09.06.2010 · Am Donnerstag wird „Germany's Next Top Model“ gekürt. Aber der Weg auf die Laufstege führt nicht durch das Fernsehen, meint Kerstin Susanne König. Sie muss es wissen, denn sie hat jahrelang als Model gearbeitet.
Von Kerstin Susanne KönigSo sieht nun wirklich kein Modelalltag aus: Eine Tarantel wird der Kandidatin auf die Hand gesetzt. Sie verdreht die Augen, sagt, sie müsse sich gleich übergeben, lächelt dann doch in die Kamera. Erst als sie mit einer Schlange über den Catwalk schreiten soll, bricht sie in Tränen aus, weil sie in ihrem Leben „noch nie etwas so Schlimmes erlebt“ habe. Heidi Klum zeigt Verständnis und erlässt ihr die Aufgabe. Schließlich sei sie „keine Tierquälerin“.
Jede Woche lassen die Kandidatinnen von „Germany’s Next Top Model“ eine Reihe Aufgaben über sich ergehen. Sie müssen sich im Matsch suhlen, sie lassen sich von schauspielernden Polizisten anbrüllen oder von Modefotograf Rankin auslachen. Sie stülpen sich eine Glaskugel voller Schmetterlinge über den Kopf, tragen ein Äffchen auf den Schultern spazieren, müssen wie ungezogene Kinder vor der oberlehrerhaften Heidi Klum stramm stehen und deren hämische Kommentare ertragen. Am Ende jeder Sendung wird ein Model nach Hause geschickt. Am Donnerstagabend ist dann nur noch „Germany’s Next Top Model“ übrig. Das Finale wird stets als Party inszeniert. Der Anfang einer großen Modelkarriere war es noch nie.
Die vielen Osteuropäerinnen haben die Gagen gedrückt
Kein echtes Model erlebt jemals eine vergleichbare Jobserie. Natürlich bringen die Aufträge Strapazen mit sich – Flüge, Wartezeiten, Chaos, Stress. Frieren in Sommerkleidern im Winter, Schwitzen in Wintermänteln im Sommer, weil stets saisonverkehrt gearbeitet werden muss. Aber dafür verdienen professionelle Models gut, anders als Bewerberinnen bei Heidi Klum, die mit Ausnahme der Siegerin monatelang leer ausgehen. Zwar haben die Krise und die vielen Osteuropäerinnen die Gagen gedrückt. Aber zahlreiche Neugründungen von Modelagenturen lassen darauf schließen, dass das Geschäft gut läuft. Und wenn ein nicht besonders namhaftes Model einen 50.000-Euro-Auftrag mit dem Hinweis auf eine Magenverstimmung absagt, besteht wohl kein Grund zur Panik.
Von solchen Beträgen können selbst die Finalistinnen der Casting-Show nur träumen. Die Siegerinnen der Jahre 2006 bis 2008 unterschrieben angeblich Verträge mit der Modelagentur IMG. Aber bei IMG in New York kennt man nicht einmal ihre Namen. Sie konnten sich international nicht durchsetzen. Das könnte daran liegen, dass Heidi Klum den Nachwuchs-Models ihre Natürlichkeit austreibt, den größten Trumpf von Anfängerinnen. Schon nach ein paar Sendungen drohen die Kandidatinnen hinter einem aufgesetzten Dauerlächeln zu verschwinden. Auf den Spuren der Werbeikone Klum arbeiteten die bisherigen Gewinnerinnen für Werbe- und Katalogkunden. Die kreative Modeszene tut sich schwer mit ihnen. Designer, Fotografen und Model-Agenten suchen nach unverbrauchten Gesichtern und wirklichen Anfängern.
Man kann den Zufall des Erfolgs nicht planen
Topmodels aus der Retorte? „Das geht leider nicht“, sagt Patrick Lemaire von der Agentur „Marilyn“ in Paris: „Man kann den Zufall des Erfolgs nicht planen und das Glück nicht erzwingen.“ Er selbst saß einmal in der Jury einer Model-Castingshow. Die französische Öffentlichkeit habe das Konzept aber nicht angenommen. In Paris haben eben andere Instanzen das Sagen. Carine Roitfeld von der französischen „Vogue“ kann ein Model berühmt machen oder Karl Lagerfeld.
Mit ihrer Arbeit für das deutsche und das amerikanische Fernsehen verdient Heidi Klum viel Geld, verliert dafür aber an Ansehen in der Modewelt. Tatjana Patitz, die Mitte der achtziger Jahre zu jenen Models zählte, die Begriffe wie „Topmodel“ und „Supermodel“ erst entstehen ließen, möchte über die Klumsche Sendung kein Wort verlieren. Sie rät Models allgemein dazu, „sich von niemandem verbiegen zu lassen“ – im Unterschied zu Heidi Klum, die ihnen empfiehlt zu tun, was die Jury verlangt.
Manche müssen erst noch erwachsen werden
„Model-Karrieren muss man behutsam aufbauen“, sagt „Mega“-Chef Ted Linow, der Toni Garrn vertritt. Models seien „junge Menschen, für die eine Agentur Verantwortung trägt“. Wenn eines seiner Mädchen im Ausland nicht zurechtkommt, holt er es nach Deutschland zurück. „Manche müssen erst noch erwachsen werden. Dann müssen wir eben warten.“
Toni Garrn ist erst 17 und lebt noch bei ihrer Mutter. Sie wurde bei der Weltmeisterschaft 2006 bei einem Fanfest entdeckt und führt trotz großer Erfolge ein Doppelleben. Während Klums Kandidatinnen sich monatelang frei nehmen, macht Toni Garrn gerade Abitur. In der Agentur hängt noch ihr Stundenplan – dem sich auch Star-Fotograf Steven Meisel beugen muss. Toni Garrn kennt die Ängste nicht, die viele Kandidatinnen von Casting-Shows durchmachen. Das Modeln sei neben der Schule „ein wunderbares Hobby“. Die besten Models sind eben immer noch diejenigen, die keine Stars sein wollen.
„Es ist verrückt, wie schnell wir geworden sind“
Immer rascher werden neue durch noch neuere Gesichter ersetzt. Schauspielerinnen haben den Models Cover und Modekampagnen weggeschnappt. Der New Yorker Andrew Weir, einer der einflussreichsten Casting-Agenten der Welt, sagt: „Es ist verrückt, wie schnell wir geworden sind – zu schnell!“
Früher waren Models noch feste Größen. Selbst wer sich nicht für Mode interessiert, verbindet mit den Namen Claudia Schiffer, Christy Turlington, Cindy Crawford, Carla Bruni, Kate Moss, Linda Evangelista, Naomi Campbell, Nadja Auermann oder Tatjana Patitz auch Gesichter. Die Topmodels der achtziger und neunziger Jahre sind niemals ganz von der Bildfläche verschwunden. Zur Zeit sind sie sogar sehr gefragt, seit Fachleute und Publikum sich wieder nach Beständigkeit sehnen, nach Frauen statt Kindern, nach Persönlichkeiten, die sich als Marke etablieren lassen.
Andrew Weir meint, es seien wieder „weibliche Models“ gefragt. „Es geht um gesund aussehende Schönheiten“, meint Weir, „so wie Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre.“ Der Trend hat positive Auswirkungen: Wie die Fachzeitschrift WWD vermeldet, sind in den Herbstkampagnen endlich wieder mehr Models als Stars zu sehen. Stefano Pilati, Kreativdirektor bei Yves Saint Laurent, sagt, Models verstünden sich immer noch am besten darauf, „eine einfache Hose in ein Must-Have der Saison zu verwandeln“. Prominente mögen sich für bestimmte Produkte als Werbeträger eignen – in Modekampagnen lenken sie zu stark von der Mode ab. „Außerdem“, meint Pilati, „ist es kompliziert, mit ihnen zusammenzuarbeiten.“ Gute Zeiten für Models, doch Heidi Klums Kandidatinnen werden kaum profitieren. Bei der letzten Modewoche in New York wurden sie – mit einer Ausnahme – bei Castings abgelehnt.
Die unendliche Laufsteg-Geschichte..
Hildegard Grygierek (hildegardswelt.de)
- 09.06.2010, 00:02 Uhr
Eitelkeiten und Ausbeutung
B B (IT_Webber)
- 09.06.2010, 13:38 Uhr
hundeleben auf den Catwalk
angelika bayer (vintagetante)
- 09.06.2010, 16:43 Uhr
einfach zu abgehoben
uschi bayern (uschibayern)
- 09.06.2010, 22:29 Uhr