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Egoistische Zweisamkeit : Ersatzreligion Liebe

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Es versteht sich von selbst, dass hier die Heilslehre des Gottes Liebe und handfeste kommerzielle Interessen reibungslos ineinandergreifen, denn an der notwendigen Optimierung der Wettbewerbsqualitäten verdienen viele mit. Der Körper ist in diesem Spiel das entscheidende Kapital, er muss in Form gebracht werden mit Diät, Fitness, Schminke, Frisur, Rasur und Waxing - vielleicht auch mit plastischer Chirurgie. Aber hat sich die Investition am Ende etwa nicht gelohnt, wenn sie hilft, die große Liebe zu finden? Muss man dem Zufall nicht manchmal ein bisschen auf die Sprünge helfen? So argumentieren alle, die am Geschäft mit der körperlichen Wertschöpfung und datenbankgestützter Partnervermittlung verdienen. Sie senden eine in sich völlig widersprüchliche Doppelbotschaft, die das Publikum nicht durchschaut: Einerseits soll die Liebe eine überirdische und übermenschliche Erfahrung sein, das unverhoffte Aufblitzen eines Götterfunkens im menschlichen Leben. Andererseits soll sie aber doch so gut planbar sein, dass man sich auf dem Weg zum Glück am besten den erfahrenen und stets kundenfreundlichen Profis anvertraut, die von der Brustvergrößerung bis zum Speeddating alles im Angebot haben, was der bald sicher glücklich Verliebte unbedingt braucht. Dass die fast industrielle Organisation dieses Geschäftes gerade erst richtig Fahrt aufnimmt, zeigen die rasant wachsenden Partnervermittlungen im Internet.

Natürlich hat das alles mit dem Alltag des Lebens wenig zu tun. Der Teil der Wirklichkeit, der nicht ins Bild passt, kommt in Werbung, Filmen und Songs nicht vor. „Es wird abgeblendet, bevor die Geschichten mit den Problemkindern, den sterbenden Eltern, dem eigenen Verfall und Verlust, der Arbeitslosigkeit, den Falten und Oberschenkeldellen kommen. Und unser Leben besteht - besonders ab 40 - zum großen Teil aus diesen Themen. Da wird es plötzlich ziemlich egal, was für ein schickes Brautkleid man mal getragen hat“, sagt die Philosophin Ohana.

Eine Ersatzreligion mit vielen Kollateralschäden

Zu den Kollateralschäden der Ersatzreligion Liebe gehören aber auch die vielen Menschen, die allein sind. Ihr Leben wird als defizitär wahrgenommen. Man vermutet, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Dass jemand freiwillig einen anderen als den Weg in die Partnerschaft geht, ist schlechterdings unverständlich. Dass jemand einen geeigneten Partner nicht gefunden hat, gilt als sein ganz persönliches Versagen. So oder so, er hat von seiner Umwelt bestenfalls Mitleid zu erwarten.

Wer dagegen sagt, er handele nun einmal aus Liebe und folge einfach seinem Gefühl, kann immer mit Verständnis und Zustimmung rechnen, auch wenn darüber ganze Familien zerbrechen, wenn der Mann seine Frau für eine Jüngere verlässt oder jemand zum fünften Mal heiratet. Wer sich auf die Liebe beruft, beschwört eine höhere Macht, die über jeden Zweifel erhaben ist. Vielsagend ist der Fall des Augsburger Professors für Moraltheologie Klaus Arntz. Als der katholische Priester 2012 im Gottesdienst bekanntgab, dass er sich verliebt habe (und zwar in eine verheiratete Frau mit zwei Kindern) und deshalb nun sein Priesteramt niederlegen werde, reagierte die Gemeinde nicht etwa schockiert, sondern mit stehenden Ovationen. Merke: Wer den Gott Liebe für sich in Anspruch nimmt, hat immer recht.

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