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Ein Anschluss unter dieser Nummer Nordkorea ist kein Funkloch mehr

 ·  Per Handy sind neuerdings viele Bewohner Nordkoreas zu erreichen – aber nicht aus dem Ausland. Und teuer ist es auch: Gerät und Freischaltung kosten etwa 1000 Dollar.

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© Christoph Moeskes Mittlerweile gibt es rund eine Million Mobiltelefone im Land

Es piepst und klingelt. Tasten werden gedrückt, Displays leuchten auf. Wer schreibt was an wen? Wer ruft wen an und warum? Szenen, wie sie sich jeden Tag milliardenfach auf der Welt abspielen. In Nordkorea jedoch sind sie eine Sensation. Noch vor acht Jahren zog der Staat alle Handys seiner Bürger ein, weil er die Kontrolle über sie zu verlieren fürchtete. Das ist jetzt nicht mehr möglich: Denn das Land erlebt eine Handy-Blüte.

Mehr als eine Million Nordkoreaner besitzen nach Auskunft des Netzbetreibers Koryolink schon ein Mobiltelefon, mit dem sie telefonieren, SMS schreiben, Fotos verschicken können - wenn auch nur im eigenen Land. Zu verdanken haben sie die neue kleine Kommunikationsfreiheit einer Bauruine. Mit 337 Metern und 3.000 Zimmern sollte das Ryugyong einst das größte Hotel der Welt werden. Doch das pyramidenförmige Bauwerk blieb ein Rohbau, durch den 20 Jahre lang der Wind pfiff.

2007 machte der ägyptische Mobilfunkkonzern Orascom der Führung in Pjöngjang ein verlockendes Angebot: Die Ägypter - erfahren in der Vollendung von Pyramiden - verkleiden die 105 Stockwerke mit blauer Glasfassade und sanieren das Gebäude. Im Gegenzug bekommen sie für 25 Jahre die Lizenz, ein Handynetz aufzubauen und zu betreiben.

Mobiltelefone waren bisher zu individuell

Sollte man das Wagnis eingehen? Eigentlich dürften Mobiltelefone einem Staat, der seit Jahrzehnten das Informationsmonopol über seine Bürger hält und sie mit Medien, Massenaufmärschen und Lautsprecherdurchsagen zur widerspruchslosen Gemeinschaft geformt hat, nicht passen. Mobiltelefone sind gefährlich. Mobiltelefone sind individuell. Sie verbreiten Nachrichten, auf die der Staat keinen Einfluss hat. Und sie eröffnen einen neuen Raum von Möglichkeiten und Beschleunigungen: Mit Handy ist man jederzeit und überall zu erreichen.

Ende 2002 hatte Pjöngjang schon einmal zum Sprung ins Mobilfunkzeitalter angesetzt. Damals durften 20.000 ausgewählte Nordkoreaner ein Handy erwerben. Eineinhalb Jahre später wurden die Apparate wieder eingesammelt. Warum, ist bis heute nicht bekannt. Bekannt ist nur, dass die Rückholaktion erfolgreich war: Die 20.000 Handybesitzer mussten sich namentlich registrieren lassen.

Nordkorea war wieder Funkloch - und das Festnetz mit nur 1,1Millionen Anschlüssen bei rund 25 Millionen Einwohnern keine beglückende Ausweichmöglichkeit. Viele chinesische Geschäftsleute zeigten sich enerviert, wenn sie wieder einmal stundenlang auf den richtigen Gesprächspartner warten mussten.

Langsam dämmerte es der Führung, dass sich ohne moderne Telekommunikation die Wirtschaft nicht voranbringen ließe, und so ging sie schließlich auf den Vertrag mit den Ägyptern ein. 2008 gründeten beide Seiten das Joint Venture Cheo Technology, das zu 75 Prozent Orascom und zu 25 Prozent dem nordkoreanischen Staat gehört. Noch im selben Jahr - die Fassadenverkleidung des Ryugyong-Hotels strebte unaufhaltsam voran - nahm das Mobilfunknetz Koryolink seinen Betrieb auf.

Die ersten Nummern, die vergeben wurden, begannen mit „1912“ - dem Geburtsjahr des „Ewigen Präsidenten“ Kim Il-sung. Das kommunistische Land war in der Jetztzeit angekommen. Doch Nordkorea wäre nicht Nordkorea, wenn die schöne neue Handywelt nicht ihre Grenzen hätte. Koryolink sendet auf einer Frequenz, die nur innerhalb des Landes empfangen werden kann. Verbindungen ins Ausland sind nur über eine zweite Frequenz möglich. Die aber ist den etwa 400 Ausländern vorbehalten, die im Land leben.

Beide Systeme senden getrennt voneinander, so dass die Nordkoreaner nur untereinander telefonieren können. Handys privat einzuführen ist nicht möglich. Der Zoll nimmt sie bei der Einreise an sich und gibt sie erst bei der Ausreise zurück. Und auch wenn immer wieder illegal Handys von China ins Land kommen, bleibt der Kontakt ins Ausland höchst reglementiert: Diese Telefone können nur in einem schmalen Saum entlang der Grenze genutzt werden.

Gute Aussichten für Cheo Technology

Die schöne neue Handywelt hat noch einen weiteren Haken: Nordkoreas Mobiltelefone sind teuer. Die Handys, die meist aus China importiert werden, kosten zwischen 200 und 300 Dollar. Hinzu kommen hohe Gebühren bei Anmeldung und Freischaltung. Wer zum ersten Mal seine Sim-Karte ins Handy steckt, hat nach Angaben der Internetzeitung „The Daily NK“ gut und gerne 1.000 Dollar investiert. Die wenigsten Nordkoreaner können sich das leisten. Und trotzdem werden es immer mehr. Ende 2009 verzeichnete Koryolink noch 90.000 Teilnehmer, Ende 2010 schon 430.000 und im Februar dieses Jahres eine Million.

Telefoniert wird mit Prepaid: Die Karte kostet umgerechnet zehn Dollar und reicht für 600 Minuten. Wird aus den Nordkoreanern - bei mehr als einer Million Nutzern und mehr als 600 Millionen Gesprächsminuten - bald ein Volk der Schwätzer werden? Nach dem Motto: „Schatz, stell schon mal das Kimchi auf den Tisch, der Oberleitungsbus hat heute doch keine Verspätung“? Mitnichten. Ein Handy ist kostbar, und das, was man mitzuteilen hat, ebenfalls, zumal in der Öffentlichkeit. Auf den Straßen Pjöngjangs sieht man deshalb nur vereinzelt Menschen mit Handys.

In der halb privaten Atmosphäre der Devisenrestaurants, die es mittlerweile zuhauf in der Hauptstadt gibt, sind es schon mehr. Die meisten Nordkoreaner dürften ihr Mobiltelefon aber zu Hause oder bei Freunden und Verwandten nutzen. Und weil das Handy so kostbar ist, wird es oft auch an eben jene Freunde und Verwandte verliehen. Unter den Zwanzig- bis Dreißigjährigen in Pjöngjang ist das Handy längst ein Statussymbol. Der Druck wächst. Eine Woche ohne Mobiltelefon, und man ist bald abgemeldet - das ist in Nordkorea nicht anders als im Rest der Welt. Gute Aussichten also für Cheo Technology.

Mehr als 300 Sendemasten hat Koryolink inzwischen überall im Land errichtet, darunter auch die in der gläsernen Pyramidenspitze des Ryugyong. Das Netz deckt die Großstädte und Hauptverkehrswege ab. Insgesamt sind das zwar nur 15 Prozent der Landesfläche. Aber in dem Gebiet leben etwa 90 Prozent der Bevölkerung. Mobiltelefone haben die Umbrüche in der arabischen Welt beschleunigt. Könnten sie auch Nordkorea eines Tages verändern? Wohl kaum. Internet und Auslandskontakte existieren ebenso wenig wie der politische Wille dazu.

Man sollte die neuen Kommunikationsmöglichkeiten nicht überschätzen. Mobiltelefone sind Ausdruck von Freiheit - aber auch Mittel zur Überwachung. Und doch, ein paar Veränderungen gibt es schon. Nun, da man immer und überall zu erreichen ist, trifft man sich seltener untereinander. Bedauert wird das aber offenbar nicht. Er könne seine Freunde ja trotzdem sehen, sagt ein Nordkoreaner: „Per Bildtelefon!“ Dafür müsse er nur einen Antrag stellen.

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