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Anna Gavalda : In jedem Mensch steckt ein Roman

„Ich bin nicht glamourös“: Anna Gavalda lebt mit ihren Kindern und einem alten Ehepaar zusammen Bild: Müller, Andreas

Die Französin Anna Gavalda schreibt Bestseller wie „Zusammen ist man weniger allein“ – Unterhaltungsliteratur mit einer gewissen Tiefe. Und wie ist sie sonst so? Eine aufschlussreiche Begegnung.

          Es wird in diesem Gespräch zwei Momente geben, in denen Anna Gavalda die Beherrschung verlieren und ihr Gegenüber brüskieren wird. Einmal wird es der Fotograf sein, einmal die Journalistin. Am Ende wird Gavalda erklären, dass sie es hasse, Interviews zu geben, und dass sie Schriftsteller liebe, die unfähig seien, das zu tun. Sie selbst, das wird sie dann auch noch sagen, gebe nur deshalb Interviews, weil sie ein so gut erzogener Mensch sei und ihrem Verlag den Gefallen tun wolle.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wir treffen die Dreiundvierzigjährige im Hanser Verlag in München, im Zimmer der Pressechefin, und schnell wird klar: Statt über sich Auskunft zu geben, stellt Gavalda die Fragen am liebsten selbst. Sie wird dabei durchaus persönlich und duzt einen dabei fast bis zum Ende des Gesprächs, obwohl man selbst beim Sie bleibt: Wo man Französisch gelernt hat? Ah, durch eine Beziehung zu einem Franzosen? „Ist der heute immer noch so süß wie damals?“ Und was der Fotograf am liebsten fotografiert? Wer seine Vorbilder sind?

          Phantome um sie herum

          Wenn Gavalda Fragen stellt, statt sie zu beantworten, entspannt sie sich merklich. Sie hört dann auf, an ihren Fingern zu kneten, auf den Boden zu gucken und an dem Pulli zu nesteln, den sie sich über die Knie gelegt hat. Sie versteckt sich dann hinter ihren Fragen. Auch für ihre Bücher - Unterhaltungsliteratur mit einer gewissen Tiefe, so dass manche Gavalda mit Françoise Sagan vergleichen, Autorin von „Bonjour tristesse“ - nutzt sie die Beobachtung anderer Menschen, von denen sie sich erhofft, dass sie sich ihr so öffnen, wie sie selbst es andern gegenüber niemals tun würde.

          „Ich schäme mich schnell“, erklärt sie, „ich lass keinen an mich ran. Ich habe sehr wenige Freunde und keine beste Freundin, eigentlich nur meine Schwester. Und meinen Verleger, er ist zwar kein Freund, aber mit ihm rede ich viel.“ Sie liest keine Zeitung, hört kein Radio, sieht nicht fern. In Kontakt mit der Außenwelt tritt sie vor allem, wenn sie Leserzuschriften beantwortet. Das mache sie sehr ausführlich, sagt sie. „Die Leute, mit denen ich mich umgebe, sind wie Phantome - ich kenne sie nicht.“

          Man meint eine Ahnung davon zu bekommen, wie fragil die Persönlichkeit dieser Frau ist, wenn man ihre Bücher liest. Viele von ihnen waren Bestseller, 2007 wurde „Zusammen ist man weniger allein“ mit Audrey Tautou in der Hauptrolle verfilmt, 2009 folgte „Ich habe sie geliebt“. Gavaldas Figuren sind voller Selbstzweifel, haben viele Probleme, sind Außenseiter.

          Autobiographisch sei das alles nicht

          In einer Geschichte ihres 1999 erschienenen Debüts „Ich wünsche mir, daß irgendwo jemand auf mich wartet“, von dem die ehemalige Lehrerin im Alter von nur 29 Jahren aus dem Stand 400.000 Exemplare verkaufte, obwohl sie zuvor lange keinen Verlag gefunden hatte, schläft eine junge Frau nach einem aufregenden Abend voller Geflirte und Verlangen nur deshalb nicht mit dem Mann ihres Begehrens, weil der beim Verlassen des Restaurants einen Blick auf das Display seines Handys wirft, während er ihr in den Mantel hilft.

          Die junge Frau denkt: „Verräter. Undankbarer Kerl. Unglücklicher, was hast du getan!!!“ Dann geht sie nach Hause. „Auf der Straße ist ihr kalt, sie ist müde, ihr ist übel. Sie hasst ihren Stolz.“ Nein, autobiographisch sei das alles natürlich nicht. Aber wohl doch indirekt zusammengesucht im Leben anderer Menschen. „Man kann über jedes Leben einen Roman schreiben“, sagt Gavalda. „Ich verreise nicht, mein Nachbar ist genauso spannend wie eine Reise ans Ende der Welt. In jedem Menschen steckt ein Goldklumpen.“

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