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Düstere Familiengeschichte : Ein Loch in der Erinnerung

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„Sie hat immer so schön mit uns gespielt“: Anna, damals vier, und ihre Mutter 1919. Bild: Sigrid Falkenstein Privatarchiv

Weil sie behindert war, wurde Anna von den Nazis ermordet. In ihrer Familie wurde nie über das Schicksal der jungen Frau gesprochen - bis der zufällige Treffer einer Suchmaschine ihre Nichte nach Jahrzehnten wieder auf ihre Spur brachte.

          Obwohl sie damals noch nichts von seinem dunklen Geheimnis wusste, war Sigrid Falkenstein schon als Kind fasziniert von dem alten Familien-foto. Es zeigt ihre Großmutter zusammen mit deren Tochter, ein Schwarzweißbild aus einer anderen Welt, aufgenommen nach dem Ersten Weltkrieg. Die Frisur der Großmutter scheint perfekt gesteckt. Zu ihrem langen, gestreiften Kleid trägt sie eine Perlenkette. Ihre Hand liegt schützend auf der Schulter ihrer Tochter. Auch die steckt in einem Kleid, im blonden Haar eine überdimensionale Schleife. Während die Großmutter milde lächelt, blickt Anna mit verkniffenen Augen in die Kamera.

          „Dieses Bild war wie gemacht für kleine Mädchen“, seufzt Falkenstein. Immer wieder betrachtete sie das Foto, träumte sich in die zwanziger Jahre. Als sie später von zu Hause auszog, nahm sie es mit. Hängte es an die Wand ihrer Berliner Wohnung. Über die abgebildeten Personen, Großmutter und Tante, wusste sie kaum etwas.

          Falkenstein ist zwar in einem Haus mit ihrer Großmutter aufgewachsen, im Ruhrgebiet. Doch über die Vergangenheit redet die unnahbare alte Frau nicht. Sie leidet an Depressionen und kommt nach einem Selbstmordversuch in den fünfziger Jahren in einer Nervenklinik. Über das kleine Mädchen auf dem Foto, von der Familie Änne genannt, wird nicht gesprochen. Irgendwann bekommt Falkenstein mit, dass Änne noch als Kind in einer Anstalt gestorben sein soll. Von einer leichten Behinderung ist hinter vorgehaltener Hand die Rede. Weiter nachzuhaken traut sich Falkenstein über all die Jahre nicht. Bis im Herbst 2003 der Treffer einer Internet-Suchmaschine eine Suche lostritt, die ihr Leben durcheinanderwirbelt.

          Die Erinnerung des Vaters scheint wie ausgelöscht

          Auf Wunsch ihres Vaters will Falkenstein die Stammtafel der Familie digitalisieren. Außerdem soll sie im Internet nach weiteren Hinweisen suchen. Und so tippt sie eines Abends den Namen ihrer Großmutter, Anna Lehnkering, in eine Suchmaschine. Ein Treffer macht sie neugierig. Auf einem israelischen Server entdeckt sie den Namen und ein Geburtsdatum. Daneben steht: „Murdered by German medical doctors between 1939 and 1948“.

          Das kann nicht sein!, schießt es Falkenstein durch den Kopf. Erst als sie noch einmal das Geburtsdatum anschaut, den 2. August 1915, versteht sie: Hier ist die Rede von ihrer Tante Anna, benannt nach der Großmutter. Entsetzt recherchiert Falkenstein weiter. Sie liest vom „Euthanasieprogramm“ der Nationalsozialisten, dem Tausende kranke und behinderte Menschen zum Opfer fielen. Sie liest von der „Aktion T4“, benannt nach dem Ort, Tiergartenstraße 4 in Berlin, an dem Ärzte über Leben und Tod entschieden. Bis tief in die Nacht sitzt Falkenstein vor ihrem Computer. Am nächsten Morgen ruft sie sofort ihren Vater an.

          „Das muss die Änne sein. Das Datum passt“, sagt er. Viele Fragen sprudeln aus Sigrid Falkenstein heraus: Was hatte Änne für eine Behinderung? Wo hat sie zuletzt gelebt? Kannst du mir sagen, wo sie beerdigt ist?

          Doch die Erinnerung ihres Vaters scheint wie ausgelöscht. Nein, sagt er, er wisse nichts, außer dass sie während des Krieges in einer Anstalt gestorben sei. Die gleiche Erklärung wie viele Jahre zuvor. Eine Anmerkung scheint ihrem Vater jedoch besonders wichtig zu sein: „Änne war so sanftmütig und lieb. Sie hat immer so schön mit uns gespielt. Sie konnte zwar nicht so gut lernen, aber das hat man ihr nicht angesehen. Sie sah ganz normal aus.“ Das Wort Behinderung verwendet er nicht.

          „Verlegt nach …“

          Falkenstein ist bestürzt über die „schwarzen Löcher“ in der Erinnerung ihres Vaters, wie sie heute sagt. Beim Berliner Bundesarchiv fordert sie deshalb die Patientenakte ihrer Tante an. „Es war ein unendlich schlimmes Krankenblatt, aus dem hervorging, wie elendig und qualvoll Annas Leben in der Anstalt war.“ Am Ende der Akte steht: „Verlegt nach . . .“ Falkenstein will herausfinden, was sich hinter den drei Punkten verbirgt.

          Einen weiteren Hinweis erhält sie dabei doch noch vom Vater. Er kramt eine alte handschriftliche Notiz hervor, die er im Nachlass seiner Mutter gefunden und all die Jahre aufbewahrt hatte. Darin beklagt sie den Tod ihrer „unvergesslichen Tochter Änne“, die am 23. April 1940, um zwei Uhr nachts, an einer Bauchfellentzündung gestorben sei. „So ein Irrsinn“, sagt Sigrid Falkenstein. Heute weiß sie, dass ihre Familie vom Regime der Nazis getäuscht wurde. Todesursache, Todeszeitpunkt und Todesort waren gefälscht.

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