http://www.faz.net/-gum-7azlv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 Plus

Veröffentlicht: 03.07.2013, 17:22 Uhr

Ehrenamt-Projekt Ein Kümmerer für Altkünkendorf

In der Uckermark ist nicht viel los. Sogenannte Dorfkümmerer sollen wieder Leben in besonders bedrohte Orte wie Altkünkendorf bringen.

von , Altkünkendorf
© Matthias Lüdecke Ein Zeichen setzen: Dorfkümmerer Hans-Jürgen Bewer will den Kirchturm von Altkünkendorf als Aussichtsplattform nutzen

Um die Kirche läuft eine Gruppe kleiner Kinder in farbigen Regenjacken. Sie sind nur zu Besuch. In Altkünkendorf leben fast keine Kinder. „Voriges Jahr hatten wir das außerordentliche Ereignis der Geburt eines Altkünkendorfers“, sagt Hans-Jürgen Bewer. Der Einundsiebzigjährige ist Ortsvorsteher und trägt den ungewöhnlichen Titel des „Dorfkümmerers“. Ein Ehrenamt, finanziell vom Land gefördert.

Julian  Staib Folgen:

Altkünkendorf ist ein Dorf, um das sich jemand kümmern muss. Es liegt wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, anderthalb Stunden Autofahrt von Berlin nach Nordosten. In diesem Landkreis, der Uckermark, leben nur rund 42 Einwohner pro Quadratkilometer, und das sieht man: Wenige Dörfer verlieren sich in weiter Landschaft. Das Wort von den „gleichwertigen Lebensverhältnissen“ bekommt hier eine neue Bedeutung: Die Straßen sind gut, die alten Häuser renoviert. Aber leben wollen hier trotzdem immer weniger. Auf einer Wiese weht eine große Deutschlandflagge über ein paar grasenden Pferden.

Die Uckermark ist ein strukturschwacher Landkreis in einer ohnehin schon strukturschwachen Region. 14,6 Prozent der Menschen sind arbeitslos, viele wandern ab, kaum Kinder kommen nach. Im Landkreis gibt es viel weniger Geburten als Sterbefälle. Bis 2030 wird hier die Bevölkerungszahl um rund 20 Prozent niedriger sein als 2010. Die Bevölkerungsprognose bildet einen Baum, dessen breitester Punkt sich von der Mitte, wo heute die Fünfzigjährigen sind, nach oben verschiebt. Im Jahr 2030 ist der Baum oben sehr breit und unten ganz schmal.

Mitten in einem Biosphärenreservat

Im Dorf ist nur selten jemand zu sehen. Der Bus stoppt, ein Kind mit Schulranzen steigt aus, es war der einzige Fahrgast. Im Hof eines Hauses an der Hauptstraße steht ein alter Trabi ohne Reifen, drumherum laufen Hühner. Ein alter Mann in beiger Jacke wankt die Hauptstraße hinab in Richtung „Dorfgemeinschaftshaus“ unter der alten Eiche. Da treffen sich dienstags ein paar Rentner.

Nachhaltiger Tourismus - Uckermark gewinnt Bundeswettbewerb © dpa Vergrößern Ein Dorf, um das sich jemand kümmern muss: Altkünkendorf

Nach Angaben Bewers sind unter den 180 Einwohnern Altkünkendorfs nur sechs bis sieben Kinder. Aber es gibt immerhin keine Abwanderung mehr. Das Dorf könne Einwohner gewinnen, „Familien sogar“, sagt Bewer, aber es mangele an Bauland. Denn außerhalb des Dorfs sei alles „Schutzzone zwei“. Bauverbot dank des Weltnaturerbes. „Weltnaturerbe“, sagt Bewer und wird lauter. „Das muss man erst einmal in die Köpfe hineinkriegen.“ Darum dreht sich bei Bewer alles. Um den Versuch, sein Dorf zu fördern und gegen Lethargie und Widerstände anzukämpfen. Und wohl auch darum, selbst ein paar Spuren zu hinterlassen.

Altkünkendorf liegt mitten im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Das wurde 1990 noch zu DDR-Zeiten als Nationalpark unter Schutz gestellt, eine schöne weite Moorlandschaft, in der sich seltene Vogelarten wieder ansiedeln. Darin liegt auch der Grumsiner Wald, ein Buchenwald, der an Altkünkendorf angrenzt und der vor der Wende das Revier von Erich Mielke war. Die Anwohner durften nicht hinein, der Minister für Staatssicherheit hatte im nahen Schloss Wolletz seinen Jagd- und Erholungssitz. Die Bäume wuchsen, wie sie wollten. 2011 wurde der Wald zum Teil des Unesco-Weltnaturerbes „Buchenurwälder der Karpaten und Alte Buchenwälder Deutschlands“ erklärt.

„Ich möchte noch etwas gestalten“

Von seinem Haus kann Bewer den Wald sehen. Seit 1999 lebt er am Dorfrand zusammen mit seiner Frau, einer Ärztin. Einen „Neu-Altkünkendorfer“ nennt er sich. Aber mittlerweile, sagt er selbst, sei er ja nicht mehr wegzudenken. Früher arbeitete er als Leiter der Maschinentechnik im „PCK Schwedt“, dem „Petrolchemischem Kombinat“. Das ist heute noch eine große Raffinerie, auch wenn die Abkürzung mittlerweile für „Petrolchemie und Kraftstoffe“ steht. Damals habe er viel reisen dürfen, sagt Bewer. „Auch in das NSW“, ins „nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet“, also in den Westen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Tote Gefangene in Höxter Sie verließen ihr Haus nur in der Nacht

Ein geschiedenes Ehepaar soll eine Frau festgehalten und misshandelt haben, bis sie starb. Dabei bemühten sie sich nicht um Unauffälligkeit – sagen die Nachbarn. Jetzt mehren sich Berichte über ein weiteres Tötungsdelikt. Ein Ort unter Schock. Mehr Von Katrin Hummel

02.05.2016, 09:25 Uhr | Gesellschaft
Soziales Projekt Hunde machen Knackis in Ungarn zahm

Im Gefängnis im ungarischen Debrecen kümmern sich Insassen einmal die Woche um Hunde aus einem nahen Tierheim. Von dem Projekt profitieren beide Seiten: Für die Tiere ist der Gefängnis-Besuch ein großes Abenteuer; und die Insassen sind froh, von den Vierbeinern gebraucht zu werden. Mehr

30.04.2016, 15:07 Uhr | Gesellschaft
Tschernobyl Eine Reise in die Zone

Dreißig Jahre nach der Katastrophe ist Tschernobyl immer noch verseucht. Doch Tiere leben und Menschen arbeiten hier – und es kommen Touristen. Wer die Zone noch besichtigen möchte, sollte nicht mehr allzu lange überlegen. Mehr Von Sabine Sasse

26.04.2016, 09:29 Uhr | Gesellschaft
Europa League Klopp bemüht sich vor Spiel gegen Dortmund um Normalität

Neben dem sportlichen Kräftemessen zwischen Borussia Dortmund und dem FC Liverpool kommt im Viertelfinal-Hinspiel der Europa League noch ein emotionaler Faktor hinzu. Denn ein guter Bekannter kehrt zurück an seine alte Wirkungsstätte: Jürgen Klopp, der mit Dortmund sehr erfolgreiche Zeiten erlebt hat. Mehr

06.04.2016, 20:28 Uhr | Sport
Hamburg Wie eine evangelische Kirche zur Moschee wurde

Erst kommt es zu großem Protest: Viele ärgern sich, dass in Hamburg eine Kirche zur Moschee wird. Inzwischen leuchtet über der ehemaligen Kapernaumkirche der goldene Schriftzug Allah – und alle sind zufrieden. Mehr Von Frank Pergande, Hamburg

27.04.2016, 10:20 Uhr | Politik

Hulk Hogan Weil’s so schön war, gleich noch eine Klage gegen Gawker

Hulk Hogan zieht wieder gegen „Gawker“ vor Gericht, Prince soll zuletzt kaum noch gegessen haben und Malia Obama hat ihre Uni gewählt – der Smalltalk. Mehr 3

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden