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Kunstsammler Dieter Engel : Er hat sich seinen Venusberg gebaut

  • -Aktualisiert am

Im „Raum der Finsternis“: Dieter Engel stellt seine Sammlung nun in Köln aus. Bild: Stefan Finger

In Frankfurt war Dieter Engel stadtbekannt: Als Betreiber des berühmten Bordells „Sudfass“ - und als engagierter Kulturförderer. Nach 40 Jahren Sammlerleben richtet er sich jetzt in Köln eine Wunderkammer der Erotik ein.

          Hätte er Enkel, hätte er es nicht getan. Dieter Engel hat aber keine Enkel. Also erfüllte er sich einen Traum: „Ich habe mir eine kleine Freude gemacht.“ Der leidenschaftliche Sammler zeigt gern anderen, was er sammelt. Und das hat es in sich. Denn Dieter Engel sammelt seit 40 Jahren erotische Kunst.

          Wie viele Exponate er besitzt? Wie viele gezeichnete, gemalte oder geformte Penisse er zum Beispiel in seiner Kollektion hat? Er weiß es nicht, will es auch gar nicht wissen, das belastet nur. Aber er hat sich nun eine Kunst- und Wunderkammer der Erotik geschaffen, ein Stück orientalische Sinnenwelt und Zeitgeschichte der Prüderie mitten im katholischen Köln.

          Vom Ordnungsamt kritisch beäugt

          Zwei renovierte Wohngebäude aus der Zeit um 1890, sie haben zusammen drei Eingangstüren, gehören Engel schon seit Jahr und Tag. Über der einen Tür mit den Klingelknöpfen der Studenten, die im Haus wohnen, hängt in der Mauernische eine große Kuhglocke. Das ist auch in Köln und seinem bunten Studentenviertel ungewöhnlich. Die Kuhglocke, ganz neu und glänzend, ist nach Engels Worten eine Referenz an das Ordnungsamt. „Weil wegen meiner Rückkehr nach Köln beim Ordnungsamt alle Glocken läuten.“

          Dieter Engel ist ein Kölsche Jung, der Zungenschlag ist unverkennbar. Das Ordnungsamt war schuld daran, dass er wegging. Das hing mit seinen Geschäften zusammen, die in den Sechzigern nicht gern gesehen waren. Wobei Engel quasi ein Quereinsteiger ist, er hat Fliesenleger gelernt. Jedenfalls eröffnete er 1965 in Köln eine Nordsauna. Vom Sauna-Verband wurde sie sogar ausgezeichnet.

          Dann machte er weiter mit einer gemischten Sauna. „Das war damals Sünde pur.“ Es folgte ein Römerbad mit Holzfass, in dem saß auf der einen Seite der Mann, auf der anderen die Frau. „Alles ohne Sex“, wie Engel beteuert. Das Ordnungsamt schloss dennoch alle Etablissements, auch das mit einem 25 Meter langen Schwimmbad, durch das die Männer zu den Frauen schwimmen mussten. Wer nicht schwimmen konnte, wurde per Schlauchboot rübergefahren. Das muss man sich mal vorstellen.

          Bordell-Betreiber und Kultur-Mäzen

          Danach hatte er von Köln die Nase voll und suchte eine liberalere Stadt. Die Anzeige lautete: „Suche Gewerbefläche, die sich über Jahre schlecht vermieten lässt.“ Die liberalere Stadt war Frankfurt, obwohl er Frankfurt auch schwierig findet. Warum das jetzt? Engel sagt, sein Horoskop laute gerade „herrliche Tage am laufenden Band“. Ja, und? „So was würde ein Frankfurter nie zu Papier bringen.“

          Jedenfalls nahm Dieter Engel die Holzfass-Idee mit an den Main. An dessen Ufer betrieb er knapp 40 Jahre lang das „Sudfass“, einen Edelpuff, und erwarb sich den Ruf eines Bordellbesitzers der anderen Sorte. Weil er beispielsweise die Frauen sozial- und krankenversicherte, als erster in seiner Branche, wie er sagt. Ein Gericht bescheinigte ihm einmal, er fördere die Prostitution positiv – in dem Sinn, dass die Frauen nicht davon los kämen. Und er gab große Feste. Das „Sudfass“ wurde vor kurzem abgerissen. Dort entstehen Wohnungen mit Mainblick.

          Zum Siebzigsten, Engel ist Jahrgang 1937, bekam er Blumen von der Oberbürgermeisterin, ungewöhnlich genug für einen Bordellbetreiber. Aber Engel war in Frankfurt auch Literaturförderer, gab in den achtziger Jahren das Kellergewölbe eines seiner Häuser für die „Romanfabrik“ her, Frankfurts ersten öffentlichen Ort für Literatur. Herta Müller las dort, Bodo Kirchhoff, Robert Gernhardt.

          Ein Brand machte dem Frankfurter „Venusberg“ ein Ende

          Die Wohnungen darüber ließ er den Autoren, er stiftete einen „Fabrikschreiber-Preis“. Klar, sagten manche damals, das macht er bloß, weil. . . Er kann aber wirklich viele Gedichte auswendig. „An Suleika“ beispielsweise aus Goethes „West-östlichem Diwan“: „Dir mit Wohlgeruch zu kosen, Deine Freuden zu erhöh’n“. Eine Originalausgabe liegt in Köln in einer Vitrine, und Bulbul, die persische Nachtigall, trällert dort vom Band. Aber genau deswegen sorgt er sich ja, dass die Kölner sagen: ein ehemaliger Puffbesitzer mit Hang zur Literatur? Lächerlich. Dennoch will er bei dem Konzept bleiben, das er in Frankfurt zum Schluss in seiner Bar „Venusberg“ praktiziert hat. Das war die Nachfolgerin der „Romanfabrik“, die in größere Räume zog: in lockerer Folge Lesungen von kanonischen und klandestinen Texten zu organisieren, von der Antike bis heute, von Petronius bis Sorokin. Im „Venusberg“ fanden solche Lesungen zwischen Fauteuils und Frivolitäten aus Engels Sammlung lange statt. Bis die Bar im Januar ausbrannte, Schwelbrand an einem Sicherungskasten, das war es dann. Alle Frankfurter Zeitungen berichteten über das Feuer im „Traditionslokal“.

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