17.03.2005 · Die Archäologie in Deutschland ist so stark wie nie auf ehrenamtliche Helfer angewiesen. Doch für eine effektivere Zusammenarbeit wäre ein bundesweites Netzwerk nötig - und genau hier ist der Föderalismus im Weg.
Von Karen Allihn, FrankfurtEin kühler Ostwind durchweht den Morgen. Er treibt die Wolken fort, die gerade einen kräftigen Regen herabgeschickt haben. Harro Junk zieht die Gummistiefel an und greift zum Rucksack, in dem eine topographische Karte im Maßstab 1:25000, Plastiktüten verschiedener Größen, kleine weiße Zettel, ein Stift, ein Spachtel und ein Fotoapparat verpackt sind.
Zwei bis drei Stunden wird der Dreiundsechzigjährige unterwegs sein, wird irgendwo auf einem Acker im Hochtaunuskreis von Feldrand zu Feldrand parallel verlaufende Spuren im Boden hinterlassen. Und mit ein bißchen Glück wiegt der Rucksack danach mehr, stecken in den Tüten steinzeitliche Tonscherben, bronzezeitlicher Hüttenlehm oder gar ein keltisches Eisenfragment.
Kein Geld für seine Arbeit
Zweimal in der Woche ist Harro Junk unterwegs, immer auf der Suche nach Hinterlassenschaften der Altvordern. „Ich habe schon als Kind Römer gespielt, später Mommsen gelesen, dann einen Volkshochschulkursus besucht“, erzählt der ehemalige kaufmännische Angestellte. Vor 32 Jahren schloß er sich dem Arbeitskreis Vor- und Frühgeschichte des Oberurseler Vereins für Geschichte und Heimatkunde an. Seit seiner Pensionierung widmet er seinem Hobby jede Woche etwa 15 Stunden.
Bezahlt wird er dafür nicht. Harro Junk ist einer der etwa 100 ehrenamtlichen Archäologen, die in ganz Hessen Flurbegehungen vornehmen, die Baustellen und das leidige Raubgräber-Unwesen im Blick behalten oder akut gefährdete Relikte bergen. „Das alles könnten wir vom Landesamt niemals leisten“, sagt die stellvertretende hessische Landesarchäologin Vera Rupp. Allein in der einstigen römischen Provinz Civitas Taunensium, dem Gebiet nördlich des Mains bis an den Limes, seien die Überreste von etwa 350 römischen Gutshöfen bekannt. „Die kann ich gar nicht alle regelmäßig aufsuchen.“
Einen Nerv getroffen
Mit den ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern müssen die elf festangestellten Archäologen des Hessischen Landesamts für Denkmalpflege geradezu zusammenarbeiten. In den vergangenen drei Jahren haben sie deshalb neue Wege gesucht, um die ehrenamtlichen Vorgeschichtsforscher stärker an das Institut zu binden. Dazu gehören die Gründung zweier Arbeitskreise - „Altsteinzeit“ und „Junge Archäologen“ - und das Angebot von Weiterbildungskursen wie „Einführung in die Kulturstufen der Jungsteinzeit“. Diese Kurse seien sofort nach der Veröffentlichung ausgebucht gewesen, berichtet Rupp.
Mit seinen Aktivitäten hat das hessische Amt offenbar einen Nerv getroffen - entgegen der Klage, die Menschen würden sich nicht mehr freiwillig engagieren. Auch die Annahme, nur Alte seien fürs Wühlen in der Vorgeschichte zu interessieren, ist ein Vorurteil: „In den vergangenen zehn Jahren ist das Durchschnittsalter der Ehrenamtlichen deutlich zurückgegangen.“ Heute seien es vor allem Menschen zwischen 45 und 50 Jahren, die sich freiwillig um die Bodendenkmalpflege verdient machten, zunehmend jedoch auch Jugendliche.
Freiwillige Helfer sind unentbehrlich
Ehrenamtliches Engagement hat in der Archäologie eine lange Tradition. Lag doch die Beschäftigung mit den Wurzeln unserer Kultur bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts weitgehend in den Händen von Autodidakten. Heinrich Schliemann, der berühmte Entdecker von Troja, zählt ebenso dazu wie die „Streckenkommissare“, die vor mehr als 100 Jahren den obergermanisch-rätischen Limes erforschten. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts waren die überall in Deutschland gegründeten Heimat- und Geschichtsvereine die Säulen der archäologischen Denkmalpflege. Ihre Mitglieder führten Ausgrabungen durch, inventarisierten Funde, katalogisierten die Bestände der archäologischen Museen - und schufen die Voraussetzungen für die moderne Wissenschaft.
Doch bis heute bleiben freiwillige Helfer unentbehrlich. So ist es ehrenamtlichem Einsatz zu verdanken, daß der mittlerweile international berühmte keltische Fürstengrabhügel am Glauberg am Ostrand der Wetterau 1987 wiederentdeckt wurde. Der örtliche Heimatverein hatte die Stelle aus der Luft fotografiert und aufgrund von verändertem Pflanzenwuchs, der sich kreisförmig auf den Bildern abzeichnete, die überaus reich ausgestattete Grabstätte lokalisiert.
Jedes Land hat eigene Regelung
Um noch effektiver mit freiwilligen Helfern zusammenarbeiten zu können, möchte Vera Rupp Netzwerke schaffen. Die neue Arbeitsgemeinschaft „Altsteinzeit“ sei eine gute Plattform ebenso wie die 1979 gegründete Archäologische Gesellschaft in Hessen mit ihren 1700 Mitgliedern. Ein Netzwerk für ganz Deutschland jedoch ist, obwohl die Landesdenkmalämter aller Bundesländer auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen sind, nicht in Sicht. Denn auch in der Landesarchäologie hat der Föderalismus die Strukturen bestimmt. Jedes Bundesland hat sein eigenes Denkmalschutzgesetz, das auch die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen regelt. So heißt es in Paragraph 13 des bayerischen Denkmalschutzgesetzes: „Heimatpfleger beraten und unterstützen die Denkmalschutzbehörden und das Landesamt für Denkmalpflege. Ihnen ist rechtzeitig Gelegenheit zur Äußerung zu geben.“ Doch die Arbeit der etwa 210 in Bayern als Heimatpfleger bezeichneten Ehrenamtlichen ist gefährdet, sagt Landesarchäologe Sebastian Sommer.
Zum einen gebe es einen Beschluß der Bayerischen Landesregierung, vier der insgesamt acht Außenstellen des Landesamts für Denkmalpflege (in Würzburg, Nürnberg, Ingolstadt und Landshut) zu schließen - genauer: zusammenzulegen. Zum anderen versuche eine Initiative von Landräten unter dem Vorwand „schlanker Staat“ Paragraph 13 aus dem Gesetz zu eliminieren - nicht zuletzt, um Baumaßnahmen schneller voranbringen zu können. Doch die Heimatpfleger sind gut organisiert - in der 1981 gegründeten, 3300 Mitglieder zählenden Gesellschaft für Archäologie in Bayern, die nach Sommers Angaben jährlich 100000 Euro aufbringt, mit denen unter anderem Publikationen, Tagungen und Ausgrabungen finanziert werden.
Ehrenamt in jeder Form fördern
Während Bayern auf eine hundertfünfzigjährige Tradition bürgerschaftlichen Engagements zurückblicken kann, müssen diese Strukturen im zweiten Freistaat der Bundesrepublik erst wieder gefestigt werden. Auch in Sachsen, erzählt Judith Oexle, war die Denkmalpflege einst in Vereinen verankert. Nach 1945 jedoch seien diese Initiativen im Kulturbund der DDR zentralisiert worden. Zwar hat es auch in diesem Rahmen ehrenamtliche Bodendenkmalpflege gegeben. „Doch sofort nach der Wende“, so beschreibt die Landesarchäologin ein Phänomen, das auch bei Hobbyjägern und Fastnachtsbegeisterten zu beobachten war, „erstanden die alten Vereine wie Phönix aus der Asche.“
Dieses neu erwachte bürgerschaftliche Interesse zu motivieren sieht Oexle mit ihren 24 Kollegen vom sächsischen Landesdenkmalamt als eine ihrer vordringlichsten Aufgaben an. Ehrenamtliche Arbeit ist nicht nur ein wichtiges Thema fürs älter werdende Deutschland, sondern unentbehrlich für ein neues Bundesland wie Sachsen. „Wir werden immer weniger, und wir haben immer weniger“, sagt Oexle über die demographische und die wirtschaftliche Entwicklung im östlichen Freistaat. „Also muß ehrenamtliches Engagement in jeder nur möglichen Form gefördert werden.“
Größeren Anreiz schaffen
Um freiwillige Helfer stärker in die Arbeit der Landesarchäologie einbeziehen zu können, wurde im Saarland sogar das Denkmalschutzgesetz geändert. „Das Land ersetzt den Denkmalbeauftragten die Kosten, die ihnen durch ihre Tätigkeit entstehen“, heißt es in der neuen Regelung, die am 1. Januar in Kraft getreten ist. Landesarchäologe Wolfgang Adler erhofft sich durch die Zahlung etwa von Fahrtkosten, Tagegeld oder Verpflegungspauschalen an die ehrenamtlich tätigen Denkmalbeauftragten eine Institutionalisierung ihrer Tätigkeit, einen größeren Anreiz, sich freiwillig zu engagieren.
Diese Entwicklung jedoch hält der Vorsitzende des Verbands der Landesarchäologen in Deutschland und Direktor des Rheinischen Amts für Bodendenkmalpflege, Jürgen Kunow, für bedenklich. Es dürfe, trotz knapper Mittel der öffentlichen Hand, nicht der Eindruck entstehen, der kostengünstige Ehrenamtliche übernehme die Arbeit des Fachmanns. Außerdem sollten nicht - wie im mecklenburgischen und nordrhein-westfälischen Denkmalschutzgesetz (Paragraph 4 beziehungsweise 24) geregelt - die unteren Denkmalschutzbehörden die ehrenamtlichen Helfer berufen. Kunow fordert, dieses Privileg, nicht unerheblich für die Qualität der archäologischen Forschung, müsse den Landesämtern für Denkmalpflege vorbehalten sein.
Die wohl erste Großstadt im Rhein-Main-Gebiet
Gesetz hin oder her - Naturen wie Harro Junk widmen sich zum Glück nicht erst ihrem Hobby, wenn sie offiziell gefördert oder von höchster Stelle berufen werden. Die Büromöbel in der Geschäftsstelle des Oberurseler Vereins für Geschichte und Heimatkunde etwa hat vor einigen Jahren sein ehemaliger Arbeitgeber ausrangiert. Auch den Schreibtisch, an dem der passionierte Vorgeschichtsforscher - mit Hilfe eines eigens entwickelten Computerprogramms - seine Berichte ans Landesdenkmalamt zu Papier bringt, nachdem die auf dem Feld aufgelesenen Funde gewaschen, gezeichnet, vermessen, inventarisiert und zeitlich eingeordnet sind, hat er selbst beigebracht.
Und wenn Harro Junk über die Äcker des Hochtaunus fliegt, um alte Fundstellen zu überprüfen oder neue ausfindig zu machen, sitzt er selbstverständlich in einem privat organisierten Hubschrauber. Bei einem der jüngsten Projekte allerdings, der Einrichtung eines 16 Stationen umfassenden archäologischen Wanderweges durch das Heidetränk-Oppidum im Taunus, arbeitete sein durch Spenden finanzierter Arbeitskreis eng mit dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen zusammen. Immer wieder führt Harro Junk Interessenten durch das Gelände dieser riesigen Kelten-Siedlung, der wohl ersten Großstadt im heutigen Rhein-Main-Gebiet. Die Besuchergruppen werden dabei immer größer - und das ist nicht zuletzt ein Ergebnis seiner jahrzehntelangen ehrenamtlichen Arbeit.