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Eheleute Sarkozy Willkommen in der Walhalla

 ·  Ein Staatschef als großer Liebender, ein Präsidentenbaby und ganz viel Glamour: Das haben uns Carla Bruni und Nicolas Sarkozy beschert. Wie geht es nun mit ihnen weiter?

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© Mart Klein/Miriam Migliazzi Optionen für Bruni und Sarkozy: Chanteuse? Schauspieler? Ein Kammerspiel als Paartherapie? Oder die offene Tür in Berlin?

Ließe sich das Format eines Staatsmanns am Charakter seines Abgangs messen, es wäre um Nicolas Sarkozys Platz in der Geschichte auf den ersten Blick nicht gut bestellt. Wie er da am Wahlabend vor die Kameras trat und sichtbar um Fassung rang, das Unaussprechliche, seine Niederlage, in Worte zu fassen, das war keine medienwirksame Demonstration von Stärke, sondern die körperlich schmerzhafte Abschiedsrede eines sentimentalen Hunds. Nervös und unkonzentriert wandte Sarkozy immer wieder leidend die Augen nach oben, als hätte ihn zum Schluss auch noch sein Teleprompter im Stich gelassen.

Eine fahrige Vorstellung, die aber dafür in einer Weise authentisch war, dass es nicht nur politische Anhänger zu Tränen rührte, sondern auch eine hübsche Dame im Publikum, die zum Symbol für Glanz und Elend seiner Präsidentschaft wurde, weil er sie auf dem Zenit der Macht geheiratet hatte: Carla Bruni-Sarkozy.

Eher ein Mann der Tat als des Worts

Immer wieder tupfte sie sich die Augenwinkel und signalisierte so tiefe Verbundenheit mit ihm - und eine Liebe, so würde man denken, die doch groß genug sein sollte, um den gerade erlittenen Verlust seiner herausragenden gesellschaftlichen Position zu überdauern. Nicht zuletzt ihretwegen, der prominenten Pop-Chanteuse aus gutem italienischen Haus, die mal Model war und sogar im wunderbaren jüngsten Woody-Allen-Film „Midnight in Paris“ mitspielte, hatten ihn Gegner gerne, auf seine Großmannssucht und Luxusfreunde anspielend, „Präsident Bling-Bling“ geschimpft.

Auf den zweiten Blick jedoch verrät Sarkozys Abschiedsrede ein Talent, das ihm einen Platz im politischen Olymp sichern dürfte: die Unfähigkeit zum Schauspiel. Hier stand einfach einer und konnte nicht anders. Sein ungewöhnlicher Impuls, wichtige Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu fällen (wie den Empfang der libyschen Rebellen im Élysée-Palast) und seinen Gefühlen (etwa beim Turteln mit Carla in Ägypten) auch öffentlich freien Lauf zu lassen, brachte ihm nur keine Punkte bei der stets auf Contenance bedachten französischen Bourgeoisie.

Die rümpfte pikiert die Nase über den ungehobelten politischen Emporkömmling, das Emigrantenkind aus Ungarn mit griechischen Vorfahren, als er einem Besucher auf der Pariser Agrarmesse, der nicht seine Hand schütteln wollte, vernehmlich zuzischte: „Hau ab, du armes Schwein.“ Wo andere Politiker mit PR-Strategen zusammensitzen, war er eher Mann der Tat als des Worts.

Ästhetisch perfekte Auftritte in atemberaubenden Dior-Kostümen

Als Bürgermeister von Neuilly-sur-Seine verhandelte er während der Geiselnahme in einem Kindergarten höchstpersönlich vor Ort mit dem Täter, der sich „Human Bomb“ nannte, und half so bei der Befreiung der Kinder aus seiner Gewalt. Hierzulande muss man historisch schon fast bis zu Helmut Schmidt ausholen, der bei der Sturmflut 1962 sein Hamburg unkonventionell vor Schlimmerem bewahrte, um einen Politiker mit vergleichbarer Heldenanmutung zu finden. Das in etwa wird Bruni gemeint haben, als sie in Anspielung auf die Männer in ihrem Leben vor Sarkozy, darunter Mick Jagger und Eric Clapton, in einem Interview mit der BBC meinte, ihre Ehe mit dem Präsidenten sei doch nun echter „Rock ’n’ Roll“.

Was wir schmerzlich vermissen werden, sind nicht nur die ästhetisch perfekten Auftritte der Première Dame in atemberaubenden Dior-Kostümen (besonders das graue Ensemble, das sie beim Besuch der Queen trug) oder ein Parlament, in dem beim Empfang im Élysée-Palast die neue CD von Carla an Minister und Staatssekretäre als Geschenk verteilt wird, damit die politische Equipe auch popkulturell à jour bleibt.

Natürlich wird nach dem Ende der Ära Sarkozy nichts so sein „comme si de rien n’était“ (als ob nichts gewesen wäre), so der schöne Titel der verteilten CD von damals.

Frei von der Bürde des offiziellen Protokolls

Was wird in Zukunft aus dem Ausnahmeehepaar werden, das als historisches Debüt dem französischen Volk einen amtierenden Präsidenten als werdenden Vater bescherte? Abgesehen von der freien Zeit, die den beiden nun zur Verfügung steht, um den elterlichen Pflichten für Tochter Giulia in Carlas Villa im 16. Arrondissement nachzukommen, geizt die Grande Nation auch nicht mit Rechten, die sie einem scheidenden Staatslenker ihrer Republik einräumt.

Neben freier Fahrt in der ersten Klasse auf dem Wasser, der Schiene (SNCF) und in der Luft (Air France) darf Sarkozy ein Dienstappartement mit Leibwächtern, Wagen und Chauffeur in Anspruch nehmen, von wo aus er bequem seine Geschäfte mit Hilfe eines kleinen Mitarbeiterstabs regeln kann. Auch seiner Gattin steht ein Sekretär zur Seite, der sich um die Stiftung von Carla Bruni-Sarkozy gegen Analphabetismus kümmern wird - vielleicht aber auch um ihre vierte CD, die im September erscheinen soll.

Frei von der Bürde des offiziellen Protokolls werden wir, so ist natürlich unbedingt zu hoffen, in den Genuss von Chansons kommen, die von ihrem Leben als Première Dame mit „Le Petit Nicolas“ handeln, wie Sarkozy (1,70 Meter) in Anspielung auf die famose Figur des französischen Kinderbuchautoren-Duos Sempé und Goscinny genannt wurde.

Cineastische Paartherapie wie bei „Eyes Wide Shut“

Bereits auf ihrem ersten Album hatte Bruni ja mit „Raphaël“ eine Hymne an ihren „teuflischen“ Liebhaber (“Diable de l’amour“) geschrieben. Und hat das Paar erst einmal die vielen Finanzaffären überstanden, die nicht erst während des Wahlkampfs zum Thema gemacht wurden, wäre auch eine berufliche Annäherung denkbar. Aus Hollywood ist ja hinreichend bekannt, dass die besten Schauspieler immer nur sich selbst spielen, von Jack Nicholson bis Bill Murray. Auf diese Weise könnte Sarkozy aus der Notlage, sich nicht verstellen zu können, eine Tugend machen.

Denn seine besten Auftritte sahen in ihren komischen Momenten stets so aus, als habe der große Schauspieler und Komiker Louis de Funès seine Finger im Spiel gehabt: Ob er sich zum Gruppenfoto auf die Fußspitzen stellte, um nicht als Kleinster dazustehen, oder dem britischen Premier Cameron nach einem europafeindlichen Veto in Brüssel die zum Gruß ausgestreckte Hand nonchalant verweigerte, was als „Le Snub“ in die Geschichte eingegangen ist. Oder, als Höhepunkt, die legendäre Pressekonferenz auf dem G-8-Gipfel in Heiligendamm nach dem „ausgiebigen“ Gespräch mit Wladimir Putin, als Sarkozy, sichtlich angetrunken, vor das Mikrofon trat und leicht lallend um Fragen bat, während seine Gesichtszüge hochkomisch entgleisten.

Da der Filmemacher Wes Anderson unter den Gegenwartsregisseuren den trockensten Humor hat und immer wieder Zeit in Paris verbringt, wäre ein Kammerspiel mit Bruni und Sarkozy denkbar, ähnlich der cineastischen Paartherapie, die Stanley Kubrick den realen Eheleuten Tom Cruise und Nicole Kidman mit der Schnitzler-Verfilmung „Eyes Wide Shut“ verschrieb.

In Deutschland gibt es keinen Olymp

Und dann ist da noch die Einladung von Angela Merkel: Er, Sarkozy, habe immer eine Tür in Berlin offen. Mit keiner Aussage hatte sich der französische Präsident bei seinen Landsleuten so unbeliebt gemacht wie damals, als er auf dem Höhepunkt seines Euro-Freundschaftskurses mit Merkel forderte, Frankreich solle sich doch, was die Arbeitsethik anbelangt, ein Beispiel an Deutschland nehmen. Die Franzosen sollten überhaupt deutscher werden, dann würde es ihnen auch insgesamt bessergehen, nicht nur finanziell.

Abgesehen von Sarkozys großem Idol John F. Kennedy - es heißt, er habe das Bild des amerikanischen Präsidenten mit dessen kleinem Sohn im Oval Office auf seinem eigenen Schreibtisch stehen - und der Bewunderung für Amerika, gibt es wohl kaum ein unpopuläreres Thema in Frankreich.

Vielleicht könnten wir Nicolas Sarkozy also ganz einfach nach Deutschland einladen, wo es zwar keinen Olymp gibt, aber eine Walhalla, um als streitbares Vorbild für eine neue Generation in der Politik jenseits der Konformität zu wirken. Diese würde sich, nicht nur dank Carla Bruni, von den vielen gesichtslosen und nichtssagenden Funktionären unserer Gegenwart in einer sehr französischen Kategorie angenehm unterscheiden: der Ästhetik.

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