus Bulgarien?

In den letzten eineinhalb Jahren vor unserer Befreiung war die Regierung sehr aktiv. Vom Volk haben wir immer Unterstützung erhalten, das hat uns im Gefängnis sehr geholfen. Wir bekamen Briefe von Schulkindern und einfachen Bürgern. Manche schickten uns Bücher. Mir haben viele Bulgaren gesagt, dass sie Kraft gesammelt haben, wenn sie an unser Schicksal gedacht haben.

Bekommen Sie heute Unterstützung vom bulgarischen Staat?

Überhaupt nicht. Es gab einige einfache Versprechen, die die Regierung leicht hätte erfüllen können, vor allem zu unserer Rente. Es wurde uns versprochen, dass die acht Jahre im Gefängnis unseren Rentenansprüchen angerechnet werden, aber bisher sind das nur Versprechen. Es wurde uns auch zugesagt, dass der Staat die Studiengebühren für unsere Weiterbildung übernimmt, aber daraus ist bisher ebenfalls nichts geworden.

Das Bulgarien, in das Sie vor einem Jahr zurückkehrten, muss ein anderes Land gewesen sein als das, welches Sie 1991 verließen.

Es gibt jetzt mehr Geschäfte, das hat sich sehr geändert. Aber an der Not der Menschen hat sich nichts geändert. Es gibt in Bulgarien keine Mittelklasse, nur einen kleinen Prozentsatz sehr reicher Menschen und viele Arme.

Das sehen einige Ihrer Landsleute anders, zumal die Bulgaren nun zum Arbeiten in EU-Staaten gehen können.

Ja, das ist eine gute Veränderung, zumindest für die jungen Leute. Für mich nicht mehr.

Optimistisch wirken Sie dennoch.

Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich blicke nicht zurück, sondern immer nach vorn. Da mir all das zugestoßen ist, habe ich das vielleicht nötig gehabt. Nichts geschieht zufällig. Es war eine Lektion von acht Jahren. Ich habe sie bestanden, und nun blicke ich nach vorn. Andere von uns haben Albträume. Ich nicht, kein einziges Mal in all den Jahren. Sogar im Gefängnis habe ich keine Albträume gehabt, und jetzt auch nicht. Ich weiß selbst nicht, warum. Vielleicht ist es ein Schutzmechanismus des Hirns.

Was macht Ihre Familie heute?

Mein Sohn ist 30 Jahre alt und noch unverheiratet. Er arbeitet als Elektriker in Sofia. Auch meine Mutter lebt in Sofia. Meinen Vater sah ich das letzte Mal 1997. Er starb, als ich im Gefängnis saß.

Ihre Mitgefangenen sprechen von einer Leere, die sie am Tag der Rückkehr nach Bulgarien empfunden hätten.

Ich auch. Ich war gleichgültig. Ich kann das schwer beschreiben. Ich wusste, es ist vorbei. Ich hatte immer daran geglaubt, dass der Moment kommen wird. Aber man kann nicht glücklich sein in solch einem Moment. Sogar am Flughafen, als ich aus dem Flugzeug stieg und meine Mutter wiedersah – nichts. Ich kann nicht behaupten, dass ich glücklich war. Vielleicht war es eine Art Schock.

Die Fragen stellte Michael Martens.

Quelle: F.A.Z.
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